Dreigestirn der modernen Kunst

Die Kunstsammlungen Chemnitz feiern die beiden 150. Geburtstage von Henry van de Velde und Edvard Munch mit einer gemeinsamen Ausstellung. Zu verdanken ist das dem Unternehmer Herbert Esche.

Von Michael Plote

Die beiden Jubiläen sind ein kalendarischer Zufall. Die Begegnung der beiden Künstler mit dem Unternehmer zeugen von einem europäischen Geist. Der Fabrikant Herbert Esche (1874-1962) entdeckt Ende des 19. Jahrhunderts in Paris den aufstrebenden Stern der europäischen modernen Kunst Henry van de Velde (1863-1957). Ihm überträgt er 1899 die komplette Inneneinrichtung seiner Wohnung in Chemnitz. Van de Velde etabliert sich in Berlin, wird 1902 künstlerischer Berater des Großherzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach und kommt nach Weimar.

Der Maler Edvard Munch (1863-1944) beginnt in den 1890er Jahren die europäischen Salons und Galerien zu erobern. Die beiden Künstler der Moderne begegnen sich erstmals 1903. Und 1905/06 in Chemnitz. Van de Velde empfiehlt Munch als Porträtisten der Unternehmerfamilie. 1902 entwirft Henry van de Velde die Villa Esche in Chemnitz im modernen Stil als Gesamkunstwerk, der erste realisierte Architekturauftrag des Alleskünstlers in Deutschland.

Die Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz versucht, genau diese Geschichte des Dreigestirns der modernen Kunst zu erzählen. Das gelingt mit herausragenden einzelnen Objekten und Bildern, wobei der Kontext der Kunstgeschichte nicht immer deutlich wird. Die Kunstsammlungen konnten einen privaten, anonymen Leihgeber überzeugen, seine Van-de-Velde-Sammlung zur Verfügung zu stellen.

Herausragend ist das Meißener Service in mattem Gold mit dem Peitschenhieb-Dekor von 1903/04. Das als festliche Tafel mit diversen Bestecken von van de Velde präsentierte Ensemble ist leider an einer langen, abgedunkelten Fensterfront mit gehörigem Abstand zum Betrachter aufgebaut. Das schmälert den Blick für Details wie auch den Gesamteindruck. In der opulenten Weimarer Schau ist die andere Variante des Meißener Services in Kobaldblau in der Preller-Galerie zu sehen.

Staunenswert sind in Chemnitz drei Polsterbänke und weitere einzelne Möbel van de Veldes aus dem Bestand der Kunstsammlungen. Hinzu kommen Silberbestecke in einer seltenen Vielfalt, wobei der Fertigungsprozeß von der Entwurfszeichnung van de Veldes über die Arbeitsmittel der ausführenden Silberschmiede bis zum fertigen Teil dokumentiert wird. Neun historische Fotos des Weimarer Hoffotografen Louis Held zeigen das von Henry van de Velde entworfene extravagante Tennisclubhaus in Chemnitz von 1908.

Und Munch? Zum Glück konnten die Kunstsammlungen die beiden von van de Velde inspirierten Munch-Porträts von Herbert und Hanni Esche ausleihen. Selbst verfügen sie über einen Bestand von 53 Werken Munchs, vor allem Papierarbeiten, hinzu kommen Leihgaben. In der Ausstellung sind frühe Radierungen aus den 1890er Jahren zu sehen, die einsame, liebende und leidende Menschen zeigen.

Die Chemnitzer Ausstellung ist ein wichtiger Mosaikstein im Jubiläumsjahr von Henry van de Velde und Edvard Munch. Sie öffnet den Blick auf die europäische Moderne um 1900 und die Verdienste des Fabrikanten Herbert Esche, diese Künstler zu fördern. Unbedingt empfehlenswert ist der Besuch des Henry-van-de-Velde-Museums in der sanierten Villa Esche, etwas abseits gelegen in der Parkstraße 58.

Ausstellung „Henry van de Velde und Edvard Munch in Chemnitz“

Laufzeit bis 8. September 2013

Geöffnet Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr

www.kunstsammlungen-chemnitz.de


Ein Pfund Fleisch als Pfand

Das Schauspiel-Ensemble des Deutschen Nationaltheaters Weimar verabschiedet sich mit Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“. Regisseurin Claudia Meyer kann sich nicht entscheiden, was sie inszenieren will.

Die ersten Bilder lassen hoffen, das könnte ein aufregender Theaterabend werden. Die Manager stecken im Fahrstuhl, im geschlossenen Raum. Geht es nach oben oder unten? Das Bild flimmert als Video über der Bühne, eine Parallelwelt.

Fahrstuhltür auf, hinein ins Leben, Licht flackert, Gestalten hetzten über die Bühne. Licht an. Börsenticker und Nachrichten laufen permanent auf Bildschirmen. Ein vielversprechender Auftakt. Danach geht es gemütlich und belanglos weiter. Und verwirrend, irritierend. Leider.

Regisseurin Claudia Meyer verläuft sich mit ihrer eigenen Spielfassung in Shakespeares unübersichtlichem Plot. Fast alles will sie inszenieren, statt zu fokussieren. Sie inszeniert: den entfesselten Finanzkapitalismus und die smarten Typen in Nadelstreifen, den reichen Juden als Geldverleiher und Geldeintreiber, Geld und Liebe, Musik als moralische Qualität betrachtet. Sie inszeniert weder Komödie noch Tragödie.

Die prägenden Gestalten bei Shakespeare gewinnen auf der Bühne des DNT keine Konturen. Der reiche Kaufmann Antonio (This Maag): ein Geschäftsmann, Freund, Antisemit? Von jedem ein bisschen und nichts richtig. Bassanio (Bastian Heidenreich), Antonios Freund, auf der Suche nach Geld und Liebe, soll die 3.000 Dukaten von Shylock, dem Juden, bekommen. Antonio bürgt mit einem Pfund Fleisch als Pfand – von seinem Körper.

Shylock, Nico Delpy, ist fehlbesetzt. Ihm fehlen Ausstrahlung, Charakter und Alter. Ein gerissener Geschäftsmann? Ein Christenhasser? Ein besorgter Vater? Nichts von alledem überzeugt. Den stärksten Eindruck hinterläßt Julia Gräfner. Sie ist Lanzelot Gobbo, Shylocks Diener, und der Doge von Venedig, der das Urteil nach Recht und Gesetz spricht.

Geld, Liebe, eine starke Frau. Das soll Portia sein, eine reiche Erbin. Kurzfristig übernahm Claudia Splitt die Rolle. Sie spielt das brav. Eine wirklich starke Frau spielt sie nicht. Die anderen Frauen bleiben konturlos. Ach ja, sie singen und sprechen, zuweilen, in Englisch. Das ist ganz nett und wirkt doch aufgesetzt.

Die Drehbühne rotiert und rotiert und rotiert. So nervös, wie die Typen über die Bühne hetzen und mit ihren Bürostühlen herumrollen, so zerfahren wirkt die Inszenierung, die letzte Premiere des alten Schauspiel-Ensembles, das fast komplett ausgewechselt wird.

Der neue Intendant Hasko Weber stellt ein neues Ensemble zusammen und eröffnet mit „Faust“ I am 6. September. Das ist doch eine Ansage in Weimar, die Erwartungen weckt.

© Michael Plote

Erweiterte Fassung veröffentlicht in Freies Wort Suhl