Achterbahn des Lebens

Geschafft. Einzelne Buhs, brodelnder Applaus. Die Inszenierung berührt. So oder so.
Geschafft. Einzelne Buhs, brodelnder Applaus. Die Inszenierung berührt. So oder so.

Starker Start von Hasko Weber mit „Faust I“ am Deutschen Nationaltheater Weimar. Faust auf der Achterbahn des Lebens. Ein Mensch: grüblerisch, am Boden zerstört, Mephisto befehlend, Margarete verfallend. Barfuß durch die Welten. Lutz Salzmann, Faust, trifft die Töne und Zwischentöne. Er lebt die Sprache und das Sprechen.

Mephisto ist ein Cowboy und ein Hüne von Gestalt. Sebastian Kowski hat eine Stimme, die ist eine Wucht: tief, sonor, klar. Erst ein beiläufiger Typ von Teufel, dann ein Geschäftemacher, Diener Fausts wider Willen. Ein geiler Bock mit Knoten im Schwanz.

Solche Zeichen setzt Regisseur Hasko Weber immer wieder. Faust ein Drogenjunkie. Der erste Blick zwischen Faust und Margarete geht geradewegs durch ein Büschel Haare, Schamhaare einer nackten Schönen. Das Bild, in Ausschnitten, ist eine Ikone der Kunstgeschichte: Der Tod und das Mädchen.

Hasko Weber lässt es krachen. In den Videos von Bahadir Hamdemir. Verhuschte Bilder, schnelle Schnitte, Technomusik in einem Tanztempel – so geht’s atemlos durch die Walpurgisnacht. Die Bilder und Geräusche machen wahnsinnig.

Das Ende, sie ist gerettet, das Licht geht aus. Eine magische Sekunde. Im Dunkeln herzt Faust, Lutz Salzmann, die junge Margarete, Nora Quest. Eine wunderbare Geste. Ein paar Buhs, brodelnder Beifall. Die Inszenierung berührt, so oder so.

© Michael Plote


Die Spannung steigt

Im Anfang ist der „Faust“ und vorher ein medialer Interview-Marathon. Unbedingt hörenswert, was und wie Hasko Weber auf „Figaros Fragen“ heute antwortet. Der neue Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar lässt neue Seiten an sich entdecken.

Sein Vorbild: Frank Castorf.

Ein Buch, dass Weber nicht rausrückt: „Der stille Don“. Als Pflichtlektüre in Klasse 8 in der DDR weggelegt, später den „harten Realismus“ darin entdeckt.

Was Schönes gekauft? Ein Grundstück in Weimar. Der Mann und seine Familie sind in Weimar angekommen und wollen bleiben.

Hasko Webers Stimme: unaufgeregt, uneitel, unprätentiös – energiegeladen, willensstark, zielstrebig.

Die Spannung steigt vor dem Premierendreiklang in Weimar an diesem Wochenende: Goethes „Faust I“, inszeniert von Weber, Wagners „Lohengrin“, uraufgeführt in Weimar am Goethe-Geburtstag 1850, „Weiskerns Nachlass“ nach Christoph Heins Roman, angekündigt als „die ernüchternde, aktuelle Antwort auf Faust.“

Das Interview zum Nachhören auf MDR Figaro: http://www.mdr.de/mdr-figaro/podcast/fragen/audiogalerie190.html


Wünsche oder Wahn-Vorstellung?

Wagners "Meistersinger" in Erfurt mit Weimarischer Staatskapelle, inszeniert von Erfurts Intendant Guy Montavon (2. v. l.)
Wagners „Meistersinger“ in Erfurt mit Weimarischer Staatskapelle, inszeniert von Erfurts Intendant Guy Montavon (2. v. l.)

Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ an der neuen Oper Erfurt mit der Weimarischen Staatskapelle und dem großen Opernchor von nebenan. Inszeniert von Guy Montavon.

Der Erfurter Generalintendant wünscht sich das zum zehnten Geburtstag seines neuen Opernhauses, heute verkündet vor Publikum auf der Bühne seines Hauses. Der Weimarer Kollege Hasko Weber ist gerade seit einem Monat frisch im Amt. Ob der für solche Vorstellungen, jetzt schon, offen ist? Oder ist das eine Wahn-Vorstellung von Montavon?

Der Erfurter Theaterchef wünscht sich auch Schauspiel-Gastspiele der Weimarer in Erfurt, das scheint realistischer, wenn auch nicht in dieser gerade eröffneten Spielzeit. Ach ja, träumt Herr Montavon weiter,„da wäre noch Platz für ein Ballett“ in Erfurt. Das gibt es dort nicht mehr. Auch nicht beim Nachbarn in Weimar. Das Erfurter Ballett könnte dann die Weimarer Bühne gleich mit betanzen.

Das ist doch hohe Theaterkunst und ein gutes Geschäft zwischen Nachbarn, die sich bisher nicht mochten. Das Publikum ist gespannt, was die Wirklichkeit bringt. (mip)