Herzogliches Museum Gotha: Noch einrichten, Samstag feiern und anschauen

Im Skulpturensaal.
Im Skulpturensaal.
Der Gothaer Tafelaltar 1539/41
Der Gothaer Tafelaltar 1539/41

72 Stunden vor der Eröffnung ist das Herzogliche Museum in Gotha noch eine Baustelle. Handwerker aller Art, Restauratoren, Museumsmitarbeiter haben alle Hände voll zu tun. Das ehemalige Museum der Natur zu Füßen von Schloss Friedenstein ist ein Schmuckstück geworden: außen und innen.

Beim ersten Rundgang mit Journalisten fallen große Worte: „Das bedeutendste Museum in den neuen Ländern“, übertreibt Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch. „Das größte Museum in Thüringen“, heißt es gleich mehrfach. Was ist Größe? Von einer „spektakulären Sammlung“ spricht Thüringens Kulturminister Christoph Matschie. Recht hat er. Andere Museen in Thüringen verfügen ebenso über einzigartige und wertvolle Sammlungen. Der Minister sollte öfter Museen besuchen.

Noch wird eingerichtet. Am Samstag, 19. Oktober, ist feierliche Eröffnung. Die langjährige Chefin des Moskauer Puschkin-Museums, Irina Antonowa, 91, soll auch eine Rede halten. Ab 16 Uhr und Sonntag von 10 bis 20 Uhr stehen die Türen des Herzoglichen Museums Gotha bei freiem Eintritt allen Besuchern offen. Machen Sie sich ein Bild von den Bildern, Skulpturen, ägyptischen Mumien, antiken Vasen, Fächern, Keramiken, chinesischen Kuriositäten, japanischer Lackkunst.

http://www.stiftungfriedenstein.de/index.php?id=1359


Lust auf Theater

„Ihr naht euch wieder…“, ja, ja, die schwankenden Gestalten. Dem Weimarer Dichter-Gott Goethe gehört das erste Wort. Seine erste Spielzeit am Deutschen Nationaltheater Weimar eröffnet der neue Generalintendant Hasko Weber programmatisch und pointiert. Das ist ein Versprechen.

Von Michael Plote

Das Publikum ist berührt. Nach „Faust I“, nach „Lohengrin“ und nach „Weiskerns Nachlass“, nach acht Stunden Schauspiel und Oper an drei aufeinanderfolgenden Abenden. Das Publikum applaudiert. Nur wenige sind empört und enttäuscht. Wobei: Premierenzuschauer sind eine eigene Spezies. Inszenierungen müssen im Alltag des Repertoirebetriebs ankommen und berühren.

Im Anfang nun der „Faust“, erster Teil. In der alten Zeit Schulstoff, auch für den DDR-sozialisierten Hasko Weber. Der will wissen, woran er mit Weimar und den Weimarern ist, die ihren Goethe kennen und deklamieren können. Tragödie? Eher nicht. Das Komödiantische soll leben. Die Last der früheren Weimarer Aufführungen? Interessiert nicht. Die Lust zur eigenen, zeitgenössischen Interpretation für, vielleicht, ein jüngeres Publikum ist das Ziel. Vor allem: Die Schauspieler sollen spielen, sprechen, singen, schweigen, einfach gutes Schauspiel bieten. Das gelingt mal mehr oder weniger.

Der Auftakt mit „Faust“ ist eine Annäherung an das Publikum. Was ist zumutbar? Also werden Zeichen gesetzt. Die Abonnentin, eine erfundene Figur, kommt aus dem Parkett auf die Bühne, mit Hut und Handtasche. Sie will „Taten sehen“. Der Faust ist ein Jammerlappen, ein Kerlchen, das sich windet. Oh Gott, will der wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält? Mephisto ist ein Hüne von Gestalt, ein Cowboy und Playboy. Noch so eine Gestalt, die nicht ins klassische Weimar-Bild passen will.

Gut so. Ein bisschen Unruhe um den Klassiker tut Weimar gut. Die pointierte Lesart, die beiläufigen und manchmal rotzig gesprochenen Dialoge regen an und manche auf. Da ist ein neuer Geist und Gestus auf der Bühne. Frische Luft vertreibt alten Mief und tradierte Sehgewohnheiten.

Neue Medien erobern die Bühne. Videos, klug integriert in die Inszenierung, entführen uns, zum Beispiel, in die Walpurgisnacht, einen Technotempel mit schnellen, überblendeten Bildern und verhuschten Gestalten. Was für ein Wahnsinn, direkt aus der Gegenwart hereingeholt. Im „Lohengrin“ wächst ein kubistischer „virtueller“ Baum, vergleichbar einem Feininger-Gemälde. Die Projektionsfläche ist blankes Holz. Der Video-Künstler Bahadir Hamdemir, festes Ensemblemitglied, demonstriert hier, wie handwerklich gefertigte Kulissen künftig vielleicht überflüssig werden.

Noch so eine alte Geschichte. Der „Lohengrin“, in Weimar zu Goethes 101. Geburtstag 1850 uraufgeführt. Das ganze Rittergehabe interessiert den jungen Gastregisseur Tobias Kratzer nicht die Bohne. Er will die alte Geschichte nicht mit Bedeutung aufladen. Die Sehnsucht nach einem Führer und die „Heil“-Gesänge können auch so schon mächtig nerven. Die Musik Wagners und die glänzenden Solisten verführen und beglücken, die Weimarische Staatskapelle unter Stefan Solyom spielt in Hochform.

Davon hätte sich der Kollege aus der Nachbarschaft überzeugen können. Der Erfurter Generalintendant Guy Montavon lässt sich aber in Weimar nicht blicken. Dabei träumt er von einer Kooperation mit dem DNT, die so geht: Ich, Guy Montavon, inszeniere in der Neuen Oper Erfurt „Die Meistersinger von Nürnberg“ mit der Weimarischen Staatskapelle und dem großen Weimarer Opernchor. So in die Welt posaunt von Montavon in Erfurt zum Tag der offenen Tür seines Theaters am 1. September. Soll man solchen Größenwahn ignorieren oder kommentieren?

Hasko Weber will sich mit seinem Ensemble ganz direkt in die Gegenwart und das Leben der Menschen einmischen. Mit „Weiskerns Nachlass“ nach dem Roman von Christoph Hein ist der Anfang gemacht. Das ist eine problemgeladene Geschichte, die auf der Experimentalbühne nicht überzeugend umgesetzt wird. Das kann passieren. Der Autor und das Publikum applaudieren, Kritiker kritisieren. Trotzdem. Die Brücke in die Gegenwart, in die Lebenswelten von heute, muss immer wieder geschlagen werden. Mit neuen Texten und Stücken, die zuspitzen, polemisieren, provozieren.

Drei Premieren an einem Wochenende, ein gelungener künstlerischer Kraftakt. So eine Trilogie scheint an anderen Bühnen in Thüringen nicht möglich. Das Repertoire wird in Weimar wachsen. Das Ensemble wird zusammenwachsen. Die Richtung ist richtig. Goethe hat das erste Wort. Andere Theatergötter haben auch was zu sagen. Sie werden zu Wort kommen. Die Lust auf Theater ist in Weimar neu entfacht. Beim Publikum und im Ensemble. Das ist doch ein vielversprechender Auftakt.

Nachtrag: Geschrieben am 09.09.2013, bestellt von Freies Wort, Feuilleton, und nicht veröffentlicht.