Neues wagen: Gesicht und Maske des Zeitgenossen

Beate Debus ist einem Geheimnis auf der Spur. Sie bekam dafür am 20. März in Weimar ein Kunststipendium des Freistaats Thüringen.

Blumen vom Kulturminister. Und einen Scheck dazu. Beate im Rampenlicht im Neuen Museum Weimar.
Blumen vom Kulturminister. Und einen Scheck dazu. Beate im Rampenlicht im Neuen Museum Weimar.

Was passiert im Inneren eines Kopfes? Wie drückt sich das im Gesicht aus? Oder ist dieser Ausdruck eine menschliche Maske? Gespielt? Verstellt? Sind das unterdrückte Gefühle und Gedanken?

Wache, reflektierte Beobachterin
Fragen über Fragen stehen am Beginn eines Projektes, mit dem die national und international etablierte und anerkannte Künstlerin Beate Debus (57) aus Oberalba in der Rhön einen neuen Schritt in ihrer Entwicklung wagt. Sie hat dabei konsequent die Menschen und die Gegenwart im Blick. Da bleibt sie sich treu als wache, reflektierte Beobachterin der Verhältnisse und des Verhaltens von Zeitgenossen. Der Titel des Projektes, für das sie am 20. März im Neuen Museum Weimar das Stipendium erhielt, lautet „Gesicht und Maske des Zeitgenossen“. Erste Antworten sucht Beate Debus, indem sie liest, vor allem Fachliteratur. Sie redet mit Experten wie Ärzten und Psychologen. Sie schaut in Ausstellungen wie kürzlich in der Schirn in Frankfurt/Main noch genauer hin, wie sie sich anregen lassen kann. Sie bittet eine gute Freundin, bestimmte Gefühle und Gedanken im Gesicht auszudrücken. Erste Skizzen und Zeichnungen entstehen. Denn das ist klar, Beate Debus ist vor allem eine Künstlerin, die dreidimensional arbeitet. Sie wird als Bildhauerin von lebensgroßen Holzskulpturen geschätzt. Die Köpfe werden Köpfe sein, dreidimensional.

Reflektieren, modellieren, experimentieren
In ihrem Atelier in Oberalba zeigt sie mir Köpfe, die vermutlich nicht in Ausstellungen, Galerien oder bei Sammlern zu sehen sein werden. Sie steht noch am Anfang ihrer Suche. Sie reflektiert, modelliert, experimentiert, prüft und hinterfragt, was sie da tut. An einem Kopf erklärt sie mir die Verbindung vom Auge zum Ohr, die Linien, Furchen, Flächen im Gesicht, dreidimensionale Gesichtslandschaften. Sie formt und formuliert sehr gern Gegensätze, Widersprüche in ihren Figuren. In diesem Fall ist es das Hell-Dunkel der zerklüfteten Oberfläche des Gesichts. Oder ist das eine menschliche Maske? Schon sind wir mitten in der Debatte. Beate sagt, die Maske überlappt das Gesicht. Wer zeigt heute schon, zumal in der Öffentlichkeit, reine Gefühle? Das ist eine gute Frage in Zeiten einer medialen Bilderflut, wo das Private öffentlich ist oder öffentlich gemacht wird. Wir diskutieren die These, dass Menschen im Alltag und in der Öffentlichkeit funktionieren müssen, eine Rolle spielen, einen Gesichtsausdruck aufsetzen, sich hinter einer Maske verstecken. Beate zieht einen Vergleich: Bei stark geschminkten Frauen wird das Gesicht zur Maske. Da kommt dann gleich der Gedanke an Clowns oder überhaupt an Schauspieler auf, die in eine Rolle schlüpfen, sie spielen, interpretieren, ausleben. Oder, wir sind mitten in der Gegenwart, an Fernsehmoderatorinnen, die Nachrichten lesen, durch eine Talkshow führen, Zuschauer informieren, verführen oder langweilen.

Auf den Kopf kommt es an
Gesicht und Maske des Zeitgenossen. Auf den Kopf kommt es an, den will Beate Debus gestalten, formen, ihm unverwechselbare Züge verleihen. In der Kunstgeschichte hat es dieses Sujet schon immer gegeben, der Kopf, das Gesicht, die Maske als Gegenstand der Kunst. Ganz klassisch im realistischen Porträt, gemalt und gezeichnet auf Leinen und Papier. Oder abstrakt auf wenige Striche und Linien reduziert. Dreidimensional gibt es nicht so viele Vorbilder und Anreger.

Verliebt in Holz, experimentieren mit Bronze. Beate vor ihrem Atelier.
Verliebt in Holz, experimentieren mit Bronze. Beate vor ihrem Atelier.

Der Schritt, den Beate jetzt wagt, ist logisch. Sie ist bekannt für ihre lebensgroßen Holzskulpturen – ohne Kopf. Da will sie jetzt hin, zum Kopf ohne Körper. Das Stipendium verschafft ihr Zeit und Freiraum um zu arbeiten, ohne gleich potenzielle Sammler, Käufer oder Galerien überzeugen zu müssen, ihre Kunstwerke zu kaufen. Die Künstlerin kann von ihrer Kunst leben. Das können nur ganz wenige in ihrer Branche. Gerade war sie auf der internationalen Kunstmesse art KARLSRUHE (Online-Katalog: Beate Debus) über zwei Galerien aus Berlin und Dresden, die sie verteten, präsent. An einem Stand in bester Gesellschaft mit Bernhard Heisig, Walter Libuda und Lutz Friedel.

Gegenläufiger Tanz. Drei Skulpturen in Bronze, kopflos. Jetzt erkundet und formt Beate Köpfe. Fotos: mip
Gegenläufiger Tanz. Drei Skulpturen in Bronze, kopflos. Jetzt erkundet und formt Beate Köpfe. Fotos: mip

Ein Galerist und Sammler aus Frankfurt/Main hat Beate entdeckt und lebensgroße Skulpturen bei ihr bestellt. In Bronze. Das ist eine Überraschung für mich. Beate Debus hat drei große Bronzen „Gegenläufiger Tanz“ fertiggestellt, dabei viel experimentiert, gelernt, gelitten. Sie zweifelte an sich und fragte Kollegen, Freunde um Rat, wie sie die Oberfläche und die Strukturen so hinbekommt wie bei ihren Holzskulpturen. Sie hat es geschafft, ich habe mich beim ersten, oberflächlichen Blick auf die Figuren täuschen lassen. Eine der drei Bronzen wird in der Toskana stehen, in einer Privatsammlung gemeinsam mit Skulpturen von Horst Antes. Das ist ein Ritterschlag.

Gerade sind Figuren und Zeichnungen von ihren Ausstellung aus Basel und Hannover zurückgekehrt. Demnächst folgen Ausstellungen  in Landau, Dresden, Weimar und Magdeburg. Die Bewerbung für die 6. Schweizerische Triennale der Skulptur in Bad Ragaz und Vaduz 2015, die BadRagARTz, ist auf dem Weg. Beate Debus schwärmt noch von ihrer letzten Teilnahme 2012, gemeinsam mit 80 Künstlern aus 17 Ländern. Ausstellen, Reisen, Reden bis in die Nacht mit Freunden und Kollegen und wieder nach Hause zurückkehren ins Atelier in Oberalba in der Rhön. Hier hat sie die Ruhe und Abgeschiedenheit, um konzentriert zu arbeiten. An Köpfen, an Gesichtern und Masken der Zeitgenossen. (miplotex)

PS. Der Text ist schon lange fertig und jetzt gedruckt worden. Diese Version habe ich für den Blog bearbeitet.

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