140 Zeichen oder mehr. Journalisten erzählen Geschichten

Ingo Schulze liest, der Journalist knipst und zwitschert. Foto. mip
Ingo Schulze liest, der Journalist knipst und zwitschert. Foto: mip

Bin ich bescheuert? Da sitze ich bei einer Lesung mitten im Publikum, fotografiere (nee, ich knipse) und zwitschere via Smartphone meine 140-Zeichen-Nachrichten plus Foto in die Welt. Das ist doch respektlos gegenüber dem Schriftsteller Ingo Schulze und dem Publikum. Ich störe doch nur.

Das ist mediale Gegenwart. Na ja, ein klitzekleiner Ausschnitt davon. Hat das was mit Journalismus zu tun? Mit Zukunft? Letzten Sonntag, Internationaler Museumstag auf Burg Ranis, das Museum stand kurz vor der Schließung. Das Land gab zwei Tage vorher Geld und grünes Licht, das Museum kann sich neu aufstellen und weiterleben.

Das ist eigentlich eine gute Geschichte wert, von guten Journalisten spannend erzählt. Denn das Museum in der Kleinstadt Ranis steht exemplarisch für strukturelle, personelle und finanzielle Probleme, die andere Häuser auch haben. Die Geschichte erzähle ich aber nicht, andere Journalisten auch nicht. Obwohl, um die Relevanz deutlich zu machen, in die Museen in Deutschland und Thüringen gehen mehr Menschen als in die Fußballstadien in Deutschland und Thüringen.

Diesen Vergleich habe ich Sonntag unter @museumstag getwittert. Das Smartphone hörte gar nicht auf zu brummen und zu summen. Retweets und Favoriten. Was hat das nur zu bedeuten? Die Digitalen vom Deutschen Museumsbund, die das Twitter-Gewitter organisierten, zwitscherten hinterher was von einer Reichweite von 6,5 Millionen. Ja, was? Habe ich nicht kapiert.

Die Zukunft der Medien? Die Zukunft des Journalismus? Medien und Journalismus sind schon sehr verschieden, aber ich will hier nicht theoretisieren. Geschichten erzählen (eine Idee, recherchieren, formulieren etc.) wird bleiben, wenn der Journalismus und die Journalisten (über)leben wollen. Ob in 140 Zeichen und vielen Fortsetzungen im Netz, dafür gibt es aktuelle Beispiele, oder gedruckt auf Papier, und das nennt sich Tageszeitung. Das heißt ja jetzt ganz modern und digital „Storytelling“, was für ein blödes Wort.

Gerade habe ich ein neues Digital-Abo bestellt, Süddeutsche Zeitung, zehn Wochen für knapp 50 Euro, bezahlt mit Kreditkarte. Binnen 30 Minuten hatte ich den freigeschalteten Zugang und konnte die aktuelle Ausgabe lesen. Ich hatte die SZ digital schon mal 14 Tage kostenlos auf Tablet, Smartphone und dem Desktop gelesen. Was Stefan Plöchinger und Kollegen von SZ digital anbieten, weist meiner Meinung nach in die Zukunft. Interaktive Grafiken etwa, wenn ich eine Fernbuslinie in meiner Region suche.

Oder was ZEIT digital und Jochen Wegner da anstellten mit der Recherche von Überziehungszinsen deutscher Geldinstitute. Die wollten nicht antworten, also fragten Wegner und Kollegen über soziale Netzwerke ihre Leser. Und so entstand eine interaktive Karte und Grafiken, wie es in Deutschland darum bestellt ist. Das weist ebenfalls in die Zukunft.

Über die Verhältnisse in unserem kleinen Thüringen sollte ich lieber schweigen. Die Verlage und Zeitungsgruppen haben keinen Plan, vieles erscheint zufällig. Das Digital-Abo von Freies Wort, das ich habe, ist eine PDF-Ausgabe der gedruckten Zeitung. Und ich kann die Bezahlschranke im Netz (desorientierende Adresse: insuedthueringen.de) öffnen, um auch meine wenigen Beiträge lesen zu können.

Ach so. Jetzt muss ich noch ein Lob loswerden, weil die drei Geschichten gut erzählt wurden. Das MDR-Fernsehen brachte einen kurzen Dreiteiler zum Internationalen Museumstag: drei Minuten lang aus drei Museen. Knappe Informationen, bewegte Bilder, Kinderlachen, neugierige Besucher in den Museen. Einfach gut erzählt.

Wenn das auch in Zukunft möglich ist, dann haben die Medien und der Journalismus eine Zukunft.

Michael Plote

PS. Bei FB und verlinkt auf eine Internetseite, habe ich Sonntag Abend doch noch eine kurze Geschichte über das Museum auf Burg Ranis geschrieben, nicht gut, nicht schlecht, ein Gebrauchstext, der bei FB gut geklickt wurde.

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