Distanzierter Rückblick

Onliner sind was Besonderes

Jetzt kenne ich die Kalkscheune in Berlin, gleich hinterm Friedrichstadtpalast. An diesem gastfreundlichen Ort trafen sich letzten Samstag 300 Online-Journalisten zu „Besser Online 2014“. Auch wenn ich kein Onliner bin, bin ich reingelassen worden.

Ja, Onliner sind was Besonderes. Das merke ich mindestens einmal im Jahr, wenn sie sich treffen, um über Trends und mit Trendsettern zu reden, an einem ganz realen Ort. Weil ich lernbegierig bin und wissen will, wohin die Journalisten-Branche unterwegs ist, fahre ich hin, höre zu, mache mir Notizen auf Papier (ojé, von vorgestern) und zwitschere nicht, wie fast alle anderen, unter #djvbo.

Journalisten: Digital und analog, zuhören und zwitschern bei Besser Online 2014.
Journalisten: Digital und analog, zuhören und zwitschern bei Besser Online 2014.

Den ersten Impuls setzte Wolfgang Blau, eingeflogen aus London, dort bei The Guardian Director of Digital Strategy. Er hat, was sonst, die globale Brille auf. Print- und Onlinemedien, oder sollte man sagen analoge und digitale Medien?, gehören zusammen. Wie bringen wir sie zusammen? Nee, bei der New York Times werden sie wieder getrennt. Was nun?

Und so geht es munter weiter und durcheinander, so dass ich informiert und irritiert bin. Ein paar Wortfetzen über die Dramaturgie von Texten im Netz, den 360-Grad-Leser (Was isn das?) und klassische Zeitungsverlage, die Wolfgang Blau in drei Schubkästchen steckt. Ich lasse hier die englischen Begriffe mal weg. Also Verlage, die sagen, „es ist vorbei“, dann welche, die meinen „Print hat Zukunft“ und solche mit der These „Online hat Zukunft“. Die Zweiten mit Print findet man vor allem in Deutschland, beobachtet der deutsche Guardian-Digital-Director. Belege liefert er nicht.

Globale Perspektive von Wolfgang Blau, The Guardian.
Globale Perspektive von Wolfgang Blau, The Guardian.

Nehmen wir harte Fakten. Die Tageszeitungen in Thüringen verkaufen immer weniger gedruckte Zeitungsexemplare, verkündet das Portal ivw, die Zählmeister der Branche. Der Trend hält seit Jahren an. Die ePaper, die sie verkaufen, liegen bei ein paar hundert Exemplaren, das kann man glatt vergessen im Vergleich zum papiernen Verkauf.

Das sieht bei der Süddeutschen Zeitung etwas anders aus. Stefan Plöchinger, Chefredakteur sueddeutsche.de, nannte in der Kalkscheune Zahlen: Aktuell 30.000 verkaufte Digital-Abos hört sich gut. Damit macht die SZ schon einen Umsatz, der halb so hoch ist wie der Anzeigenverkauf der gedruckten Ausgabe. Die Rhein-Zeitung aus Koblenz hat im August 2014 überall Bezahlschranken heruntergelassen. Und verkauft zur Überraschung ihres Chefredakteurs Christian Lindner sogar den Zugang zur Website für gutes Geld an ein paar hundert Interessenten. Aber das nur nebenbei.

Vielleicht noch ein Gedanke von Wolfgang Blau, der mich umtreibt. Was tun Journalisten? Verkürzt hier aufgeschrieben: Sie analysieren, kommunizieren und verkaufen. Die Frage, so oder ähnlich gestellt, und die Antworten darauf klangen immer wieder bei Besser Online durch, ob in Pausengesprächen oder auf den Podien. Aber das ist eine eigene Geschichte wert, was wir tun und was wir nicht tun sollten.

Was habe ich Neues gelernt? Der Begriff „Datenjournalismus“ ist doch was Konkretes und vor allem ein Recherchewerkzeug, wo richtig gute Geschichten entstehen können. Stefan Wehrmeyer betreibt das Portal fragdenstaat.de und arbeitet auch für correctiv. Er nennt sich selbst nicht Journalist oder Onliner, sondern investigativer Ingenieur und Programmierer. Die technischen Dinge, über die er redete, habe ich nicht kapiert, aber das Ergebnis, worauf es ankommt. Gute Recherche-Ideen, juristische Kenntnisse (Stichwort Informationsfreiheitsgesetze des Bundes und der Länder), Stehvermögen. Dann kommt, hoffentlich, eine richtig gute Geschichte raus. Die muss dann „nur noch“ gut verkauft werden. Ein klasse Podiumsgespräch, kompetent gefragt und moderiert von Bernd Oswald, den ich als Trainer für digitalen Journalismus kenne und schätze.

Die Buchstabenfolge SEO kannte ich bis letzten Samstag nicht – muss ich gestehen. CEO ja, SEO nicht, also das steht für Suchmaschinenoptimierung. Davon hatte ich gehört, aber was bringt das? Jana Lavrov ist Editorial SEO bei Zeit online und konnte eine Menge darüber erzählen, warum welche Begriffe, Schlüsselwörter von Suchmaschinen geschätzt, genutzt oder negiert werden. Das Thema SEO hat für mich noch viele Fragezeichen, da muss ich mal Geduld und ein bisschen Zeit investieren.

Stefan Plöchinger plaudert über die neue SZ am Wochenende und die digitale Zeitungswelt. Alle Fotos: mip
Stefan Plöchinger plaudert über die neue SZ am Wochenende und die digitale Zeitungswelt. Alle Fotos: mip

Bleibt Stefan Plöchinger, der immer was zu sagen hat und natürlich, wie alle anderen auch, eigene Interessen bzw. die seiner Zeitung sueddeutsche.de verkauft und verbreitet. Wie die just an dem Wochenende erstmals aufgeblasene Samstagsausgabe der SZ, die jetzt eine Wochenendzeitung sein will, natürlich als digitale Ausgabe verfügbar ist mit allen Aktualisierungen bis zum Sonntag, also Fußball und so was. Hat übrigens ´nen stolzen Einführungspreis von knapp 20 Euro, was ich erstmal dankend abgelehnt habe. Das Wochenende als Lesezeit von Print- und digitalen Zeitungen wird als ein Trend verkauft. Sagten jedenfalls einige der Trendsetter in der Kalkscheune. Na ja, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung beweist das schon seit über zehn Jahren. Die lese ich nämlich seit Anbeginn, in der Regel mit Gewinn und Genuß, manchmal mit Verdruß, das gehört dazu.

Jetzt habe ich schon über 5.000 Druckzeichen geschrieben, viel zu viel. Wer soll das lesen? Doch. Bei der Lektüre im Netz können mittlerweile ganz viele Fakten ermittelt und in Zahlen dargestellt werden. Aber Zugriffszahlen und Klicks sind nicht entscheidend, sagt Chefredakteur Christian Lindner. Wie er die Rhein-Zeitung fit macht und verkauft, was er darüber in der Kalkscheune Berlin berichtete, kann man demnächst hier lesen. Schließlich muss ich zwischendurch Geld verdienen.

Zum Schluss: Besser Online ist gut. Besserer Journalismus ist dringend notwendig. Also Onliner, ihr seid was Besonderes und trotzdem stinknormal, nämlich (und hoffentlich) Journalisten.

2 Kommentare zu “Onliner sind was Besonderes”

  1. Hallo Michael,

    ich war bei Besser Online dabei und bin wie du reingekommen, obwohl ich auch keine Onlinerin bin.

    Danke für deinen ausführlichen Blogpost. Ich habe ihn gerne zu Ende gelesen. So konnte ich in ein paar Vorträge reinlesen, die ich selbst nicht besucht habe. Und: Ich habe auch über die Tagung gebloggt. Da ist es für mich immer interessant, andere Blogbeiträge zu lesen.

    Grüße aus Berlin – Insa

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