Klicks und Trends 2014

Menschenjäger aller Art

Zwölf Millionen Besucher zählte die Tageszeitung Thüringer Allgemeine (TA) im Jahr 2014 auf ihrer Internetseite. Die am meisten gelesenen Artikel handeln von Menschenjägern aller Art. Was sagt uns das über die Zeitung und ihre Leser?

In der Ausgabe von heute in der Rubrik „TA-Online. Am meisten geklickt“ werden folgende Themen und Texte genannt: gefährlichste Orte in Thüringen, ein Toter, ein Stinkefinger, ein Großbrand, Bodo Ramelows Immunität. Tragische, komische, skurrile, provozierende Themen und ein bißchen Politik interessiert die Internetnutzer der TA. Das scheint repräsentativ zu sein und steht im alltäglichen Widerspruch zum redaktionellen Selbstverständnis der Thüringer Allgemeine, zu lesen im Zeitungskopf auf der Titelseite: „Unabhängige Zeitung für Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport“.

Auf TA Online am meisten geklickt.
Auf TA Online am meisten geklickt.

Die klassischen Themen werden nicht geklickt bzw. gelesen.

Die Liste der zehn im Jahr 2014 am meisten geklickten bzw. gelesenen Artikel auf der Internetseite der TA enthüllt, wonach Leser bzw. Nutzer schauen. Vor allem sind es Texte über Menschenjäger aller Art. An der Spitze tummelt sich der Großwildjäger eines Thüringer Ministeriums, der Tage lang durch die Internetseiten und Zeitungsspalten geisterte. (Anmerkung: nicht der Minister, wie in der Bildunterschrift der TA falsch geschrieben, sondern ein hoher Ministerialbeamter, war auf Großwildjagd.)

Versteckt im Netz unter Vermischtes und mit Fehler (Minister war nicht Großwildjäger). Screenshots: mip
Versteckt im Netz unter Vermischtes und mit Fehler (Minister war nicht Großwildjäger). Screenshots: mip

Vorgeführte, flüchtende, blöde und tote Menschen sind der bevorzugte Lesestoff von TA-Nutzern. Das Internetportal der Zeitung bietet solchen Stoff frei Haus, den viele Leser verschlingen. Das finde ich zum Kotzen. Das ist ein Dilemma von vielen Zeitungen, Sendern und Onlineportalen, die das Geschäft des Journalismus betreiben und verkaufen müssen. Sie müssen Aufmerksamkeit erregen und Klicks generieren, koste es, was es wolle.

Manche Leser beschimpfen gerade pauschal manche Medien, lassen Frust ab, fühlen sich als Verlierer, sind nicht bereit, differenziert und reflektiert ihren Alltag wahrzunehmen. Das ist ein Problem für die Medien und die Leser, das ich hier nicht lösen kann. Den Lesern bedingungslos hinterher rennen und schreiben, was sie lesen möchten, ist auch kein Konzept.

Die meisten journalistisch geprägten Medien haben keine Idee, keinen Plan, kein Konzept, wie in der digitalen Gesellschaft aktueller, nachdenklicher, guter Journalismus unter die Leute gebracht und verkauft werden könnte. Die Süddeutsche Zeitung, zum Beispiel, experimentiert und probiert, verkauft aktuell ca. 30.000 digitale Abos. Ich lese gerade für vier Wochen die digitale Ausgabe von sueddeutsche.de für 19,99 Euro. So ein Angebot gibt es von Thüringer Tageszeitungen nicht.

Noch was zu den Nutzerzahlen der Thüringer Allgemeine, zwölf Millionen in 365 Tagen. Das sind pro 24 Stunden  32.877 Besucher oder pro Stunde 1.370. Wie viele Besucher davon öfters vorbeischauen, wie lange sie verweilen und wie aufmerksam sie was lesen – darüber hüllt sich die Thüringer Allgemeine in Schweigen. Wie sind die Zahlen zu bewerten?

Die TAGESZEITUNG taz hat gerade ihre Liste der zehn am meisten geklickten (nicht gelesenen) Artikel des Jahres 2014 veröffentlicht und  ihr Internetpublikum genauer betrachtet. Fazit: Kommentare, Polemiken und Satire laufen gut, harte Themen und Recherchen eher nicht. Der am meisten aufgerufene Artikel kam auf 1,3 Millionen Klicks: Der Kommentar zu den Feierlichkeiten nach dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft der Herren kritisierte die Kommerzialisierung und den „Gaucho-Tanz“. Also: ein Text mit 1,3 Mio. Klicks.

Da relativieren sich doch die Nutzerzahlen der Thüringer Allgemeine: Zwölf Millionen Besuche in 365 Tagen.

Übrigens: Die aktuelle verkaufte Auflage der papiernen taz beträgt 57.000 Exemplare, transparent nachzulesen auf der Internetseite inklusive der Klicks und was da noch so alles gezählt wird im Netz und auf Papier. Die Print-Auflage der TA beträgt ca. 160.000 Exemplare. Weitere vergleichbare Zahlen wie bei der taz veröffentlicht die TA nicht.

Was bleibt? Was kommt? Ich schaue weiter vorbei im Netz, welche Themen und Trends die Thüringer Allgemeine setzt, und ich lese als Abonnent die papierne Erfurter Ausgabe.

Geht die Bezahlschranke im Netz irgendwann runter? Dann muss die Zeitung Lesestoffe bieten, die den Euro wert sind. Texte über Menschenjäger aller Art bezahle und lese ich nicht.

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