Kultur neu denken und gestalten

Balancen zwischen Pflicht und Gestalten

Das KEKS ist gebacken. Wie geht es weiter? Auf der Veste Heldburg hörten rund 90 Kulturakteure, Politiker und Verwalter konkrete und wolkige Worte über ein Kulturkonzept für Südthüringen. Unklar bleibt: Welche Taten folgen?

Was ist KEKS? Die Abkürzung steht für KulturEntwicklungsKonzept Südthüringen. In nur elf Monaten haben externe Berater vom Institut für Kulturpolitik Bonn im Auftrag des Freistaats Thüringen die Lage in den Landkreisen Hildburghausen und Sonneberg recherchiert, analysiert und vor allem mit Kulturakteuren und Verwaltungen vor Ort diskutiert. Entstanden sind umfangreiche Protokolle, Bestandsaufnahmen und Handlungsempfehlungen, alles dokumentiert und veröffentlicht auf einer frei zugänglichen Internetseite.

Da beginnt ein kleines Kommunikationsproblem. Wer findet und wer liest das ganze Material? Wer setzt sich damit auseinander? Landrat Thomas Müller (Hildburghausen) hat sic h „briefen“, also informieren lassen, bekannte er während der „Regionalen Abschlussveranstaltung auf der Veste Heldburg“. Vielleicht hätte er doch mehr Zeit investieren sollen, um im Original zu lesen, was die Kulturberater analysiert und empfohlen haben. Dazu später mehr.

Bürgermeisterin Anita Schwarz (Bad Colberg-Heldburg) formulierte zu Beginn einen Schlüsselsatz: „Ohne die Menschen vor Ort geht es nicht.“ Diese Worte verloren sich irgendwie im Saal. Kulturberater Patrick S. Föhl erinnerte später an die Aufgabe: „Wir hatten keinen Spar-, sondern einen Entwicklungsauftrag.“ Der lautete, kurz gefaßt, ein Kulturentwicklungskonzept für die Landkreise Hildburghausen und Sonneberg „mit modellhaften Ansätzen“ zu erstellen, also nachhaltig, zukunftsorientiert und für andere Kulturregionen adaptierbar, nachnutzbar.

Zuspruch und Widerspruch für Thüringens Kulturminister Hoff.
Zuspruch und Widerspruch für Thüringens Kulturminister Hoff.

Der Minister für Kultur Benjamin-Immanuel Hoff redete als Erster zu KEKS. Seine Ausgangsthese lautete: „Kultur ist ein Luxus, den wir uns gönnen wollen.“ Dafür gab es nicht vor Ort, aber in sozialen Netzwerken Widerspruch. Ex-Kultursstaatssekretär Thomas Deufel postete: „Luxus? Gönnen? Kommt mal runter vom Gutsherren-Trip.“ Kulturminister Hoff gab Denkanstöße, etwa zu etablierten Strukturen im Kulturbereich (Vereine) und temporären Projekten, die eher junge Leute ansprechen. Er stellte Fragen, etwa nach modellhaften, dauerhaften, auf das ganze Land übertragbaren Lösungen. Er lobte die Kooperationsbereitschaft der Kulturpartner über Kreisgrenzen hinweg.

Landrat Thomas Müller legte ein hörbares Bekenntnis zur freiwilligen Aufgabe Kultur ab: „Zum Gestalten gehören freiwillige Aufgaben“, der Landkreis wolle auch „für das Gemeinwohl“ tätig sein. Im gleichen Atemzug nannte er die finanziell bindenden Pflichten, etwa im Jugend- und Sozialbereich. Spannend wäre die nicht gestellte Frage gewesen, ob und wie sich Pflichtaufgaben mit gestaltenden, freiwilligen Leistungen verbinden lassen. Also: Jugend und Kultur, Soziales und Kultur zusammen denken und in der praktischen Politik umsetzen. Landrätin Christine Zitzmann (Sonneberg) erhofft sich nachhaltige Lösungen für die Kulturlandschaft. Und sprach gelassen den Satz aus, „es geht nicht ohne Finanzen“, ohne dabei ein Klagelied anzustimmen.

Dann die Analyse mit Stärken und Schwächen sowie mit Handlungsempfehlungen der Kulturexperten aus Bonn. Dabei deckte die Bestandsaufnahme strukturelle, personelle, finanzielle und kommunikative Defizite auf, ausführlich nachzulesen im Internet. Erstaunlich für den Berichterstatter die Aussage, „viele Kulturakteure kannten sich vorher nicht.“ Vorher meint, vor den kulturspartenübergreifenden Workshops mit den Akteuren vor Ort. Norbert Sievers, der andere Projektverantwortliche aus dem Bonner Kulturinstitut, sprach von „Balancen jeder Kulturpolitik“, um das an gegensätzlichen Wortpaaren deutlich zu machen, etwa bewahren und erneuern, kooperieren und konkurrieren, institutionell und projektbezogen fördern.

Museumsdirektor Werneburg (links) kann sich Zusammenarbeit in einem Museumsverbund vorstellen. Fotos: mip
Museumsdirektor Werneburg (links) kann sich Zusammenarbeit in einem Museumsverbund vorstellen. Fotos: mip

Die weitestgehende Handlungsempfehlung lautet: Gründung eines Museumsverbundes für beide Landkreise, aufgeschrieben auf 89 Seiten. Die Kulturberater begründen ihren Vorschlag, den sie in der Diskussion mit Museen vor Ort entwickelt haben, differenziert, nachvollziehbar und pragmatisch. Die erste Reaktion von Museumsdirektor Ralf Werneburg (Schleusingen) lautete: „So einen Museumsverbund kann ich mir vorstellen.“ Kulturexperte Föhl gab ein Ziel vor: „Die Museen könnten ein Knotenpunkt für Kulturtourismus und kulturelle Bildung in der Region werden.“

Wie geht es jetzt weiter? Das ist noch unklar. Kulturstaatssekretärin Babette Winter sprach in der abschließenden Podiumsdiskussion etwas wolkig davon, den Museumsverbund „mit einem gewissen Maß an Finanzen und Stellen unterstützen zu wollen.“ Das Land, die Abteilung Kultur in der Thüringer Staatskanzlei, plant mit 250.000 Euro in diesem und je 500.000 Euro in den nächsten beiden Jahren den Prozess fortzuführen, war anschließend zu hören.

Am 17. April werden auf dem 5. Thüringer Kulturforum in Arnstadt die Ergebnisse und Erkenntnisse von KEKS und der Modellegion Nord (Kyffhäuserkreis und Landkreis Nordhausen) interessierten Kulturakteuren in Thüringen vorgestellt. Vielleicht gelingt es, einen Schub auszulösen, um Kultur in Thüringen neu zu denken und zu gestalten, wenigstens ein bißchen.

PS (1). Den Text habe ich am 14.03.2015 geschrieben, am Morgen nach der Veranstaltung auf der Veste Heldburg. Er ist am 17.03.2015 in der Tageszeitung Freies Wort (Print, ePaper) veröffentlicht worden.

PS (2). Bei Twitter und Facebook habe ich vor allem über die sich abzeichnende Perspektive des Kulturentwicklungsprozesses in beiden Modellregionen gepostet und viele Reaktionen erhalten. Darüber werde ich hier im Blog noch schreiben.

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