Christiane Vulpius

Unmögliches möglich machen

Die Leute lesen, lesen, lesen. Manche bis zu einer Stunde. Christiane, der Freundin und Frau Goethes, widmen die Klassik Stiftung Weimar und der Freundeskreis des Goethe-Nationalmuseums eine Ausstellung zum 250. Geburtstag.

Das Gedränge ist groß im kleinen Kabinett im Kirms-Krackow-Haus in Weimar, das auswärtige Besucher finden müssen. „Christiane Vulpius. Goethes Freundin und Frau“ lautet der Titel der Ausstellung zum 250. Geburtstag. Manche Besucher lesen an dem Donnerstag Nachmittag wohl alles, was in Vitrinen, an Wänden und herabhängend im Raum zu lesen ist. Das überrascht den Beobachter. Und wiederum nicht.

Zum 250. Geburtstag Goethes 1999 erschien von Sigrid Damm „Christiane und Goethe. Eine Recherche“. Das Buch wurde zum Bestseller, weil die Autorin literarisch-dokumentarisch, umfassend, differenziert und mit Sympathie für Christiane sich der Geliebten, Freundin und Frau Goethes näherte, die wilde und die unstandesgemäße Ehe, den Klatsch und Tratsch des Weimarer Hofes im Blick. Goethe hatte „runden“ Geburtstag und die scheinbar unscheinbare Frau an seiner Seite stand auf einmal im Licht der Öffentlichkeit. Was für ein Ereignis.

Versteckt in Weimar. Ausstellung zum 250. Geburtstag von Christiane Vulpius.
Versteckt in Weimar. Ausstellung zum 250. Geburtstag von Christiane Vulpius.

Jetzt, zum 250. Geburtstag von Christiane Goethe geborene Vulpius, öffnet eine kleine Ausstellung. Chronologisch und thematisch geordnet, hängt Tafel neben Tafel, in Vitrinen liegen Faksimiles von Briefen und anderen Dokumenten. Sie beschreiben, zitieren, reflektieren das Leben Christianes von der Geburt bis zum Tod. Die Leute lesen das mit Ausdauer und Mühe bei schlechtem Licht.

Am 12. Juli 1788 kreuzen sich Christianes und Goethes Weg und Blick erstmals in Weimar. Sie bittet für ihren Bruder, er ist verzaubert von ihren Augen und dem lockigen Haar. Diese Schlüsselszene spielen Veronica Ferres und Herbert Knaup still und zurückhaltend. Und doch explodiert da etwas, der Beginn einer großen Liebe. Der Kinofilm von 1999 „Die Braut“ von Egon Günther, gedreht in Weimar, erreichte nicht das breite Publikum, aber große Aufmerksamkeit bei Kennern und Verehrern der Weimarer Klassik.

Über den 12. Juli 1788 ist in der Weimarer Ausstellung zu lesen: „Die Liebe macht vieles Unmögliche möglich.“ Das bleibt abstrakt und weckt doch die Filmbilder. „Arm und kleiderlos war das Mädchen, als ichs geworben; Damals gefiel sie mir nackt, wie sie mir jetzt gefällt“, schreibt Goethe in den Venezianischen Epigrammen. In Versen und Briefen findet sich Christiane immer wieder. Ausschnitte und Auszüge aus allen Liebes- und Lebensphasen können nachgelesen werden. Ob sich die eigentümliche Sprache immer entschlüsseln lässt? „Schlampamps, Äugelchen, Hasig, Gramseln, Pfuiteufelchen, Krabskrälligkeit.“

Der Alltag in Weimar, die Liebesbeziehung, die wilde und dann unstandesgemäße Ehe, die Urteile und Vorurteile der feinen Weimarer Gesellschaft über Christiane („dummes Liebchen“), die Geburt von fünf Kindern, von denen nur August überlebt – das alles hätte Stoff für eine umfassendere Ausstellung sein können. Das war aber offensichtlich nicht gewollt – oder machbar. Ein knappes Faltblatt ist elektronisch im Internet verfügbar, am Tag unseres Besuches ist das gedruckt nicht erhältlich. Begleitende Veranstaltungen sind angekündigt, konkret ist nichts zu erfahren, auch nicht im Netz. Die Ausstellung ist nur an Wochenenden und donnerstags und freitags am Nachmittag geöffnet. Alles sehr schade.

Christianes Grab auf dem Jakobskirchhof in Weimar. Fotos: mip
Christianes Grab auf dem Jakobskirchhof in Weimar. Fotos: mip

Am 6. Juni 1816 stirbt Christiane, Goethe ist geschockt und schreibt: „Der ganze Gewinn meines Lebens | Ist, Ihren Verlust zu beweinen.“ Gewinn und Verlust? „Endlich eine Ausstellung über Christiane Vulpius“, steht im Besucherbuch. Dennoch ist eine Chance vergeben worden, die 29 Jahre währende Beziehung zwischen Christiane und Goethe umfassend, differenziert, in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit und in ihren Bezügen zur Gegenwart in einer Ausstellung zu erzählen.

Kabinett-Ausstellung
„Christiane Vulpius. Goethes Freundin und Frau“
Kirms-Krackow-Haus in Weimar | Jakobstraße 10
geöffnet Do/Fr 13:30-17 Uhr und Sa/So 10-17 Uhr

Der Beitrag erschien am 20.06.2015 im Feuilleton der Tageszeitung Freies Wort.

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