"Alles unter Kontrolle"

Abgehört wird immer noch und überall

Unsere Daten sind nicht sicher. Das ist zum Verzweifeln. Im Sommerpalais in Greiz haben 78 Karikaturisten „Alles unter Kontrolle“. Die 8. Triennale der Karikatur ist sehens- und nachdenkenswert, ein bisschen bitterböse.

Alle drei Jahre muss sie ein Thema finden, das aktuell und über den Tag hinaus für Zündstoff und Ideen sorgt. Karikaturisten in Deutschland sollen animiert werden, den Wahnsinn und Irrsinn des Alltags in Bildern, Cartoons und Zeichnungen zu fassen. Eva-Maria von Máriássy, Direktorin der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung Greiz, ist das zur 8. Triennale messerscharf gelungen. „Alles unter Kontrolle“ lautete der Anstoß, den sie vor zwei Jahren gab.

Edward Snowden enthüllte und dokumentierte im Sommer 2013, was wir ahnten, befürchteten, verdrängten. „Alles unter Kontrolle“ ohne Punkt, Komma, Frage- oder Ausrufezeichen. Wir werden immer und überall abgehört, beobachtet, gefilmt. Keiner von uns Bürgern weiß so recht, was mit seinen Daten passiert.

Wir sind vernetzt und digital unterwegs, viele fast immer online. Die kleinen Dinger in den Hand- und Hosentaschen, Smartphones genannt, sind die wahren Herrscher und Beherrscher unseres Alltags. Sie öffnen Fenster in bekannte, unbekannte Welten, zu bekannten, oft unbekannten Menschen. Der digitale Wahn und Sinn mit Smartphones und anderen internetfähigen Geräten eröffnet Neugierigen aller Coleur die reale Chance, mitzulesen, mitzuschauen, abzuhören, zu speichern. Das passiert im Alltag. Das hat Edward Snowden enthüllt.

Beobachtet. Die Direktorin beim TV-Interview mit Raute.
Beobachtet. Die Direktorin beim TV-Interview mit Raute.

Das von Eva-Maria von Máriássy angeregte Thema ist ein Aufreger immer noch und täglich wieder. Es führte bei den eingeladenen Karikaturisten aus ganz Deutschland zu gedanklichen Höhen- und Tiefflügen, absurden und aberwitzigen Zeichnungen, wenige auch langweilig, weil zum Beispiel wortlastig. Das Bild sollte primär die Botschaft sein, nicht das erklärende Wort.

Von 78 Karikaturisten aus ganz Deutschland sind über 240 Bilder im Greizer Sommerpalais ausgestellt.  Sie bannen blöde, leichtgläubige, ge- und enttäuschte Bürger aufs Blatt. Der eine hebt ab, weil niemand seine Daten sammelt. Der andere bekennt in der Selbsthilfegruppe, „ich sammle anlasslos Vorratsdaten.“ Der eine wird datentechnisch nackig gemacht, ohne dass er es merkt. Der andere zeigt der Internetkamera gleich den nackten Hintern. Diese bitterböse Pose lässt den Betrachter jauchzen und heulen. Solche Motive sind eher die Ausnahme.

Beobachter beobachtet. Karikaturist (erkannt?) schaut auf Kollegen herab.
Beobachter beobachtet. Karikaturist (erkannt?) schaut auf Kollegen herab.

Die Karikaturisten zeichnen Politiker und zeigen deren verhamlosende Sicht auf die Abhörskandale, auch wenn sie selbst betroffen sind. Abhören unter Freunden geht sehr wohl, Frau Merkel. Obama grinst, Hollande und Merkel irren als Hänsel und Gretel, Hand in Hand, durch den dunklen Wald. Obama telefoniert mit Merkel, redet mit ihr aber nicht über die NSA, die hört ja mit. Merkel balanciert auf einem Seil, aufgespannt zwischen Berliner Fernsehturm und New Yorker Freiheitsstatue, über dem Abgrund.

Die Brieftaube leidet an Burnout, weil sie durch die Lüfte schwere papierne Briefe befördern muss. Gottvater ist nicht mehr die höchste Instanz im Himmel. Über ihm schwebt der Typ von der NSA. Der RABE, Ralf Böhme aus Bad Liebenstein, führt eine spitze Feder. Der Spanner mit Fernglas am gegenüberliegenden Fenster, oh Gott, ist nicht von der NSA. Wie tröstlich, findet das Bernd Zeller aus Jena.  Christoph Feist aus Erfurt zitiert Politiker und karikiert böse deren Blablabla von Sicherheit und Privatsphäre.

Die Party doch geht weiter - oder? Fotos: mip
Die Party geht doch weiter – oder? Fotos: mip

So sind die Verhältnisse, so verhalten sich Bürger, Politiker, Spione, Spitzel, Freunde, Feinde zu- und gegeneinander. Die einen regen sich auf, andere ab. Die einen sind gelassen, andere entschlossen, sich mit dem allumfassenden Abhören, Überwachen, Daten sammeln nicht abzufinden. Die Welt ist aus den Fugen. Selbst wenn wir den Stecker ziehen, offline gehen.

Die Karikaturisten interpretieren den Überwachungswahn verschieden. Die Bürger können, müssen das ändern.

„Alles unter Kontrolle“
8. Triennale der Karikatur
SATIRICUM | Sommerpalais Greiz

Laufzeit bis 04.10.2015
geöffnet Di-So 10-18 Uhr

Katalog zur Ausstellung
mit allen Karikaturen für 14,95 Euro

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