Weimars Welterbe

Profitieren ja, finanzieren weniger

Das kleine Weimar will sich aus der kleinen Verantwortung für die große Klassik Stiftung mehr und mehr zurückziehen. Das geht gar nicht, stellte Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei ihrem Besuch in Weimar klar.

Ach, Weimar. Mal wieder wird weithin vernehmbar gejammert, weil die kulturelle Last schwer und die städtischen Kassen leer sind. Der Weimarer Stadtrat hat am 8. Juli 2015 einstimmig beschlossen, bei den anstehenden Finanzierungsverhandlungen mit dem Bund und dem Land „eine deutliche Verringerung der Zuwendung der Stadt Weimar ab dem 01.01.2017 zu erreichen.“

Weimarer Wegmarken. Wohin will die Stadt?
Weimarer Wegmarken. Wohin will die Stadt? Fotos: mip

Das war eine Ansage an die beiden großen Geldgeber der Stiftung, die Reaktionen hervorrufen musste. Zwei Tage nach dem Stadtratsbeschluss twitterte Thüringens Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff, zugleich Stiftungsratsvorsitzender der Klassik Stiftung Weimar: „Über den Wunsch wird zu reden sein. Die Argumentation überzeugt bislang nicht.“ Um dann in einem weiteren Tweet konkreter zu werden: „Es ist vor allem falsch, da die Stadt Weimar mehr von der Klassik Stiftung profitiert als sie einzahlt.“ Hoff setzte den Hashtag, ein Schlagwort, „Umwegrentabilität“ hinzu.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters zeigte sich bei ihrem Besuch letzten Samstag in Weimar „irritiert“, eine höfliche Umschreibung für eine Fundamentalkritik am Beschluss des Weimarer Stadtrates. Der Anteil der Stadt am Gesamtetat der Stiftung  (Dokument S. 21) beträgt 2015 rund zwei Millionen Euro. Bund und Land fördern institutionell mit jeweils 10,6 Millionen Euro. Dem stehen rund vier Millionen Euro an eigenen Einnahmen der Stiftung gegenüber. Hinzu kommen Projektmittel in Höhe von 14,3 Millionen Euro für Baumaßnahmen und Investitionen, die je zur Hälfte von Bund und Land fianziert werden.

Wer die Zuwendungen von Bund und Land und die Eigeneinnahmen der Stiftung addiert, kommt auf eine Summe im Jahr 2015 von über 41 Millionen Euro. Ja was wollen denn der Stadtrat und die Stadtverwaltung noch? Nur zwei Millionen Euro finanzielle Verantwortung für ein Weltkulturerbe mit den Klassikerstätten und dem Bauhaus – das ist doch ein Geschenk. Andere Städte und Regionen in Deutschland und Europa wären glücklich, wenn sie für diesen „Preis“  Hunderttausende von Gästen, vor allem von Touristen, anlocken könnten.

Die Museen und anderen Einrichtungen  der Klassik Stiftung besuchten 2014 rund 650.000 Gäste (Dokument S. 24), im Jahr zuvor 766.000. Der Rückgang resultierte vor allem aus dem geschlossenen Schillermuseum, das saniert wurde. Die jüngst im Schillermuseum beendete Sonderausstellung „Bild und Botschaft – Cranach in Weimar“ lockte 48.000 Besucher an, gerechnet hatte man mit 15.000.

Weimar macht sich klein mit solchen Aussagen, bei seinem Anteil an der Finanzierung von Kultur sparen zu wollen. Die Stadt wird großzügig von Bund und Land finanziert, auch wenn das die Empfänger nicht immer so sehen sollten: Klassik Stiftung, Gedenkstätte Buchenwald, Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle, eine Seebühne im Weimarhallenpark, das Marketing für den Weimarer Kultursommer, Kunstfest. Die Weimarer Touristiker listen in ihrem Veranstaltungskalender rund 50 Kulturorte in der Stadt auf.  So viel hochkarätige und vielfältige Kulturangebote gibt es in Thüringen nur in Weimar.

In den Weimarer Institutionen von Kultur, Wissenschaft und Bildung arbeiten einige Tausend Menschen, die Steuern zahlen, in Weimar leben und einkaufen. Die Zahl der Übernachtungen von Touristen erreichte 2014 mit 680.000 ein Plus von drei Prozent. Kurz, die Weimarer Kultur ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für die Stadt, von dem sie kräftig profitiert. Das Wort „Umwegrentabilität“, das Kulturminister Hoff in dem Zusammenhang nennt, will in Weimar offenbar niemand wahrhaben.

Trotz ihrer Kritik kündigte Kulturstaatsministerin Grütters weitere Zuwendungen für Weimar an. Der laufende Betrieb des Neuen Bauhausmuseums werde ab 2018 gefördert. Bereits für 2016 kündigte sie Anfang Juli eine zusätzliche Finanzspritze für die Klassik Stiftung in Höhe von 380.000 Euro an, wo der Freistaat in gleicher Höhe nachziehen wird.

Weimar, nicht jammern und kürzen. Nutzt die Chance, die andere gern hätten.

Der Text erschien am 21.07.2015 in der Tageszeitung Freies Wort.

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