Dürrenmatt am DNT Weimar

Im Hühnerhof der Macht

Gackern ohne Ende? Eher nicht. Friedrich Dürrenmatt schreibt 1949 seine erste (ungeschichtliche) Komödie „Romulus der Große“. Am Deutschen Nationaltheater Weimar machen sie daraus eine unentschlossene Inszenierung. Schade.

Ach, die Beamten. Die im alten Rom und die heute in den Rathäusern. Da hat doch jeder sein Klischee im Kopf. Oder solche Typen schon mal erlebt, die sich nicht bewegen, obwohl die Welt sich immer noch und immer schneller bewegt.

Bei Romulus am Kaiserhof und Hühnerhof sagen die beiden Beamten ihren Text auf. Sie spielen und sie leben das nicht. Und das ist das Problem der Inszenierung und des Regisseurs Thomas Dannemann. Sie spielen zu wenig Theater und erfinden zu wenige Bilder. Wohin soll die Reise gehen? Ins alte Rom zu Romulus, der das Regieren verweigert und lieber Hühner züchtet? Der ein absurdes Spiel treibt mit den Menschen und mit seinem Imperium, das er abschaffen will? Eine Inszenierung, die den komödiantischen Text von Dürrenmatt ernst nimmt?

Oder ein Zugriff auf den alten, stark komprimierten und aus heutiger Perspektive intelligent erneuerten Text, weil uns viele Charaktere und Verhaltensweisen so nah und gegenwärtig erscheinen? Weil reale und absurde Zustände und Misstände verhandelt werden, die wir heute noch und immer wieder täglich erleben? Das macht ja den Theatertext von Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) so zeitlos gültig.

Der Regisseur respektiert den Text und aktualisiert zögerlich und manchmal ein bißchen platt und peinlich. Theatralische, schauspielerische und mediale Möglichkeiten bleiben ungenutzt. Ja, Dürrenmatt macht klare Ansagen, wie sein Stück zu interpretieren und damit zu inszenieren sei, nachzulesen in der Fassung von 1957 (es gibt insgesamt fünf Fassungen). Da steht: „Menschlichkeit ist vom Schauspieler hinter jeder meiner Gestalten zu entdecken, sonst lassen sie sich gar nicht spielen.“

Ausschnitt meiner Rezension in der Tageszeitung Freies Wort. Foto: mip
Ausschnitt aus meiner Rezension in der Tageszeitung Freies Wort. Foto: mip

Zum Beispiel bei Romulus, dem kaiserlichen Hühnerzüchter. Was ist das für ein Mensch, für ein Machtmensch? Ingolf Müller-Beck stolpert in Tonlage und Sprechweise in die Inszenierung hinein, redet seinen Text, und manchmal auch noch undeutlich, herunter. Ist das ein ironischer Grundton, ein verschlagenes, doppelbödiges Spiel, wie sich noch herausstellen wird? Der Kaiser weigert sich zu regieren, Macht auszuüben. Er züchtet lieber Hühner, zählt Eier und zahlt mit den letzten goldenen Lorbeerblättern das Hühnerfutter. Mit seiner Darstellung gewinnt Müller-Beck erst im vierten Akt an Profil, weil sein Gegenspieler, der Germanenfürst Odoaker (Sebastian Kowski), mächtig und ohnmächtig zugleich, über ihn herfällt.

Der Kunsthändler Apollyon, Krunoslv Šebrek in einer Nebenrolle, gewinnt gegenüber Romulus Kontur, weil hier Theater inszeniert und gespielt wird. Das Geschäft mit den alten Büsten läuft nicht mehr, das mit den Brüsten ist gefragt. Boticellis „Die Geburt der Venus“ taugt noch als Fußabtreter, die beiden Klassiker auf dem Weimarer Theaterplatz werden einfach über die Bühne abgeschoben. Die alten Werte sind nichts mehr wert. Da blitzt die Gegenwart intelligent in die alte Geschichte, da passiert etwas szenisch auf der Bühne.

Eine andere Nebenfigur, der Hosenfabrikant Cäsar Rupf (Christoph Heckel), ruft ja noch ganz andere aktuelle Assoziationen hervor, die Dürrenmatts Komödie so zeitlos macht. Rupf will das bankrotte Rom aufkaufen und sanieren. Der mächtige Manager diktiert dem Politiker, wie die Welt sich künftig zu drehen hat. Kennen wir doch aus der Gegenwart – oder? Na klar, Romulus schlägt auch dieses Angebot aus, denn er hat ja einen Plan.

Das Gackern der Hühner als Grundrauschen  fehlt mir ganz in der Inszenierung. Wer Dürrenmatts Text liest, erwartet das einfach. Wie das Grundrauschen und die Kakofonie der Mächtigen, die wir tagtäglich in den klassischen und unsozialen Medien erleben. Im Text von Dürrenmatt finden sich Sätze, die wie in Stein gemeißelt sind und Spielanlässe und Anspielungen für gegenwärtige Missstände und Zustände bieten. Sie verrauschen leider zu oft auf der Bühne. „Wer einen großen Skandal verheimlichen will, inszeniert am besten einen kleinen.“ Oder „Wir müssen jetzt unsere Kultur retten. Wieso, ist Kultur etwas, das man retten kann?“ Oder „Ich kann jetzt keine Klassiker hören, sonst schlafe ich ein.“ Dafür wird platt und banal das Wort „Asyl“ gerufen, wiederholt und zerredet inklusive der erwartbaren „Willkommenskultur“.

Im vierten Akt tanzen und spielen sie dann den Wahnsinn auf der Bühne aus. Endlich. Romulus, der schmale, hühnerzüchtende  Kaiser, und Odoaker, der blonde, breite Germanenfürst. Sie lieben beide die Hühnerzucht und hassen Krieg und Kriegsgeschrei. Der Germane hat den Römer auf den Arm genommen, bestimmt, wo es langgeht. Obwohl er, wie Romulus, den Staat und den Krieg und die Welt abschaffen will. Dabei wächst die Welt den Menschen über den Kopf, die sie nicht mehr begreifen können oder begreifen wollen. Was für ein Finale.

Die Mauer um Rom bleibt auf der Bühne stehen.

Nächste Vorstellungen: 13.11. | 19.11. | 11.12.2015

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