Eine Ausstellung in Erfurt

Luther über die Juden schockiert

Vor dem Reformationsjubiläum 2017 wandert eine Ausstellung der Evangelisch-Lutherischen Nordkirche durch Deutschland, die Luthers Judenfeindschaft dokumentiert. Die Kirche spricht von „einer notwendigen Auseinandersetzung“.

In der Michaeliskirche in der Erfurter Altstadt macht die Ausstellung „Ertragen können wir sie nicht. Martin Luther und die Juden“ Station. Das ist ein Ort mitten in einem historischen Stadtviertel, wo Christen und Juden schon vor Jahrhunderten erst miteinander lebten, wo später Juden von Christen verfolgt und vertrieben wurden.

Zwei Synagogen stehen „um die Ecke“ der Michaeliskirche. Ihr gegenüber befindet sich der Verwaltungssitz der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands mit dem ehemaligen Collegium Majus und dem Portal der Alten Universität Erfurt. Hier studierte Martin Luther ab 1501 die sieben freien Künste. Luther lebte als Student eine Straße weiter in der Georgenburse. 1505 trat er in Erfurt in das Kloster der Augustinereremiten ein, dem heutigen Evangelischen Augustinerkloster.

Die Michaeliskirche in der Altstadt von Erfurt ist ein historischer Luther-Ort. Foto: mip
Die Michaeliskirche in der Altstadt von Erfurt ist ein historischer Luther-Ort. Foto: mip

Diesen räumlich-historischen Kontext der Wanderausstellung muss sich der Besucher selbst erschließen. Leider fehlt in der Michaeliskirche, selbst eine authentische Lutherstätte, jeglicher Hinweis auf die jüdischen und die Luther-Orte im nahen Umfeld. Im Kirchenraum verteilt stehen die 17 Tafeln, die Luthers Äußerungen gegen Juden, den Papst, aber auch gegen Türken, Bauern, Hexen und Aufrührer zitieren und dokumentieren.

Dabei predigte Luther im Umgang mit Anderen das Wort „Sine vi, seb verbo“ – „Nicht mit Gewalt, sondern mit dem Wort“ solle ein Christ geistliche, theologische und religiöse Auseinandersetzungen führen. Die dunklen Seiten von Martin Luthers Schriften und Predigen sind nicht neu. Sie wurden instrumentalisiert in der Zeit des Nationalsozialismus, die neue Dauerausstellung im Lutherhaus Eisenach streift diesen Aspekt. Luthers Judenhass spielt in der wissenschaftlichen und innerkirchlichen Diskussion immer wieder eine Rolle.

Die „Kehrseite(n)“ des Reformators sind auf den Texttafeln ausführlich nachzulesen. Luther empfahl „Gewalt gegenüber Juden“. Aus seiner Schrift „Wider die Juden und ihre Lügen“ werden die sieben Empfehlungen zitiert, darunter, „dass man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke“. Andere „Judenschriften“ Luthers verhöhnen jüdische Traditionen, verunglimpfen jüdische Lebensweise und Charaktere. Das schockiert, was da so komprimiert und aus heutiger Sicht unkommentiert zu lesen ist. Der Besucher bleibt verstört zurück.

Antijüdische Polemik gibt es bereits bei den ersten Theologen der christilichen Geschichte, den sogenannten Kirchenvätern. Auch das wird mit vielen Zitaten belegt. Ein Kapitel ist der Auseinandersetzung Luthers mit dem berühmten jüdischen Gelehrten, dem Rabbiner Josel von Rosenheim (1476-1554) gewidmet. Rosenheim erwirkte von Kaiser Karl V. einen Schutzbrief für alle Juden des Reiches. Als Luther 1543 seine Serie von Traktaten gegen die Juden veröffentlichte, wandte sich Rosenheim vehement dagegen, warnte vor der Pogromstimmung, die durch Luthers Pamphlete erzeugt werde.

Das Kapitel „Luther und die Juden – und wir?“ versucht mit Zitaten zeitgenössischer und historischer Persönlichkeiten kommentierend, distanzierend die Wanderausstellung einzuordnen. Ob das gelingt? Das Begleitheft zur Ausstellung ist empfehlenswert, weil man hier noch einmal in Ruhe nachlesen und reflektieren kann über die dunklen Seiten des Reformators Martin Luther.

Ausstellung
„Ertragen können wir sie nicht. Martin Luther und die Juden“
in der Michaeliskirche Erfurt
bis 10.11.2015, geöffnet Mo-Sa 11-16 Uhr

Der Beitrag erschien zuerst am 30.10.2015 im Feuilleton der Tageszeitung Freies Wort.

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