Robert Seidel malt ...

und spielt mit Licht und Schatten

So modern und aufregend kann eine Museumsausstellung sein. Der Kunstverein und das Museum für Angewandte Kunst in Gera zeigen zeitgenössische Videokunst des Weltenbummlers Robert Seidel.

Ausgerechnet in Gera, das in die Zukunft seiner Museen viel zu wenig investiert, ist diese faszinierende Doppelausstellung zu sehen. Kuratorin Claudia Tittel von der Bauhaus-Universität Weimar animierte und überzeugte Robert Seidel, mal wieder zu Hause in Thüringen, in Gera, auszustellen.

Im Museum für Angewandte Kunst (MAK) und im Kunstverein hat Robert Seidel mit Helfern zwei Wochen lang 11 Räume eingerichtet, abgedunkelt, Projektionswände und Projektoren aufgestellt, Technik kalibriert, Skulpturen installiert, Entwurfszeichnungen an Wänden platziert, so in jedem Raum einen eigenen Mikrokosmos geschaffen. Im elften Raum, im Kunstverein am Markt, resümiert er sein bisheriges künstlerisches Schaffen mit der TV-Skulptur„LUX AETERNA. Digital organic abstraction“, zugleich der Titel der Ausstellung. Das „ewige Licht“ ist Robert Seidels Medium, Werkzeug, Projektionsfläche.

Sekundenbruchteile eines Autounfalls
Am Beginn des Rundgangs im MAK ist Seidels Diplomfilm zu sehen. „_grau“ entstand 2004 an der Weimarer Bauhaus-Universität, sein akademischer Lehrer war damals Walter Bauer-Wabnegg, Professor für Multimediales Erzählen. Seidel visualisiert Sekundenbruchteile eines Autounfalls. Er verbindet abstrakte Formen miteinander, u. a. Aufnahmen eines Rasterelektronenmikroskops und Röntgenaufnahmen, erzählt eine Geschichte mit Anfang und Ende, wie er das später nicht mehr machen sollte, erklärt Kuratorin Claudia Tittel.

Robert Seidel vor einer Raumskulptur in seiner Ausstellung. Fotos: mip
Robert Seidel vor einer Raumskulptur in seiner Ausstellung. Fotos: mip

Der 37-jährige Robert Seidel stammt aus Jena, hat dort an der Uni zuerst Biologie und anschließend an der Bauhaus-Universität Weimar Medienkunst / Mediengestaltung studiert. Als Videokünstler ist er weltweit gefragt, wird von großen Museen, Ausstellungshäusern und Künstlerkollegen in Europa, Asien und Amerika eingeladen. Er arbeitet vor Ort mit digitalen Werkzeugen, mit Licht und Laser, malt, spielt und gestaltet in und mit Landschaften, Räumen und an Fassaden. Mit seinen experimentellen Videofilmen ist er auf renommierten Festivals präsent. Robert Seidel gewinnt Preise, wird im globalen Kunstbetrieb aufmerksam wahrgenommen.

Mit Laser zeichnen bei Los Angeles
Bei meinem Besuch an einem Freitagnachmittag ist Robert Seidel mit der Kuratorin Claudia Tittel überraschend selbst vor Ort , weil der Ausstellungskatalog entsteht. Er will nichts dem Zufall überlassen. Wir reden über seine Reise im Sommer 2015 nach Kalifornien, über seine experimentelle Arbeit „magnitude“, vier Laserzeichnungen in der Landschaft des San Andreas Fult bei Los Angeles, die er in Gera vorstellt wie auch die Videodokumentation der ganzen Arbeit. In der Nacht wandert ein Laserstrahl über eine von der Natur verformte Landschaft, die selbst ein ästhetisches Gebilde ist. Seidel „übermalt“ mit dem Laserstrahl diese Projektionsfläche und schafft so etwas Neues.

Oft lässt sich der Künstler von der Natur, von organischen Strukturen inspirieren. Die Projektionsskulptur „chiral“, ein Begriff aus der Stereochemie, hängt von der Decke herab. Auf den symmetrisch gefalteten Papierbahnen malt Seidel digital mit Licht und zerfließenden Farben. Fortwährend entstehen und vergehen ganz verschiedene ästhetische Gebilde, traumhafte skulptural wirkende Flächen, auf die sich der Betrachter nur einlassen muss. Bei der Projektionsskulptur „tearing shadows“, vielleicht übersetzt mit „angerissene Schatten“, ist das ein ähnlicher, aber noch viel differenzierterer Eindruck, ein suggestives, ästhetisches Vergnügen. Worte können nur unzureichend die vielen sinnlichen Eindrücke beschreiben.

Scheinbar ganz einfache Installationen können ganz tiefe Eindrücke hinterlassen. In den kleinen Räumen des Kunstvereins am Markt ist das die Medienfassade „vitreous“, eine abgehängte Folie, luftbewegt von drei Ventilatoren, mit Licht und Farbkompositionen bespielt. Das ist einfach nur spektakulär. Das möchte man mal als große Komposition erleben, die Robert Seidel beispielsweise in Jena (Phyletisches Museum) oder in Seoul (Seoul Square) gestaltete. Auf seiner Internetseite dokumentiert er seine künstlerischen Projekte, da können Videofilme, Projektionen, Kataloge und ausführliche Informationen über ihn und seine Arbeit angeschaut und abgerufen werden.

Der Besuch der Ausstellung in Gera ist unbedingt empfehlenswert. Jeden Sonntag um 15 Uhr werden im MAK Führungen angeboten. Die Katalogreleaseparty mit der Berliner Formation Fuzzylogics und einer Videoperformance von Robert Seidel steigt am 22. Januar 2016 ab 20 Uhr im Museum für Angewandte Kunst. Das Museum hat Zukunft, wenn es solche Künstler vor- und Kunst ausstellt.

Ausstellung
„LUX AETERNA. Digital organic abstraction“
im Museum für Angewandte Kunst Gera, Greizer Straße 37
und im Kunstverein Gera, Am Markt 8/9
bis 29.02.2016
geöffnet Mi-So 12-17 Uhr

Der Beitrag erschien zuerst im Feuilleton der Tageszeitung Freies Wort.

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