Goethe "Faust" II in Weimar

Geld. Macht. Götter. Geister. Terroristen

Goethes „Faust“ auf der Bühne in Weimar ist immer etwas Besonderes. Hasko Weber und das Ensemble gewinnen mit dem zweiten Teil. Sie setzen auf die Macht der Bilder und die wachen Sinne der Betrachter.Mensch, Faust. Wach auf. Der Traum ist ausgeträumt. Vom Harz nach Hellas führt die Reise. Von den Menschen zu Göttern und Geistern. Zwischendurch ein kleiner Mord an einem schönen Jüngling, eine Affäre mit Helena. Du endest als arme Sau, als Pflegefall. Mephisto ist frustiert, weil er verlieren wird. Die Welt dreht sich weiter, auch ohne dich.

Gleich beginnt die Premiere.
Gleich beginnt die Premiere.

Muss das sein? Der ganze „Faust“ in Weimar? Also auch der zweite Teil, der so anders und anspruchsvoller ist? Hasko Weber, der inszenierende Intendant, wagt den Versuch und gewinnt mit dem ganzen Ensemble, weil er die Zuschauer drei Stunden lang in Atem hält. Weil er die alten Geschichten wie selbstverständlich in die Gegenwart holt. Weil er bildmächtig inszeniert, reale und virtuelle Bilder erfindet. Weil er eine Sprechkultur fordert, die das verstehende Hören fördert. Auch wenn manche Worte einem dabei um die Ohren fliegen und rational nicht im Oberstübchen ankommen. Die Inszenierung schafft es immer wieder, die Aufmerksamkeit des Publikums zu wecken. Das schaffen sie alle gemeinsam, die elf Schauspieler, der Regisseur und sein Team.

Fausts Traum ist vorbei, die Putzbrigade bei der Arbeit. Die Blümchen wippen über den Köpfen. Anmutige Gegend? Die Frauen in Kittelschürzen sprechen Deutsch mit slawischem Akzent. Zwischendurch kurze Zitate aus dem ersten Teil. Die Erinnerung wird immer wieder aufflackern, da war mal was mit Margarethe und dem Glauben. Die schwankenden Gestalten nahen wieder in der klassischen Walpurgisnacht.

Der Nüschel aus dem Programmheft und die Premierenkarte.
Der Nüschel aus dem Programmheft und die Premierenkarte.

Jetzt sind wir am Kaiserhof. Das könnte auch der schmucklose Sitzungssaal einer Parteizentrale sein. Der junge Kaiser trägt statt Krone eine Schapka und Glitzerzeugs über der schmalen Brust. Die Kasse ist leer. Papiergeld muss her. Mephisto ist der Einflüsterer für diese revolutionäre Idee. Über allen schwebt der Übervater des „Kapitals“, dem sie in Karl-Marx-Stadt ein Denkmal errichtet haben, genannt der Nüschel. Hasko Weber erinnert sich an die Zeit des Zusammenbruchs, als er eine „Dramatische Brigade“ gründete.

Der erste Akt explodiert mit realen, virtuellen und mit Sinnbildern. Textfetzen bleiben hängen: „Auf die Parteien ist kein Verlass.“ Und: „Hier fehlt das Geld.“ Immer wieder werden solche Schlüsselsätze im Verlaufe der drei Stunden auflodern und verlöschen. Ein bisschen gehen die Worte unter, die Bilder und Effekte dominieren. Das kommt an bei den Augenmenschen im Parkett. Die Strichfassung der Tragödie zweiter Teil von Chefdramaturgin Beate Seidel ist manchmal kühn, aber schlüssig.

Zweiter Akt, klassische Walpurgisnacht, ein Geistermeisterstück. Die Götter sind vom Himmel gestürzt. Der schöne Jüngling, Paris, wird von Faust gemeuchelt. Er will Helena für sich allein. Der einstige Schüler, Wagner, erschafft im virtuellen Raum den neuen Menschen Homunculus. Dialog von Faust mit Chiron. Der Kentaur, eigentlich halb Mensch, halb Pferd, sitzt im Rollstuhl. Ein menschlicher Krüppel, die Beine sind amputiert. Was für ein Wortwechsel. Faust: „Nun sprich auch von der schönsten Frau!“ Chiron: „Was! … Frauenschönheit will nichts heißen, Ist gar zu oft ein starres Bild; Nur solch ein Wesen kann ich preisen, Das froh und lebenslustig quillt. Die Schöne bleibt sich selber selig; Die Anmut macht unwiderstehlich.“ Was für eine Beschreibung!  Andere Bilder und Anspielungen. Die Phorkyaden tragen eine Burka. Mephisto wird zu Phorkyas und zum Gegenspieler Fausts. Tobt da eine Terrortruppe durchs Heilige Land?

Helena taucht auf, „bewundert viel und viel gescholten“. Sie wird nicht älter, das einstige Gretchen der 1980er-Jahre, als Fritz Bennewitz beide Teile auf dieser Bühne inszenierte. Elke Wieditz, der Name muss hier fallen, Helena nervös und verunsichert, lächelt für das Selfie. Ein letzter Tanz mit Faust, Euphorion tanzt wie in Ekstase. Beben und Schreien. Den Traum vom Fliegen leben. Pause.

Zurück zur Natur, zu Grund und Boden. Land und Eigentum gewinnen. Faust und Mephisto, die Wanderer durch die Welten, geraten in Schlachtenlärm und letzte Machtkämpfe. Der Kaiser schwankt. Vom Wodka? Letzte Zuckung, ganz inniglich, Kaiser und Kirchenfrau im Koitus. Der Bischof ist weiblich. Letzte Bilder. Philemon und Baucis vor einer Landschaft mit „Kreuz im Gebirge‘“ könnte von C. D. Friedrich sein. Beharren und Verändern. Faust blickt zurück. Mephistos letzte blutige Tat. Die Sorge, Margarethe, pflegt den blinden Faust. Der letzte, berühmte Monolog „Ein Sumpf zieht am Gebirge hin …“.

Ganz trotzig behauptet Faust die Freiheit. Mephisto tobt, er hat verloren.

Das ganze Schauspieler-Ensemble gewinnt. Mit Faust, Lutz Salzmann, mit Mephisto, Sebastian Kowski, zwei Gleiche unter Gleichen, die so viele Rollen so überzeugend spielen. Faust,der Tragödie zweiter Teil, wird am Deutschen Nationaltheater in Weimar zum Ereignis.

Auf Papier gedruckt und veröffentlicht. Fotos/Screenshot: mip
Auf Papier gedruckt und veröffentlicht. Fotos/Screenshot: mip

Die Kritik erschien zuerst im Feuilleton der Tageszeitung Freies Wort.

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