Cranachs Kunst

… und Gothas Netzwerke

Das kleine Gotha verursacht im großen Moskau mit einer erstklassigen Kunstausstellung einen Menschenauflauf von diplomatischen und kulturellen Eliten. Bereits am ersten Wochenende kamen 8.500 normale Besucher ins Staatliche Puschkin-Museum, um Cranachs Werke zu sehen.

Erst ein Empfang beim deutschen Botschafter, da kamen doppelt so viele Gäste wie Einladungen verschickt worden waren. Zwei kleinere Cranach-Bilder gab es auch zu bewundern. Zur Vernissage strömten ins Puschkin-Museum über 1.000 Besucher, normalerweise kommen so 200 bis 300, erzählt Knut Kreuch. Der Oberbürgermeister Gothas begrüßte die Gäste, na klar, auf Russisch. „Die Cranach Familie. Zwischen Renaissance und Manierismus“ ist die erste Ausstellung in Rußland überhaupt mit Gemälden und Grafiken der berühmten Künstler, Vater und Sohn sowie ihrer Werkstatt.

Die Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha, deren stellvertretender Vorsitzender Knut Kreuch auch ist, steuerte neun Gemälde und 17 Grafiken zu dieser Sonderschau bei, im exklusiven Kreis von Museen und Leihgebern aus Madrid, Budapest, Prag und St. Petersburg. Das Puschkin-Museum selbst zeigt 17 Werke „aus eigenem Besitz“, die einst zur Gothaer Sammlung gehörten und 1945 in die Sowjetunion verbracht wurden.

Über diese „Beutekunst“ sind sich Deutschland und Rußland nicht einig, wem sie rechtmäßig gehört. Die Russische Duma verabschiedete 1994 ein Gesetz, indem sie jene Kunst zu ihrem Eigentum erklärte. Punkt. Deutschland akzeptiert das nicht und würde solche Kunstwerke beschlagnahmen, wenn sie auf deutschen Boden gelangen.  Die Gothaer sehen das eher pragmatisch und eigennützig, leihen ihre Cranachs nach Moskau aus und bekommen als „Gegenleistung“ im nächsten Jahr Meisterwerke der französischen Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts aus dem Bestand des Puschkin-Museums für eine große Sonderschau.

Gotha pflegt seit 350 Jahren Beziehungen zu Rußland, sagt OB Kreuch, hier in Russisch aufgeschrieben und in Moskau überreicht.
Gotha pflegt seit 350 Jahren Beziehungen zu Rußland, sagt OB Kreuch (Mitte), hier in Russisch aufgeschrieben und in Moskau überreicht.

Aus der kollegialen Partnerschaft mit dem Moskauer Museum ist ein sehr freundschaftliches Verhältnis gewachsen, erzählte Stiftungsdirektor Martin Eberle nach seiner Rückkehr. Da muss man Jahre zurückblenden und OB Kreuch zuhören, der ein Menschenfänger ist und sympatisch größenwahnsinnig, wenn er sich was in den Kopf gesetzt hat. Gotha pflegt ja schon seit 342 Jahren Beziehungen nach Rußland. Das ist historisch nachgewiesen, die Geschichte erzählte Kreuch auch in Moskau. Vor acht Jahren schrieb er dem damaligen ZDF-Korrespondenten in Moskau, Roland Strumpf, einen Brief. Es ging um ein Gemälde im Puschkin-Museum, ob Strumpf Kontakte herstellen könnte. Denn, jetzt kommt´s, Strumpf ist in Gotha geboren.

So entwickelten sich nach und nach kollegiale Kontakte nach Moskau bis hin zur Einladung an die legendäre Direktorin Irina Antonowa, die 2014 zur Eröffnung des Herzoglichen Museums nach Gotha kam, damals bereits 91-jährig. Auf politischer Ebene suchte und knüpfte OB Kreuch Kontakte zu Michael Schwidkoi, einst russischer Kulturminister, heute Berater von Präsident Putin für internationale Angelegenheiten. Denn, wir ahnen schon, Schwidkoi kennt Gotha aus DDR-Zeiten, schrieb über das Ekhof-Theater im Schloss Friedenstein seine Diplomarbeit.

Fröhlich zurück aus Moskau: Stiftungsdirektor Eberle (links) und OB Kreuch. Fotos: mip
Fröhlich zurück aus Moskau: Stiftungsdirektor Eberle (links) und OB Kreuch. Fotos: mip

Die neue Direktorin des Puschkin-Museums, Marina Loschak, beschreiben Martin Eberle und Knut Kreuch als ausgesprochen aufgeschlossen für die Wünsche der Gothaer, die auch Türen öffnet. Das ist ganz wörtlich zu nehmen, denn Eberle und Ausstellungskurator Timo Trümper konnten in Moskau in die Depots des Puschkin-Museums schauen, was an Kunstschätzen aus ehemaligen Gothaer Beständen dort möglicherweise zu finden ist. Denn die Cranachs sind nicht die einzigen Werke aus Gotha, die als „Beutekunst“ nach Moskau gelangten.

Das Thema war kein Thema beim Besuch in Moskau und der Ausstellungsvorbereitung. Die Provenienz, die Herkunft der 17 Cranach-Werke aus Gotha, die jetzt im Besitz des Puschkin-Museums sind, wird in der Ausstellung und im Katalog weitgehend ausgeblendet. Das sei aber ein Thema in den russischen Medien und im knappen Katalogvorwort von Martin Eberle, berichtete Timo Trümper. Die Gothaer sehen das alles ganz pragmatisch. Und freuen sich über die Ankündigung in Moskau, in Ruhe in den Depots des Puschkin-Museums nach Gothaer Beständen schauen und sie dokumentieren zu können. Bereits im Mai, wenn die Cranach-Bilder nach Gotha zurückkehren, ist so eine erste Bestandsaufnahme denkbar, hofft Martin Eberle.

Der Text erschien zuerst im Feuilleton der Tageszeitung Freies Wort.

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