Trilogie der Moderne

Erich Heckel in Chemnitz

Köpfe, Körper, Figuren, Akte, Selbstporträts mit Haltungen und Emotionen. Der bedeutende expressionistische Künstler Erich Heckel erhielt entscheidende Impulse während seiner Jugendjahre in Chemnitz.

Das Museums Gunzenhauser, Dependance der Kunstsammlungen Chemnitz, vollendet mit der Sonderausstellung „Erich Heckel. 120 Werke“ eine bemerkenswerte Trilogie der Moderne. Die Stadt prägte mit ihren geistigen und kulturellen Einflüssen zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Gründer der Dresdner Künstlergruppe „Brücke“ Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976) und eben Erich Heckel (1883-1970). Sie besuchten das Realgymnasium, debattierten im Schülerklub „Vulkan“ über moderne Kunst, Literatur und Philosophie, ließen sich von Aufführungen der drei (!) Chemnitzer Theater anregen. Erste künstlerische Arbeiten entstanden.

Das war und ist für die Kunstsammlungen Chemnitz die Folie für drei Ausstellungen der drei Expressionisten mit Werken vorwiegend aus dem eigenen Bestand, mit neuen Forschungsergebnissen dazu, veröffentlicht in vier exzellenten Werkkatalogen. Die Kunstsammlungen Chemnitz machen so ihre eigenen Schätze öffentlich sichtbar, beweisen zum wiederholten Mal, was ein Museum jenseits der großen deutschen Kunstmetropolen und Kunstmuseen zu leisten vermag. Das ist sehr anerkennenswert und zur Nachahmung empfohlen.

Die Kirchner-Ausstellung lief vor einem Jahr sehr erfolgreich. Schmidt-Rottluffs Kunst ist aktuell im Museum am Theaterplatz präsent. Mit Erich Heckel wird der Spiritus Rector der „Brücke“ vorgestellt. Bis auf wenige Ausnahmen werden alle Werke aus dem Chemnitzer Bestand gezeigt, die hauptsächlich bis Ende der 1920er-Jahre entstanden. Das sind vor allem Arbeiten auf Papier, wenige Gemälde, einige Künstlerplakate sowie Dokumente aus der Chemnitzer Zeit von 1897 bis 1904. Die Sammlung ist vor allem dem Stifter Dr. Alfred Gunzenhauser zu verdanken, der letzten November im 90. Lebensjahr starb.

Erich Heckel wird in der Stadt verortet. Eine historische Stadtkarte zu Beginn des Ausstellungsrundganges markiert Häuser, Theater und Plätze, zeigt historische Abbildungen und Fotografien, wo Heckel und andere Brücke-Künstler wohnten, sich trafen, diskutierten, ausstellten. Das schafft öffentlich dokumentierte Verbundenheit mit den Künstlern, stiftet Identität. Frühe expressive Holzschnitte sind u. a. den Freunden Schmidt-Rottluff und Paul Holstein (passives Brücke-Mitglied) gewidmet. Immer wieder gestaltet Heckel Köpfe von Künstlern, Anregern (Friedrich Nietzsche), Szenen von Theateraufführungen (Gerhard Hauptmann, Goethe), eine „Flusslandschaft mit Brücke und Zug“ (Gemälde 1905). Heckels Eltern, der Vater war Eisenbahner, wohnten oft neben Brücken und Viadukten, der Name „Brücke“ kann so erklärt werden.

Erich Heckel "Badende II", 1919, rechte Tafel des Tryptichons.
Erich Heckel „Badende II“, 1919, rechte Tafel des Tryptichons.

Das Tryptichon „Badende“ von 1919 wird für die Ausstellung rekonstruiert, eine 1995 wieder erworbene Tafel ausgestellt. Dem Thüringer Museumsbesucher kommen dabei sofort die „Lebensstufen“ Erich Heckels in den Sinn, die er 1922/24 für das Erfurter Angermuseum malte. Das wichtigste erhaltene Wandbild des deutschen Expressionismus ist nach wie vor im hohen Eckraum des Erdgeschosses im Angermuseum zu sehen, aber viel zu wenig im öffentlichen Bewußtsein.

"Lebensstufen" von Erich Heckel, 1922/24 im Angermuseum Erfurt gemalt. Fotos: mip
„Lebensstufen“ von Erich Heckel, 1922/24 im Angermuseum Erfurt gemalt. Fotos: mip

Auf dem Cover des Kataloges der Heckel-Ausstellung ist das Gemälde „Knabe in der Tram“ von 1912 abgebildet. Es zeigt vermutlich das Porträt eines jüdischen Jungen mit Kippa. Die Darstellung des Kopfes wurde verändert, wie eine Röntgenaufnahme, neben dem Original in der Ausstellung, beweist. Darum ranken sich Spekulationen im Kontext mit der Aktion „Entartete Kunst“ 1937, die noch nicht geklärt sind. In der Ausstellung fällt ein Porträt Erich Heckels von Otto Dix (1891-1969) auf, eine Lithografie von 1948. Beide strandeten nach 1945 am Bodensee, waren miteinander bekannt, nutzten die gleichen Druckmaschinen.

Bei allen Lücken im Sammlungsbestand zu Erich Heckel, vor allem des Spätwerkes, gelingt es den Kunstssammlungen überzeugend, die Chemnitzer Jugendjahre und die freundschaftlichen Verbindungen zu den anderen Brücke-Künstlern herauszuheben. Die berühmte Künstlergruppe „Brücke“ kommt ursprünglich aus Chemnitz, obwohl sie am 7. Juni 1905 in Dresden gegründet wurde.

Ausstellung „Erich Heckel. 120 Werke“
Museum Gunzenhauser | Falkeplatz | 09112 Chemnitz

Ausstellung läuft bis 17.04.2016
geöffnet  Di-So 11-18 Uhr
www.kunstsammlungen-chemnitz.de

Katalog 184 Seiten, Abbildungen aller ausgestellten Werke, 23 Euro

Der Beitrag erschien erstmals im Feuilleton der Tageszeitung Freies Wort.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *