Sommertheater im Kulturausschuss Erfurt

Viel Lärm um viele Baustellen

Das habe ich so noch nicht erlebt. Hitzige, hoch emotionale Wortwechsel, sachliche und menschliche Konflikte und Kommunikationsstörungen, hoffen und glauben an ein gutes Ende. Als Gast am Katzentisch. Bericht über ein öffentliches Sommertheater im Kulturausschuss des Stadtrates Erfurt.

Richtiges Theater um Millionen

Die Stadträte kommen alle später zur planmäßigen Sitzung des Kulturausschusses. Zuvor tagte der Werkausschuss Theater länger als gedacht. Die Verhandlungen der Landeshauptstadt Erfurt mit der Landesregierung Thüringen über einen neuen Theatertrag sind in der Verlängerung. Wie zu hören ist, ist noch nichts parafiert, einen ausverhandelten Vertragsentwurf gibt es noch nicht. Der Stadtrat hat sowieso das letzte Wort in einem Vertrag, wo es um die stolze Summe von ca. 100 Millionen Euro über vier Jahren geht.

Wann da mit einem Ergebnis und einem Votum des Stadtrates zu rechnen ist, erscheint völlig offen. Jedenfalls nicht vor der Sommerpause, also frühestens im September 2016 oder später. Erfurts Bürgermeisterin Tamara Thierbach verhandelt nach. So wollte das der Werkausschuss Theater. Das ist eine der vielen Kulturbaustellen der Stadt.

Voller Saal im Rathaus Erfurt, der städtische Kulturausschuss tagt. Foto: mip
Voller Saal im Rathaus Erfurt, der städtische Kulturausschuss tagt. Foto: mip

Im Kulturausschuss geht’s zur Sache und später auch ziemlich laut zu. Der Saal 244 im Rathaus ist voller Gäste, Stadträte, Verwaltungsmitarbeiter. Journalisten der lokalen Medien fehlen komplett, obwohl die eigene Berichterstattung der letzten Tage sie hertreiben sollte. Sie bleiben fern und informieren sich nicht aus erster Quelle.

Kein Sommertheater in der Ruine

Auftakt mit dem Walk of Fame, eine Idee des Künstlers Thomas Nicolai und mehr zur Information der Stadträte gedacht. Dann die emotionale Aufwärmübung, als es um die Ruine der Barfüßerkirche geht, seit über zehn Jahren Spielort für Erfurter Sommertheater, das diesmal nicht stattfindet. Fakten und Meinungen werden schön durcheinander gewirbelt. So viel ich verstanden habe, gibt es einen neuen Bodenbelag in der Ruine, der erst getestet werden muss. Es gibt unterschiedliche Meinungen über das Sommertheater, das dort seit einigen Jahren für grenzenlosen Spaß und begrenzt für Kunst sorgt.

Kurze Information von Kulturdirektor Knoblich zum Kulturlastenausgleich. Da geht es um die stolze Summe von 716.910 Euro, die Erfurt zuletzt für Musikschule, Bibliotheken etc. vom Landf bekam. Jetzt erhofft man sich mehr. Das ganze Thema schreit nach Recherche. Der Verteilerschlüssel des Landes wird neu berechnet (Was? Wie?), vor allem, wer erhält wie viele Euro für was in der Stadt? Und wer entscheidet darüber? Wie war das in den letzten Jahren? Wo ist die zusätzliche Kulturknete investiert worden?

Erregtes Theater um Konkrete Kunst

Die emotionale Erregungskurve steigt. Es geht um das Forum Konkrete Kunst auf dem Petersberg. Das wird definitiv im Herbst 2016 geschlossen, wiederholt Kultur-Bürgermeisterin Thierbach. Keine Heizung, keine Toiletten, der bauliche Zustand miserabel. Eigentümer ist die Thüringer Stiftung Schlösser und Gärten. Die Landeshauptstadt betreibt hier ein Künstler-Museum für Konkrete Kunst. Die Künstler und ihr Förderverein rebellieren, weil niemand mit ihnen spricht. Zum wiederholen Mal stelle ich eine gestörte Kommunikation zwischen Kulturverwaltung und Kulturmachern fest.

Zum Ergebnis der Wortwechsel: Stadträte wollen mehrheitlich, dass im Frühjahr 2017 das Forum wieder öffnet, wenn es die Bedingungen zulassen und Personal, bezahlt oder ehrenamtlich, unter diesen Bedingungen arbeiten will. Die Kultur-Bürgermeisterin will das nicht mehr verantworten und so ein Problem vorerst loswerden. Ihre Erregungskurve steigt beträchtlich. Sie brüllt, fällt anderen ins Wort, fühlt sich falsch verstanden. So ein erregtes Theater führt sie auf.

Der Petersberg in Erfurt ist noch so eine journalistische Rechercheaufgabe. Ich sage nur Buga 2021, Defensionskaserne, unterirdische Erlebniswelt Thüringen und was sonst noch so in der Öffentlichkeit herumgeistert oder schon wieder vergessen ist.

Trauriges Theater mit Gebrüll

Die emotionale Erregungskurve erreicht ihren Höhepunkt. Thema: Wer betreibt künftig das Kultur- und Studentenzentrum Engelsburg im Herzen der Erfurter Altstadt? Dem jetzigen Betreiber ist gekündigt worden, weil er mit Zahlungen an die Stadt in Rückstand geriet. Ist aber alles längst bezahlt. (Da fällt mir ´ne böse Frage ein: Hat die drittklassige Fußballprofimannschaft aus Erfurt noch finanzielle Rückstände bei der Stadt? Wenn ja, in welcher Höhe? Noch ´ne Rechercheaufgabe.)

Bei der Neuausschreibung der Engelsburg, die bereits gelaufen ist, geht um ein „privatrechtliches Interessenbekundungsverfahren“, wie es im Juristendeutsch heißt, das auch irgendwelche praktischen Konsequenzen hat. Zum Beispiel müssen die in den ganzen Prozess Eingeweihten und die fünfköpfige Jury schweigen. Aber warum Betroffene wie die Studentenvertretungen, der Förderverein, die Universitätsgesellschaft bisher nicht angehört worden sind, darauf konnte die Bürgermeisterin keine überzeugende Antwort geben. die angehörten Gäste formulierten im Kulturausschuss ihr Unverständnis über das bisherige intransparente Verfahren. Sie forderten,  mit ihren Argumenten und Bedenken  in die Entscheidung einbezogen zu werden.

Die Entscheidung. Die Erfurter Lokalzeitung schreibt etwas von einer Musikagentur, die den Zuschlag erhalten haben soll oder erhalten soll, weil sie den höchsten Mietpreis zahlen will. Schon bei den von einzelnen Stadträten und Gästen verwendeten verbalen Formulierungen kracht es im Ausschuss. Die Bürgermeisterin brüllt: Stimmt alles nicht, was in der Zeitung steht. Fehlt nur noch das L-Wort vor der Presse.

Fakt ist, das fordern mehrere Stadträte ganz deutlich: Über die Frage, wer künftig die Engelsburg betreibt, soll unbedingt der Stadtrat entscheiden und nicht der städtische Haushaltsausschuss in einer nichtöffentlichen Sitzung. Fakt ist auch, der Haushaltsausschuss sollte so schnell wie möglich die Betroffenen anhören, ihre Argumente aus erster Hand erfahren, empfiehlt der Kulturausschuss. Mal sehen, ob die einen auf die anderen hören.

Fazit: Kabarett, Inkompetenz, Medien abwesend

Dann werden die Gäste freundlich vor die Tür geschickt. Ende der öffentlichen Sitzung nach knapp drei Stunden. Der nichtöffentliche Teil folgt, Thema unbekannt.

Erste Reaktion der Gäste vor der Rathaustür: Das war politisches Kabarett aus der unteren Schublade. Bürgermeisterin Thierbachs Brüllen zeugt von Inkompetenz, sie ist überfordert. Das war eine kulturlose Veranstaltung im Kulturausschuss.

Ich muss das alles noch sortieren und reflektieren, was ich da erlebt habe. Bin immer noch irritiert über die Brüller, die wenigen sachlichen Informationen, die abwesenden Kollegen der lokalen Medien, für die das alles kein Thema ist.

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