66. Festspiele Bad Hersfeld

Hexenjagd ist Menschenwerk

In Salem geht der Teufel um. Dieter Wedel inszeniert Arthur Millers „Hexenjagd“ als bildmächtiges Spektakel mit prominenten Schauspielern in der Stiftsruine in Bad Hersfeld.

Hexenjagd auf der Theater-Kino-Bühne in Bad Hersfeld.
Hexenjagd als Theater-Kino-Spektakel in Bad Hersfeld.

Der bekannte Regisseur Dieter Wedel sorgt bei den 66. Festspielen im beschaulichen Bad Hersfeld für eine höhere Promi-Dichte als in früheren Jahren. Sogar ein roter Teppich ist ausgerollt, Luxuslimousinen fahren vor, mehr oder weniger bedeutende Menschen steigen aus, um die Premiere „Hexenjagd“ zu sehen. Vor allem aber, um selbst gesehen zu werden.

Lassen wir dieses am Rande inszenierte Brimbamborium beiseite, dann ist von einer sehenswerten, weil suggestiv mit Bildern spielenden Premiere zu berichten. Drei Stunden Theater-Kino vergehen wie im Flug, weil immer neue Bilder und Szenen auf der Bühne und der großen LED-Wand die Aufmerksamkeit der Zuschauer fesseln. Der erfolgreiche Film- und Fernsehregisseur Dieter Wedel beherrscht sein Handwerk perfekt, wie Menschen zu verführen sind. Die Menschen, die im Parkett sitzen, verführt er zum Hinschauen. Die Menschen, die auf der Bühne und im Film spielen, wie sie denunziert, gejagd, verurteilt und gehängt werden. Dennoch bleiben einige von ihnen widerständig.

Diese Dimension bei Arthur Miller geht leider in der Inszenierung von Wedel ein wenig verloren. Widerstand leisten, den eigenen Prinzipien und der Wahrheit, den Tatsachen, der Wirklichkeit gegenüber der manipulierten Mehrheit gerecht zu werden. Arthur Millers „Hexenjagd“, im Original „The Crucible“ (Feuerprobe) spielt in Salem, Massachusetts, im Jahr 1692. Das Stück, uraufgeführt 1952, ist eine Parabel auf die Kommunistenjagd in den 1950er-Jahren in den USA. Miller gelingt es meisterhaft, menschliches Sagen und Versagen zeitlos gültig zu gestalten. Sagen im Sinne von Lügen, Verleumden und  Denunzieren von Menschen durch Menschen. Versagen meint hier das Versagen unabhängiger Gerichte, letztendlich der menschlichen Gemeinschaft gegenüber Einzelnen, die menschliche Fehler machen oder unangepaßt leben.

Nicht nachvollziehbar ist Wedels Kunstgriff, die Handlung in die 1930er-Jahre zu legen, die Zeit der beginnenden großen Depression. Na klar, das eröffnet dem Regisseur so manchen  Gestaltungsspielraum auf der Bühne, wenn etwa Pastor John Hale wie in einem amerikanischen Tarantino-Film mit einem dreirädrigen Motorrad vorfährt, um Menschen zu jagen und zu vernichten. Die Welt bei Miller und Wedel ist Schwarz oder Weiß, dazwischen gibt es nichts und niemanden. Wer sich dort verirrt, der wird veruteilt. Entweder er ist für das System oder dagegen.

John Proctor ist ein Lüstling und Ehebrecher im puritanischen Salem. Die junge Abigail ist erst die berechnende Verführerin, dann Lügnerin und Denunziantin. Pastor Parris ist ein verlogener Spanner, der sich nachts in den Wald schleicht, um nackte junge Mädchen beim Tanz ums Feuer zu beobachten und sich selbst zu befriedigen. Der reiche Thomas Putnam will noch mehr Reichtum und Macht, dafür ist ihm jedes Mittel recht. Richter Danforth ist ein skruplloser Rechthaber, anders als der alte Richter Sewall, den Skrupel plagen. Millers Charaktere bringt Wedel gut auf die Bühne und in die Filme.

Das ist vor allem den bekannten Film- und Fernsehschauspielern zu verdanken, die auf der Theaterbühne hoch professionell spielen. Richy Müller, erst Jäger, dann Grübler. André Eisermann, Diener seines Herrn.  Rudolf Krause, sonst Kommissar neben Senta Berger, hier machtbesessener Hexenjäger. Die Altstars Brigitte Grothum, Horst Janson und Hans Diehl, widerständig und ein großartiger Erzähler im Film. Jasmin Tabatabai kommentiert im Film als undurchschaubare Sarah Good das Bühnengeschehen, perfekt interagierend.

Applaus für die Stars und Sternchen nach der Premiere. Fotos: mip
Applaus für die Stars und Sternchen nach der Premiere. Fotos: mip

Christian Nickel ist der Theaterschauspieler, der den Abend trägt, der den John Proctor, eine in sich zerrissene Gestalt,glaubhaft und überzeugend spielt. Corinna Pohlmann als Abigail bleibt als Verführerin zu sehr an der Oberfläche, ihre Kehrtwende zur erbarmungslosen Denunziantin und Lügnerin wirkt wenig glaubhaft. Im letzten Akt läuft Elisabeth Lanz, Elizabeth Proctor, zu großer Form auf. Lüge aus Liebe um ihren Mann, der wiederum eine neue Lüge veweigert, um zu leben. Da knistert es tatsächlich auf der Theaterbühne, wenn man nahe genug im Parkett das erleben kann.

Das Theater-Kino-Spektakel von Dieter Wedel, inszeniert mit vielen prominenten Schauspielern, funktioniert bestens in Bad Hersfeld. Wer auf Zwischentöne und Zwischenspiele hört und schaut, bemerkt nur wenig. Arthur Millers Tragödie „Hexenjagd“ als spannendes, massentaugliches Sommertheater – das ist auch eine Entdeckung.

HEF Hexenjagd FW 2016-06-28

Der Text erschien zuerst im Feuilleton der Tageszeitung Freies Wort (Printausgabe) und im Internet hinter der Bezahlschranke.

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