Kulturgenossenschaft Erfurt

Ein paar Irre mit einer tollen Idee

Erfurter Bürger gründen die erste Kulturgenossenschaft in Thüringen. Sie wollen das alte Schauspielhaus der Stadt als Ort der Kultur, Kommunikation und Kreativwirtschaft wiederbeleben. Eine ganz persönliche Geschichte.

Der Autor ist befangen. Der Leser sollte das von Anfang an wissen. Im alten Erfurter Schauspielhaus habe ich von 1983 bis 2003 einige Hundert Vorstellungen gesehen, Künstler getroffen und interviewt, manches Glas Rotwein mit diesem und jener im legendären Künstlerkeller geleert. Seit 2003 ist das Schauspielhaus Erfurt dicht, verlottert und fast vergessen. Jetzt soll wieder Leben und Wahnsinn in dieses Areal einziehen. Und ich bin dabei.

Voller Ratssitzungssaal im Rathaus Erfurt zum Gründungsakt der Kulturgenossenschaft. Foto: mip
Voller Ratssitzungssaal im Rathaus Erfurt zum Gründungsakt der Kulturgenossenschaft.

Letzte Woche haben wir den Start vollzogen, den ersten Schritt gewagt, eine „Genossenschaft KulturQuartier Schauspielhaus“ auf den bürokratischen Weg gebracht. An die 150 Leute kamen in den großen Sitzungssaal des Erfurter Rathauses: die junge Mutter mit Baby, überhaupt viele Junge, ältere Semester, das ganze Spektrum der kulturaffinen Erfurter Bürgerschaft. Informieren, diskutieren, abstimmen. So ein Gründungsakt kann ganz schön anstrengend sein.

Zur Vorgeschichte. Erfurter Bürger, zusammengeschlossen im Verein KulturQuartier Petersberg, wollten die alte, leere Defensionskaserne hoch über dem Domplatz erwerben,sanieren und kulturell besetzen. Das scheiterte 2014 knapp am Votum des Erfurter Stadtrates. Der entschied sich für Büroräume statt Kulturräume. (Die Büro-Investoren haben mittlerweile aufgegeben.)

Auf der Suche nach einem neuen Kulturquartier wurde der Verein schnell fündig. Das alte Schauspielhaus steht seit 2003 leer, wird immer wieder mal als Filmkulisse genutzt, gerade für „Schloss Einstein“, eine Fernsehserie für Kinder und Jugendliche. Schon im Sommer 2014 beteiligte sich der Verein an der städtischen Aktion „Kultur flaniert!“, um diesen legendären Ort aus dem Dornröschenschlaf zu wecken, seine Idee öffentlich zu machen, eine Bürgerlobby für dieses Kulturquartier zu schaffen. Weitere öffentliche Aktionen folgten, sorgten für viel Aufmerksamkeit in der Stadt und darüber hinaus.

Das ehemalige Schauspielhaus soll das Kulturquartier Erfurt werden. Fotos: mip
Das ehemalige Schauspielhaus soll das Kulturquartier Erfurt werden. Fotos: mip

Der Erfurter Stadtrat reagierte mit einem Beschluss. Der Verein soll ein umfassendes Konzept für das alte Schauspielhaus entwickeln und dem Stadtrat vorlegen. Das ist in knapp zweijähriger ehrenamtlicher, aber hochprofessioneller Arbeit geschehen. Inhaltlich sollen das Schauspielhaus und das ganze Areal zu einem Ort der Kultur, Kommunikation und Kreativwirtschaft entwickelt werden. Ein Programmkino, ein Bürgerradio und das Tanztheater Erfurt sind als die drei „Ankermieter“ nach einem Interessenbekundungs- und Auswahlverfahren gewonnen worden. Hinzu kommen ein Restaurant und ein Café. Künstlerateliers und Ausstellungsräume sollen entstehen. Der große Saal und andere Räume stehen künftig für Veranstaltungen Dritter offen. Dafür gibt es bereits Interessenten aus dem Kulturbereich und der Privatwirtschaft.

Die Umbau- und Sanierungspläne haben Architekten und weitere Fachleute erstellt und in 3-D-Animationen visualisiert. Ein Wirtschafts- und Finanzierungsplan liegt vor. Nach juristischer Beratung und Abwägung von Alternativen entschieden sich die Vereinsmitglieder eine Genossenschaft zu gründen und das notwendige Startkapital einzuwerben. Dabei gilt, ein Kopf entspricht einer Stimme in der Generalversammlung der Genossenschaft, unabhängig vom eingebrachten Kapital. 1.000 Euro ist die Mindestsumme, Investoren ohne Stimmrecht können auch viel mehr einbringen. Bisher gibt es Absichtserklärungen über fast 300.000 Euro. Das angestrebte Ziel sind mindestens eine Million Euro als Eigenkapital. Bei aktuell 215.000 Einwohnern müssten sich 0,5 Prozent der Erfurter Bürger beteiligen, um diese Summe zu erreichen. Das ist realistisch. Mit Bankkrediten und eventuell Fördermitteln (Denkmalpflege, Städtebau) soll eine Gesamtinvestition von fünf bis sechs Millionen Euro gestemmt werden.

Jetzt muss sich der Erfurter Stadtrat bekennen, das heißt, das alte Schauspielhaus inklusive Grundstück an die Genossenschaft verkaufen. Alternativ ist ein Erbbaurecht im Gespräch. Im Jahr 2017 könnte das bürokratische Procedere (Beschlüsse, Verträge, Genehmigungen etc.) laufen. Baubeginn wäre Ende 2017, eine erste Teileröffnung des KulturQuartiers Schauspielhaus Ende 2018 möglich.

Die Aktion „Unfertig!“ soll im kommenden Jahr das öffentliche Interesse von Bürgern und  Investoren wachhalten. Unfertige Kunst aller Genres wird auf dem Areal vor dem Schauspielhaus vorgestellt, aufgeführt und inszeniert. Führungen durch das unfertige Schauspielhaus sind geplant. Bei zwei Previews im April und August 2017 sollen die Künste und die Menschen zum Tanzen gebracht werden.

Das sind die Visionen, Ideen, Pläne von Erfurter Bürgern und Auswärtigen, die jetzt Wirklichkeit werden sollen.

Zur Gründung der Kulturgenossenschaft letzte Woche (gemeint ist der 04.11.2016) im großen Sitzungssaal des Erfurter Rathauses sprach so ein graumelierter Typ, der vor mir in der Reihe saß: „Wir stehen am Anfang. Vielleicht sind wir ein paar Irre. Aber wir haben eine tolle Idee.“ Tosender Applaus von etwa 150 Irren. Deren Zahl wird weiter wachsen, da bin ich mir sicher. Alle sind eingeladen.

Der Beitrag erschien zuerst im Feuilleton der Tageszeitung Freies Wort und ist im Netz hinter einer Bezahlschranke verfügbar.

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