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Schülerzeitungen, Preise und Reden

Die Zeitung ist ein Kulturgut und hat ihre Qualitäten. Gut, dass Schüler in Thüringen selbst Schülerzeitungen machen. Dafür gibt es Preise, darüber wird geredet.

Für erfolgreiche Schülerredaktionen gibt es den Schülerzeitungspreis Thüringen. Für interessierte Lehrer gibt es Informationen, Anstöße und Diskussionen, was eine gute Schülerzeitung ausmacht oder ausmachen sollte.

Die Zeitung aus Papier im Blick.
Die Zeitung aus Papier im Blick.

Vor der Preisverleihung gibt es offzielle Reden, zum Beispiel vom Chef des ThILLM, einer Institution, die Lehrer fortbildet, auch in Medienkompetenz. Der ThILLM-Chef redet über Zeitungen auf Papier als Instrument der Leseförderung. Zeitungen erscheinen heute tatsächlich noch auf Papier, aber auch online im Netz. Verlinkte Zeitungsbeiträge sind auch über soziale Medien wie Twitter und Facebook verfügbar, immer öfter gegen Bezahlung.

Der Thüringer Schülerzeitungspreis hat fast ausschließlich gedruckte Zeitungen im Blick. Und ist damit eine Geschichte von gestern, die heute stattfindet. Aber hier muss ich unbedingt erwähnen, es gibt auch einen Sonderpreis für den „Zeigefinger“, einen Blog, eine Internetzeitung von Schülern für Schüler. Wie viele Schüler lesen heute noch regelmäßig gedruckte Zeitungen?

Die Antwort kommt nach der offziellen Preisverleihung von zwei Redakteuren des Mitteldeutschen Rundfunks. Lorene Gensel und Jan Schönfelder geben seit 13 Jahren für Schülerzeitungsredakteure Workshops im Auftrag der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung, also unabhängig vom ThILLM und von Zeitungen. Die Antwort: Mehr als 80 Prozent der Schüler tummeln sich täglich im Netz, bevorzugt mit ihrem Smartphone. Nur jeder Siebte liest regelmäßig eine gedruckte Zeitung, jeder Neunte wenigstens einmal wöchentlich.

Nach der Preisverleihung: Kontrastprogramm mit Lehrern. Fotos: mip
Nach der Preisverleihung: Weiterbildung mit Lehrern. Fotos: mip

Viele Schüler lesen keine Zeitung. Wenige Schüler machen selbst eine Zeitung. Die langjährige Erfahrung der MDR-Redakteure: In Thüringen gibt es keine lebendige Schülerzeitungskultur. Auch langweilige Schülerzeitungen bekommen Preise. Schülerzeitungen sind in der Regel kreuzbrav. Die Lehrer, die das nach der Preisverleihung hören, bleiben ruhig, kein Aufschrei, kein Widerspruch.

Redakteure schreiben für Leser. Was wollen, was sollen die wissen? Welchen Bezug hat die Schülerzeitung zur Lebenswelt der Schüler? Wie schreiben Schüler über Lebenswelten, die sie wahrnehmen? Warum kommen welche Themen in die Zeitung? Konflikte, Tabu-Themen, darüber wird nicht geschrieben? Schülerzeitungsredakteure sind professionellen Journalisten gleichgestellt, müssen rechtliche und berufsethische Rahmenbedingungen kennen. Sie müssen die handwerklichen Grundlagen des Journalismus kennenlernen. Was ist eine Information? Was ist eine Quelle? Was ist ein Gerücht? Was ist ein Bericht? Was ist ein Meinungsbeitrag, ein Kommentar?

Darüber herrscht in  Schulen und unter Lehrern, das wird in der Diskussion deutlich, zum Teil große Unsicherheit und Unwissenheit. Auch darüber, wie Zeitungen gemacht werden, welche weiten und verantwortungsvoll wahrzunehmenden Spielräume es gibt, Stichworte Informations- und Meinungsfreiheit, auch für Schüler, die Zeitung machen.

Wie weiter? Eine Allianz zwischen Lehrern und professionellen Journalisten schmieden, wie die MDR-Redaktuere vorschlagen. Journalisten bilden Lehrer weiter, das kostet Geld. Wer soll das bezahlen? Das Thüringer Schulgesetz mit Bezug auf Schülerzeitungen erweitern, indem digitale Entwicklungen berücksichtigt werden. Überhaupt: Die analogen und digitalen Chancen und Risiken von Zeitungen, von journalistisch geprägten Medien bewußt machen. Da erleben wir gerade eine atemberaubende Dynamik.

Der Text erschien zuerst im Feuilleton der Tageszeitung Freies Wort und im Netz hinter der Bezahlschranke.
Schuelerzeitungen FW 2016-11-16

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