Kunst der russischen Avantgarde

Gipfel, Brüche und Widersprüche

„Revolutionär!“ titelt die opulente Sonderausstellung russischer Kunst aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in Chemnitz. Sie überrascht, leuchtet, hinterlässt Fragen und enttäuscht gleichermaßen.

Wo beginnt der Rundgang durch die Ausstellung? Das bleibt dem Besucher überlassen. Also rechts herum in den ersten großen Saal dieser Schau mit dem Untertitel „Russische Avantgarde aus der Sammlung Vladimir Tsarenkov“.

Schon bin ich mitten drin in der großen Unübersichtlichkeit, die Unsicherheit erzeugt. Ich stehe vor El Lissitzkys „Suprematistischer Erzählung von zwei Quadraten in 6 Spielen. Hier ist das Ende – weiter“ von 1922, das letzte Blatt. Der Audioguide hilft, die sechs Blätter zu „lesen“, den sollte jeder Besucher unbedingt an der Kasse mitnehmen, ist im Eintritt enthalten. Noch mehr über das schwebende, fliegende, verharrende schwarze und das rote Quadrat, den von Kasimir Malewitsch 1915/1916 kreierten Suprematismus und die Kunstschule in Witebsk, also den kunsthistorischen Kontext  der sechs Blätter, steht im 424 Seiten umfassen Katalog. Wer den kauft und normalerweise erst zu Haus anschaut und liest, erfährt doch noch eine Menge über die Kunst und die Künstler.

Modell für Lenin-Denkmal und Avantgarde-Kunst in einer Blickachse.
Modell für Lenin-Denkmal und Avantgarde-Kunst in einer Blickachse.

Ein Hingucker im ersten Saal ist ein flammend rotes, aus Holzteilen konstruiertes „Modell eines Lenindenkmals“ von dem mir bis dahin unbekannten Wladimir Gelfrejch, gebaut in der Werkstatt von Wladimir Schtschuko. Ganz oben auf den geschichteten Holzteilen steht ein kleiner Lenin in Führerpose, für Interpretationen jeder Art offen. Im Katalog steht eine dazu. Drehe ich mich im ersten Saal, sehe ich große Gemälde von Natalja Gontscharowa und von Alexandra Exter, die frei mit intensiven Farben und abstrakten Formen spielen, auch gegenständlich malen. Bilder von Gontscharowa habe ich zuletzt in Erfurt und Jena gesehen.

Das ist das grundsätzliche Problem und meine Kritik an dieser Ausstellung: die Vermittlung. Es fehlen einführende und einordnende Informationen über die Ausstellung. Es fehlen ein überzeugendes kuratorisches Konzept, eine Erzählung über die russische Kunst und die Künstler im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Es gibt noch nicht einmal ein Faltblatt mit Grundinformationen zur Ausstellung. Das ist für Besucher ärgerlich und nicht nachvollziehbar.

Die Ausstellung umfasst über 400 Werke, die Mehrzahl sind Porzellanobjekte, von 110 Künstlern, entstanden von 1907 bis etwa 1932. Sie stammen alle aus der Sammlung Vladimir Tsarenkov, der in London lebt. Die Chefin der Kunstsammlungen Chemnitz, Ingrid Mössinger, schreibt im Katalog von einem „unerwarteten Glücksfall“ der Leihgaben und des Leihgebers. Über die Sammlung und den Sammler erfährt der Besucher nichts. Welche Absicht steckt dahinter? Eine Internetrecherche führt zu einem Zeitungsartikel in der Londoner Financial Times vom 23.09.2016. Die darin enthaltenen marginalen Informationen zur Entstehung der Sammlung und zur Person des Sammlers könnten Anlass für Spekulationen bieten.

Kunst der russischen Avantgarde: Suprematistisches Dekor und neuer Mensch.
Kunst der russischen Avantgarde: Suprematistisches Dekor und neuer Mensch.

Zurück zur Ausstellung, die künstlerische Höhepunkte aufweist. Da ist ein separater Raum für Malewitsch, den Erfinder des Suprematismus, der Anfang des 20. Jahrhunderts, vom Impressionismus beeinflusste Ölbilder malt. Er gestaltet futuristische Architekturentwürfe, Planiten und Architektona genannt. Seine suprematistische halbe Teetasse, bemalt von seinem Schüler Nikolai Sujetin, ist ein herausragendes Unikat unter den Porzellanobjekten.

Politische Botschaft auf dem Teller: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.
Politische Botschaft auf dem Teller: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.

Die Porzellansammlung mit über 220 Stücken, präsentiert in zwei voneinander weit entfernten Räumen, dominiert die Ausstellung. Sie fasziniert und irritiert in ihrer Gesamtschau oft nebeneinander platzierter „Agitationsporzellane“ und von qualitätvollen Objekten und Ensembles. Da gibt es kubistische Kompositionen mit den revolutionären Symbolen Hammer, Sichel und Ährenkranz, aber auch Agitation und Propaganda pur inklusive Losungen wie „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“. Personenkult auf Tellern gehört dazu, Lenin und Stalin sind spärlich vertreten.

Chemnitz Schachspiel rot

Politisch aufgeladen: Das Schachspiel Rote gegen Weiße.
Politisch aufgeladen: Das Schachspiel Rote gegen Weiße. Fotos: mip

Beim figürlichen Porzellan fällt der Blick auf ein ganz besonderes Schachspiel von Natalja Danko, sie leitete von 1919 bis 1941 die Staatliche Porzellanmanufaktur. „Rot und Weiß“, 32 Figuren stehen für die kämpfenden Parteien des Bürgerkrieges. Der rote König ist ein Jüngling mit Vorschlaghammer, der schwarze König der Tod, ein Skelett in Rüstung und mit Pelz. So politisch aufgeladen sind alle anderen Schachfiguren auch.

Im großen Oberlichtsaal hängen die großen Gemälde. Den „neuen Menschen“ entwirft Alexander Deineka in „Fußball“ von 1924 und „Baseball“ von 1935. Muskulöse Körper, dynamische Aktionen, zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein. Wladimir Baranow-Rossiné ist eine künstlerische Entdeckung. Er verbindet gegenständliche mit kubistischen Formen, Selbstporträts mit farbintensiven, lichtdurchfluteten Flächen. Dazwischen hängt ein idyllisches, ja romantisches Gemälde „Cousine mit Blumen“. Ein stilloser Stil jenseits von künstlerischen „Ismen“, der Blicke magisch anzieht.

Nach dem Ausstellungsrundgang bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück. Große, bekannte Künstlernamen und Kunstwerke. Eine Vielzahl bisher unbekannter Künstler und Kunst, die nur mit Hilfe des Kataloges sich erschließen lassen. In der Ausstellung viel zu wenig Informationen und Einordnung der „russischen Avantgarde“ in den historischen, politischen und künstlerischen Kontext der Zeit. Die Sammlung und der Sammler Tsarenkov bleiben im Dunkel. Sie werden geadelt durch die Chemnitzer Ausstellung. Der kunstinteressierte, kritische Besucher sollte sich selbst ein Bild machen.

Ausstellung
„Revolutionär! Russische Avantgarde aus der Sammlung Vladimir Tsarenko“

bis 12.03.2016
Kunstsammlungen Chemnitz
Museum am Theaterplatz
geöffnet Di-So, Feiertage 11-18 Uhr

Katalog 424 Seiten, 30 Euro in der Ausstellung

Chemnitz russAvantgarede FW 2016-12-30

Der Beitrag erschien zuerst im Feuilleton der Tageszeitung Freies Wort und im Internet (Bezahlscharanke).

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *