Aquarelle von Hermann Hesse

Leuchtend zur Landesgartenschau

„Apolda blüht auf“ und das Kunsthaus stellt den Maler Hermann Hesse mit Aquarellen aus dem Tessin aus. Das passt zusammen.Zur Landesgartenschau in Apolda  sollten es Landschaftsmalereien im Kunsthaus sein, womöglich von einem berühmten Künstler. Das ist Hermann Hesse (1877-1962), der meistgelesene deutschsprachige Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger von 1946. Ja, er hat auch gezeichnet und gemalt, vor allem aquarelliert. Damit wollte Hesse seine Depressionen überwinden, mit denen er sich seit etwa 1916 herumplagte.

Seinem zeichnerischen und malerischen Talent stand er recht distanziert gegenüber. Er betonte die therapeutische Funktion: „Aus der Trübsal, die oft unerträglich wurde, fand ich diesen Ausweg für mich, indem ich, was ich nie im Leben getrieben hatte, anfing zu zeichnen und zu malen. Ob das objektiv einen Wert hat, ist einerlei: für mich ist es neues Untertauchen in den Trost der Kunst, den die Dichtung mir kaum noch gab. Hingegebensein ohne Begierde, Liebe ohne Wunsch.“

Das Kunsthaus Apolda stellt zum zweiten Mal nach 2001 den Maler Hermann Hesse vor, wieder mit Aquarellen, von denen es etwa 3.000 im Nachlass gibt. Der immer gleiche Zeichenblock mit den immer gleichen Maßen von 24 mal 31 Zentimeter (oder umgekehrt) begleitete Hesse im Alltag. So entstanden kleine, naive Kunstwerke als therapeutischer Akt.

Blick in die Ausstellung.
Blick in die Ausstellung.

„…aber das Malen ist wunderschön“ lautet der Titel der Ausstellung, ein Zitat Hesses. In Apolda sind 56 neue Aquarelle aus der Zeit von 1921 bis 1942 zu sehen, die alle im Tessin entstanden. Sie wurden ausgewählt aus dem Nachlass an den jüngsten Sohn Martin und ergänzt mit 32 Schwarz-Weiß-Fotografien des Sohnes, die dem ansonsten öffentlichkeitsscheuen Vater ganz nahe kommen. Dichtung und Malerei begegnen sich in den illustrierten Gedichthandschriften. Das Märchen „Piktors Verwandlungen“ von 1925 mit Aquarellen von Hermann Hesse war bereits in der Ausstellung 2001 im Original zu sehen.

Malen als Therapie um Depressionen zu bekämpfen ist längst eine anerkannte Behandlungsmethode. Hermann Hesse beschritt da vor rund 100 Jahren im Tessin Neuland. Über die Maltherapie fand er zur Literatur zurück, ja er lebte zeitweilig vom Malen, weil er als Dichter und Schriftsteller nicht nachgefragt war, seine Bücher nicht verkauft wurden. „Dass ich nur ein Dilettant bin, vergesse ich nicht“, schrieb Hesse über seine malerischen Ambitionen. Der Charme der Apoldaer Ausstellung besteht darin, die naiven Landschaftsbilder Hesses im Kontext seines literarischen Schaffens zu erleben.

Die Tessiner Landschaft diente ihm als Quelle und Inspiration für sein literarisches Schaffen. Mit seinem Pinselstrich fing Hesse ganz alltägliche Sujets ein: Berge und Täler, Seen und Dörfer, den Garten – eine schöne, heile, verlassene Welt. Denn Menschen kommen auf den Bildern nicht vor. Die große Leere und Einsamkeit ist sein immer wiederkehrendes Thema.

Hermann Hesse am Schreibtisch, fotografiert vom jüngsten Sohn Martin. Alle Fotos: mip
Hermann Hesse am Schreibtisch, fotografiert vom jüngsten Sohn Martin. Alle Fotos: mip

Von seinem jüngsten Sohn Martin, einem professionellen Fotografen, stammen die großformatigen Schwarz-Weiß-Fotos in der Ausstellung. Er begleitete den Vater auf seinen Reisen und Wanderungen, im Alltag beim Schreiben und bei der Gartenarbeit, die den Vater immer wieder zu literarischen Höhenflügen animierte. Der große, breitkrempige Sonnenhut ist das Markenzeichen des Wanderers und Gärtners.

Die Ausstellung wird als Begleitprogramm der Landesgartenschau ihr Publikum finden. Im Katalog sind alle ausgestellten Aquarelle reproduziert, so dass der Besucher die leuchtenden Farben mit nach Hause nehmen kann. Vor der Tür aber blüht Apolda auf.

Der Text erschien zuerst im Feuilleton der Tageszeitung Freies Wort in Suhl, leider bisher nicht auf der Website.

Hesse AP in FW 2017-04-21

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