Ingrid Mössinger ist "Frau Chemnitz"

Ein ganz besonderer Glücksfall

Ein Kreis schließt sich. 1998 eröffnete Ingrid Mössinger in den Kunstsammlungen Chemnitz die erste Ausstellung in Ostdeutschland nach der politischen Wende mit Werken von Georg Baselitz. Zum Abschied dieser großartigen Museumsdirektorin gibt ihr Baselitz wieder die Ehre.Georg Baselitz ist einer der deutschen Gegenwartskünstler, die international hoch geschätzt und hoch gehandelt werden. Der 1938 als Hans-Georg Bruno Kern in Deutschbaselitz im heutigen Sachsen geborene Künstler ging nach frühen Konflikten in der DDR in den Westen Deutschlands und machte eine Weltkarriere. Er ist bis heute eine schillernde Persönlichkeit, ein anerkannter Provokateur, ein Künstler von Welt.

Ingrid Mössinger vor dem Bild von Georg Baselitz "Schwester Rosi III".
Ingrid Mössinger vor dem Bild von Georg Baselitz „Schwester Rosi III“.

Ingrid Mössinger erinnert sich lebhaft an die erste Ausstellung mit Werken von Baselitz. 1996 übernahm sie als Direktorin die Kunstsammlungen in Chemnitz. Vorher  hatte sie als Kuratorin und Direktorin in Wiesbaden, Frankfurt/Main, Sydney und Ludwigsburg Kunst ermöglicht und Künstler gefördert. Und nun in Chemnitz in der ostdeutschen Provinz ein Neustart mit damals Mitte 50 (um ihr Alter macht sie ein Geheimnis), mit Plänen, Visionen und Ideen. „Die Stadt hatte zu der Zeit 22 Prozent Arbeitslose“, erzählt sie, „und ich wollte auch diesen Mensch Kunst nahebringen.“

Über Kontakte und Netzwerke verfügte sie schon damals. Sie telefonierte mit der Kulturstiftung der Deutschen Bank und äußerte die Bitte, eine Ausstellung in Chemnitz  finanziell zu unterstützen. Sie bekam das Angebot, aus der Baselitz-Sammlung der Bank eine Ausstellung mit 200 Werken des Künstlers nach Chemnitz zu übernehmen. Die Schau war zuvor in Moskau, danach in Johannesburg zu sehen. Zur Eröffnung im Januar 1998 kamen 900 Besucher in die Kunstsammlungen Chemnitz. Die Werkpräsentation von Baselitz wurde ein fulminanter Erfolg, Chemnitz war national und international im Gespräch. „Das war meine Initialzündung“, sagt Ingrid Mössinger rückblickend.

Georg Baselitz spricht heute mit viel Respekt, menschlicher Wärme und Anerkennung über Ingrid Mössinger. Er begrüßt sie wie eine gute Freundin zur Medienpräsentation seiner neuen Ausstellung in Chemnitz, der vorletzten der jetzigen Generaldirektorin. Baselitz und Mössinger stehen gemeinsam vor überlebensgroßen Gemälden, dann vor einer Wand mit Aquarellen des Künstlers. Ein Blitzlichtgewitter geht los, Kameras und Mikrofone sind eingeschaltet. „Ich bin nach der Wende in Chemnitz sehr gut aufgenommen worden“, lobt Baselitz das Haus und deren Chefin. „Die aktivste Person aus einem Museum in Deutschland war Frau Mössinger.“ Der exzentrische Künstler Baselitz fühlt sich in Chemnitz sichtlich wohl, seine Ausstellungen seien gut inszeniert.

Georg Baselitz im Blitzlichtgewitter in seiner Ausstellung in Chemnitz.
Georg Baselitz im Blitzlichtgewitter in seiner Ausstellung in Chemnitz.

Die aktuelle Schau kann wie ein künstlerisches und museales Fazit nach 22 Jahren verstanden werden. Sie vereint alle 48 Werke von Baselitz aus dem Chemnitzer Sammlungsbestand, der in diesem Zeitraum so entstand. Das ist an sich schon eine Sensation, so viele Werke eines Künstlers von Welt in einem Kunstmuseum in der ostdeutschen Provinz zu sammeln. 1998 gab es keinen Ankaufsetat für das Museum, heute ist das nicht viel anders.

Ingrid Mössinger besitzt eine große kommunikative Gabe und Empathie, auf Künstler, Sammler, Galeristen, Stifter, Mäzene, Sponsoren, Unternehmer, Kunstwissenschaftler, Politiker, auf Menschen mit Kontakten und Einfluss zuzugehen, sie für ihre Ideen und Visionen zu begeistern. So konnte sie in 22 Jahren ca. 7.000 Kunstwerke für die Sammlungen in Chemnitz gewinnen, ca. 170 Ausstellungen konzipieren, organisieren, finanzieren und kommunizieren. Die New York Times und andere internationale Medien berichteten über die Chemnitzer Kunstsammlungen und ihre umtriebige Generaldirektorin.

Sie hat erstmals Kunstausstellungen und Künstler nach Chemnitz geholt, die bis dahin nicht oder nicht in dieser Konstellation zu sehen und zu erleben waren. Nur ganz wenige Namen und Stichworte: Picassos Frauen, der Maler Bob Dylon, das Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy, die Kunst der russischen Wandermaler Peredwischniki. Sie pflegte und erweiterte eigene Sammlungsbestände nachdrücklich und nachhaltig, u. a. Lyonel Feininger, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Dix.

Vor 15 Jahren gelang Ingrid Mössinger ihr vermutlich größter Erfolg. Unter vielen Bewerbern überzeugte sie den Galeristen Alfred Gunzenhauser, seine über Jahrzehnte zusammengetragene Sammlung mit Werken von Otto Dix in eine Stiftung nach Chemnitz zu geben. Im Museum Gunzenhauser wird Ingrid Mössinger am 28. April die Werkschau des in Gera geborenen Künstlers eröffnen. Auf vier Etagen des Museums sind dann rund 300 Arbeiten von Dix aus der Stiftung Gunzenhauser Chemnitz zu sehen. Das wird ein Fest für die Kunst, das ist der letzte öffentliche Auftritt der vielfach hoch geehrten Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz, Dr. phil. h.c. Ingrid Mössinger.

Herr Baselitz und "Frau Chemnitz" vor "Bandit" (Remix) des Künstlers. Alle Fotos: mip
Herr Baselitz und „Frau Chemnitz“ vor „Bandit“ (Remix) des Künstlers. Alle Fotos: mip

Der Charmeur Georg Baselitz verspricht sich absichtsvoll, wenn er „Frau Chemnitz“ sagt und Ingrid Mössinger meint. Die Frau ist, sie war ein ganz besonderer Glücksfall für die Stadt.

Der Beitrag erschien zuerst in der Tageszeitung Freies Wort und im Online-Portal insuedthueringen.de.
Chemnitz Moessinger Baselitz FW 2018-04-24

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *