Lesens- und nachdenkenswerte Biografie

Die Renaissance des Denkers Karl Marx

Bei ihm scheiden sich die Geister. Die einen wollen ihn in der Versenkung lassen. Die anderen betonen, wie aktuell sein Denken ist. Karl Marx ist Wüterich und Weiser.

Das Buch von Jürgen Neffe „Marx. Der Unvollendete“ ist ein dicker Wälzer von 656 Seiten, seit acht Monaten auf dem Markt, es kostet 28 Euro. An dem „Buch wie ein Blitzschlag hellster Erkenntnis“, so der Kult-Kritiker Denis Scheck, lässt sich ganz gut der Doppelcharakter der Arbeit nach Marx ableiten: Gebrauchswert und Tauschwert. Wird der Leser dadurch klüger? Schöpft er neue Erkenntnisse über Marx´ Werk und die Person? Sind die 28 Euro ein angemessener Tauschwert? Oder leihe ich mir das Buch in der Bibliothek aus? Die Jahresgebühr für die Bibliothek liegt unter 28 Euro.

So viele und noch viel mehr andere Fragen, auf die Marx Antworten suchte, formulierte und in vielen Werken publizierte. Jürgen Neffe fährt aktuell durch ost- und westdeutsche Städte, um sein Buch, das Denken von und den Denker Karl Marx, das Werk und die Person, einem breiten Publikum wieder und anders und neu bewusst zu machen. Im „Politischen Salon“ im Erfurter Kultur: Haus Dacheröden sprach er jüngst über den Wissenschaftler Marx, las aus seinem Buch, diskutierte mit Thüringens Kulturminister Benjamin Hoff über den jungen Denker, Lebenspartner von Jenny und Partylöwen, der es auch mal krachen ließ und mit Geld nicht umgehen konnte.

Keine Angst vor Marx, empfiehlt Biograf Jürgen Neffe. Fotos: mip
Keine Angst vor Marx, empfiehlt Biograf Jürgen Neffe. Fotos: mip

Das Marx´sche Denken und sein Werkzeugkoffer sind heute hochaktuell, lautet eine These von Jürgen Neffe. Er empfahl, „keine Angst vor Marx“, sein Werk zu lesen, „mir geht es um die geistesmächtigen Werke.“ Vor dem Schreiben seiner Biografie über Marx recherchierte und las Jürgen Neffe alle relevanten Marx-Biografien der letzten 100 Jahre, die noch verfügbar sind, und seine Werke, darunter manche Texte, die erst nach dem Tod von Marx veröffentlicht wurden. Der Autor schreibt in einer sehr lesbaren und hörbaren Sprache Buchkapitel, die sich einerseits mit Marx´ Theorie, seinen Werken, beschäftigen, andererseits mit seiner Person und seinem persönlichen Umfeld.

Der angebliche Revolutionär Marx, so Neffe, war gegen die Revolution. Der oft reproduzierte Kopf von Karl Marx (beispielsweise auf dem 100-Mark-Schein der DDR), monumental und mit grauem Rauschebart, entsprach weitestgehend nicht der Realität. Marx war seiner Frau Jenny nicht untreu, aber treulos, so Neffe. Sie transkribierte seine handschriftlichen Manuskripte für den Druck, bediente sich bei seinen Gedanken. Und umgekehrt, so Jürgen Neffe. Es gilt als gesichert, dass Karl Marx Gedanken von Jenny in seine Texte übernahm.

150 Jahre nach dem Erscheinen von Marx´ Hauptwerk „Das Kapital“ sei die darin angestellte Analyse des Kapitalismus aktueller denn je, so Jürgen Neffe. Marx habe Entwicklungen des Kapitalismus vorhergesehen, die jetzt erst Wirklichkeit geworden sind, zum Beispiel die Globalisierung. „Das Kapital“ hat der französische Staatspräsident Emanuel Macron gerade der französischen Jugend als Lesestoff empfohlen, um die gegenwärtige Welt zu verstehen.  Jürgen Neffe empfahl das „Kommunistische Manifest“, nicht nur wegen der literarischen Sprache, und „Die deutsche Ideologie“. Sein Biografie zum 200. Geburtstag von Karl Marx sei der „Versuch den Kapitalismus zu verstehen, um ihn zu beherrschen“.

Am 5. Mai 2018 wird Jürgen Neffe in Trier die Festrede zum 200. Geburtstag des Denkers halten. Vor und nach ihm reden zwei führende sozialdemokratische Politikerinnen. Die SPD hat 1959 Karl Marx und sein Denken mit dem Godesberger Programm in der Versenkung verschwinden lassen, behauptet Neffe. Dabei gelte nach wie vor der Satz aus der Grabrede von Friedrich Engels auf Karl Marx: „Sein Werk wird durch die Jahrhunderte fortleben und so auch sein Werk.“ Schon wieder eine These, über die Befürworter und Gegner von Marx trefflich streiten können.

Der Text erschien zuerst in der Tageszeitung Freies Wort.
EF Lesung Neffe Marx FW 2018-04-25

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