Erlebnis Industriekultur

Glasaugen und Automobile

Thüringen entdeckt seine Industriekultur. Erstmals widmet sich eine große Ausstellung mit fast 600 Schaustücken umfassend dieser Tradition und Geschichte, die wesentlich die Identität des Landes prägt.

In der denkmalgeschützen Shedhalle in Pößneck wurden vor 130 Jahren Textilien für den Weltmarkt hergestellt. Der Ort ist prädestiniert für die Impulsausstellung des Landes „Erlebnis Industriekultur – Innovatives Thüringen seit 1800“. Sie bildet das repräsentative Schaufenster für das Thüringer Themenjahr 2018 „Industrialisierung und soziale Bewegungen in Thüringen“, das die Landesregierung ausgerufen hat.

Schaustück Oldtimer-Automobil.
Schaustück Oldtimer. Automobil Loreley 6-12.

Der Besucher kann selbst den Weg durch die Ausstellungshalle und Zeitreise in die Thüringer Industriegeschichte bestimmen. Auf mehr als 800 Quadratmetern sind knapp 600 Objekte zu erleben: große, schwergewichtige Ausstellungsstücke wie eine O&K Feldbahn-Lokomotive RL2 oder ein Automobil Loreley 6-12. Kleinteiliger und leichter sind Glasaugen aus Lauscha oder hölzerne Pfeifenspitzen aus Ruhla. Sechs sogenannte Themeninseln präsentieren die Schaustücke, erzählen spannende Geschichten und kurze Episoden über Erfindungen und Erfinder, die einst in Thüringen begannen und oft in die Welt hinaus ausstrahlten, die bis in die Gegenwart reichen.

Es wurde Zeit für eine solche umfassende Ausstellung an einem Ort, um der im öffentlichen Bewusstsein in und über Thüringen dominierenden Residenzkultur und -geschichte eine real existierende weitere, Identität stiftende Tradition, verbunden mit Innovationen, an die Seite zu stellen. Das gelingt mit dieser Impulsausstellung sehr anschaulich und überzeugend. Sie macht aber auch auf Defizite in Wissenschaft, Forschung und nachhaltiger Vermittlung eines Kulturerbes aufmerksam, das aus der umfassenden Perspektive des Landes bisher vernachlässigt wurde und immer noch wird.

Wall of Fame. Thüringer Industrie zu Hause und in der Welt.
Wall of Fame. Thüringer Industrie zu Hause und in der Welt.

Eine „Wall of Fame“ ist so ein Blickfang in der Ausstellungshalle, der ahnen lässt, mit welchen Innovationen Thüringer Firmen und Erfinder im eigenen Land und in der Welt zu Ruhm, Ehre und Rendite gelangten. Da hängen künstlerisch gestaltete Urkunden, Medaillen und Gedenkblätter dicht neben- und übereinander platziert. Sie künden von der erfolgreichen Teilnahme an Gewerbe- und Weltausstellungen. Dazu gehören eine grafisch sehr opulent gestaltete Urkunde von 1893 für „Thüringer Gewerbefleiss“ an die Striegel- und Leuchterfabrik Josef Erbe in Schmalkalden oder eine eher unauffällige Urkunde von 1901 für die Gebläsefabrik Dietz & Rudoph in Schmalkalden. Zu entdecken ist eine Bronzemedaille der „ersten allgemeinen Thüringischen Gewerbe-Ausstellung“ in Gotha 1853 für A. G. Burkhardt, 1857 Mitbegründer der Ahlenfabrik Burkhardt, Kaupert & Co. in Schmalkalden. Die Firma beteiligte sich sehr erfolgreich mit ihren Produkten auf Weltausstellungen in Amsterdam 1869 und in Paris.

Die Themeninseln präsentieren weitere Objekte und erzählen noch mehr Geschichten über Bodenschätze und Werkstoffe, über Arbeit, Alltag und Sommerfrische, über „Was ist typisch für Thüringen“, über Orte der Industrialisierung, über Verkehr und Kommunikation, über Finanzen, Marken und Reklame. Die stichwortartige Aufzählung macht deutlich, dass hier ein umfassender Ansatz verwirklicht wird, Industrialisierung in sozialen und anderen Kontexten und Zusammenhängen zu erzählen. Da wird es vielleicht für den einzelnen Besucher etwas unübersichtlich und undurchsichtig. Er kann sich aber einen Audioguide ausleihen, der sechs verschiedene Führungen zu speziellen Themen anbietet.

Die südthüringer Industriegeschichte ist sehr gut präsent. Spielwaren aus Sonneberg gehören dazu, gläserner Christbaumschmuck und menschliche Glasaugen aus Lauscha. Waffen aus Suhl und Zella-Mehlis sind vertreten, Thermometer aus Geraberg. Die Ruhlaer Pfeifenindustrie und Uhrenhersteller bekommen ihre Bühne wie auch Eisen- und Stahlwaren aus Schmalkalden sowie die Mercedes-Schreibmaschine aus Zella-Mehlis, ein Prunkstück. Thüringen verfügte einst über sieben Standorte, wo Automobile produziert wurden. In der Gothaer Waggonfabrik entwarfen Konstrukteure die „Gothas“, die als Großraumkampfflugzeuge im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurden.

Das Projektteam mit Julia Dünkel (Mitte) und Kurator Andreas Christoph (rechts). Alle Fotos: mip
Das Projektteam mit Julia Dünkel (Dritte von rechts) und Kurator Andreas Christoph (rechts). Alle Fotos: mip

Dem kleinen Projektteam in Pößneck unter Leitung von Julia Dünkel und dem wissenschaftlichen Kurator Andreas Christoph ist in kurzer Vorbereitungs- und Umsetzungszeit von weniger als zwei Jahren mit der Impulsausstellung des Landes zur Industriekultur ein überzeugender Wurf gelungen. Sie mussten das Thema fokussieren und recherchieren, Objekte von über 100 öffentlichen und privaten Museen und Sammlern ausleihen. Sie organisieren ein umfassendes Vermittlungsprogramm für alle Interessen- und Altersgruppen, insbesondere Schulklassen und Familien. Der fast 200 Seiten umfassende Katalog mit Essays und vielen Abbildungen liegt pünktlich zur Ausstellungseröffnung vor. Das Projektteam schlägt mit seinen Internetpräsentationen und dem kleinen Ausstellungsteil „Industrie 4.0“ den Bogen in die digitale Welt.

Mehr als 30 Museen in Thüringen begleiten mit eigenen Sonderausstellungen zu Spezialthemen die Pößnecker Schau, darunter Museen in Bad Salzungen, Ilmenau, Meiningen, Schmalkalden und Steinbach-Hallenberg. Dauerausstellungen zu Aspekten der Industriekultur sind u. a. in Museen in Gehlberg, Geraberg, Hildburghausen, Merkers, Neuhaus am Rennweg, Suhl, Steinach und Zella-Mehlis zu sehen. Sie alle verdiene eine größere, öffentliche Aufmerksamkeit beim Publikum und mehr Unterstützung durch die Thüringer Wirtschaft und Politik.

Der Beitrag ist zuerst im Feuilleton der Tageszeitung Freies Wort in Suhl erschienen.

Poessneck Industriekultur FW 2018-06-08a

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