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Herr Montavon wird jetzt freundlich gegrüßt

Hasko Weber (links) und Guy Montavon. Freundlich distanzierte Annäherung der Theater Weimar und Erfurt. Foto. mip
Hasko Weber (links) und Guy Montavon. Freundlich distanzierte Annäherung der Theater Weimar und Erfurt. Foto. mip

Gemeinsame Vorstellung heute Vormittag. Auftritt. Ansage. Abgang. Die Theater Erfurt und Weimar arbeiten künftig zusammen.

Ist das eine Nachricht von öffentlichem Interesse? Aber ja! Im städtischen Werkausschuss des Theaters Erfurt soll sogar Jubel ausgebrochen sein. „Im Anfang ist das Wort“, „Faust. Der Tragödie erster Teil“ kommt aus Weimar auf die Bretter des Theaters Erfurt. Das ist der Anfang am 15. Oktober 2014, wenn eine „neue Ära zwischen den Theatern beider Städte beginnt“, wie Erfurts Intendant Guy Montavon heute ein bisschen pathetisch plaudert. Sein Weimarer Kollege Hasko Weber spricht mit ernstem Ton von einer „Zusammenarbeit ja, unbedingt“ und sagt, „das muss man ausprobieren“.

Nach dem „Faust“ von Hasko Weber, einem Gastspiel mit fünf Vorstellungen, folgt der „Wallenstein“ von Weber in Kooperation mit Erfurt, gleich nach der Weimarer Premiere in Erfurt am 11. Februar 2015. Kooperation, das ist ein Schritt aufeinander zu. Das Budget wird aufgeteilt. Hasko Weber macht seine eigentliche Intention deutlich: „Wir wollen zusammen eine Produktion denken.“ Der nächste Schritt heißt Koproduktion.

Es geht nicht vordergründig ums Geld und wie viele Euro gespart oder künftig anders ausgegeben werden, wie einer aus der Medienmeute, dem ausgesuchten Publikum in Erfurt, den Intendanten einreden will. Es geht um die ernsthafte Absicht, eine Zusammenarbeit zu beginnen, die von beiden Häusern und den Menschen, die dort arbeiten, gewollt ist und akzeptiert wird. Und es geht darum, dem Publikum ein Angebot, zunächst in Erfurt, zu machen, das es bisher nicht gibt.

Die Künstler, die Kräfte hinter der Bühne, die Theaterleitungen gehen offen aufeinander zu, die Scharmützel der letzten 20 Jahre sind Geschichte. Bei Hasko Weber sowieso, Guy Montavon, das merkt man, leckt noch Wunden. Es geht auch um einen Mentalitätswandel und für Hasko Weber um die spannende Frage: Kommt Erfurter Publikum ins Erfurter Theater, wenn die Weimarer spielen? Ins Deutsche Nationaltheater Weimar fahren Erfurter Theatergänger, das war schon immer so. Aber, so Webers Hoffnung, kommt jetzt ein Erfurter Publikum ins Erfurter Theater, das sonst nicht den Weg nach Weimar findet?

Bis 2017, so lange läuft der Vertrag von Montavon, gehen die Gedankenspiele der beiden Intendanten. Eine gemeinsame Operninszenierung ist dabei, ein Austausch von Künstlern, aber die Orchester bleiben davon unberührt. Überhaupt, das macht Weber deutlich: „Die Identitäten beider Theater in ihren Städten ist unverzichtbar. Das ist ernst zu nehmen.“

Die Intendanten, das macht die kurze, gemeinsame Vorstellung am Vormittag deutlich, gehen ernsthaft, kollegial, ein wenig distanziert miteinander um, aber sie gehen aufeinander zu. Im Weimarer Theater, plaudert Herr Montavon dann doch noch aus dem Nähkästchen, werde er jetzt freundlich gegrüßt. (mip)

Nachtrag: Am 01.03.2014 veröffentlicht auf Papier und im Netz.


„Sonnensucher!“ und Schattenseiten

Einladung zum Schauen. Die Kunstsammlung der Wismut in der Orangerie Gera.
Einladung zum Schauen. Die Kunstsammlung der Wismut in der Orangerie Gera.

Von Kunst ist die Rede, nicht von Krise. Und nicht von den Schattenseiten, denn die Kunstsammlung Gera und die Museen der Stadt werden kaputtgespart.

In der Orangerie, Ort der Kunstsammlung Gera, drängen sich Hunderte von Gästen. Die Ausstellung „Sonnensucher! Die Kunstsammlung der Wismut – Eine Bestandsaufnahme“ wird eröffnet. Es ist wie bei einem Klassentreffen nach 25 oder mehr Jahren. Dutzende Besucher haben extra ihre Bergbau-Uniformen angezogen, sie begrüßen und erinnern sich. Die Wismut war und ist ihr Leben. Die zu eröffnende Ausstellung erzählt diese Geschichte und Geschichten in 150 Bildern, Grafiken und Objekten sowie auf langen Texttafeln.

Ist das Kunst? Das Vor-Urteil vom „Streitfall Kunst“ schwebt immer noch und immer wieder über jeder Ausstellung, die Bilder und Grafiken aus der DDR-Zeit ans Licht der Öffentlichkeit holt. Aber der distanzierte und differenzierte Blick auf Kunst und Künstler, auf die Umstände der Zeit und jenseits ideologischer Verklärung setzt sich langsam durch. Das Publikum kommt und schaut und diskutiert, manche Medien spitzen zu, Kunstwissenschaftler bewerten kritisch, aber sie verreißen oder verurteilen nicht mehr wie einst in der skandallösen Weimarer Schau 1999.

Renaissance von Kunst aus der DDR
Thüringens Kulturminister Christoph Matschie ist extra zur Eröffnung nach Gera gekommen, redet über die Renaissance von Kunst aus der DDR, die Identität stiftende Wismut-Sammlung und ein kulturelles Erbe, das es zu erhalten gilt. Er lässt sich, gemeinsam mit Geras Oberbürgermeisterin Viola Hahn und Wismut-Geschäftsführer Hardi Messing, vor dem monumentalen, propagandistischen Gemälde „Uran“ (1971) von Hans Hattop (1924-2001) fotografieren. Der Maler und Autodidakt aus Meiningen, nicht zu verwechseln mit seinem Onkel gleichen Namens, hat hier ein ideologisch aufgeladenes, im Stil des sozialistischen Realismus gemaltes, künstlich wirkendes Bild abgeliefert.

Ganz anders der Künstler Lutz R. Ketscher (geb. 1942 in Gera), dessen Bild „Schichtbus“ (1983), hinter dem Rednermikrofon des Ministers an der Wand hängend, eine andere Perspektive der Ausstellung deutlich macht. Müde, in sich zusammengesunkene Wismut-Kumpel im Bus. Dahinter rauchende Schlote inmitten der Bergbaulandschaft. Einzelne, aufflackernde Lichter. Mehrfache Spiegelungen durch das Fenster des Busses. Insgesamt eine düstere, melancholische Grundstimmung, die von dem Bild ausgeht. Beginnend in den 1970er-Jahren und danach noch stärker, werden Arbeitswelt und Arbeiter der Wismut kritischer, widersprüchlicher und vor allem künstlerisch (nicht künstlich) reflektiert.

Geschichte und Gegenwart künstlerisch hoch verdichtet
Die Ausstellung „Sonnensucher!“ war zuvor unter dem Titel „Schicht im Schacht“, in einer anderen Werkauswahl, in der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz zu sehen (Freies Wort berichtete), dort mit 6.500 Besuchern die erfolgreichste Schau der letzten zehn Jahre. In der kleinteiliger strukturierten Orangerie in Gera hängen mehr Gemälde, sind vor allem Künstler aus der näheren Region präsent. Wichtige Schlüsselwerke sind vertreten wie Bernhard Heisigs Historiengemälde „Die Geraer Arbeiter am 15. März 1920“ (1960/1984). Oder der „Boxer in den Seilen“ (1983) und weitere Bilder von Alexandra Müller-Jontschewa (geb. 1949, lebt in Weida), die Geschichte und Gegenwart künstlerisch hoch verdichtet gestalten.

Die grafischen Arbeiten in der Ausstellung scheinen etwas unterbelichtet präsentiert, aber hier kommt in der Regel die Kunst zu ihrem Recht. Die Künstlerliste umfasst viele Namen, die in der DDR gehandelt und geschätzt wurden, von den großen Leipziger bis zu den verbotenen Chemnitzer Künstlern.

Prekäre Lage der Museen in Gera
Was ist mit Krise in Gera, mit den Schattenseiten der „Sonnensucher“? Ein Indiz: Die Ausstellung ist fünf Tage die Woche nur 25 Stunden geöffnet. Normal waren bisher sechs Tage und 42 Stunden. Die Stadt muss mehr als 100 Millionen Euro binnen zehn Jahren einsparen, die Kultur muss das auch ausbaden. Die eintägige Schließung aller Museen und der Kunstsammlung in Gera am 7. November 2013 (geplant war viel länger) sorgte für einen Aufschrei in Deutschland und ein negatives Image, das Gera anhängt. Das sagt der Chef des Fördervereins der Kunstsammlung Ulrich Schütt. Der Einspareffekt durch verkürzte Öffnungszeiten sei gering und nicht lange durchzuhalten, meint er. Minister Matschie und OB Hahn verlieren kein öffentliches Wort über die Begleitumstände der Ausstellung und die prekäre Lage der Museen in Gera.

Kunst- und Museumslandschaft muss rekultiviert werden
Im Gegenteil. Sie wollen, dass die Sammlung Wismut-Kunst, rund 4.200 Werke, in Gera eine Heimstatt bekommt, wie OB Hahn zur Ausstellungseröffnung betont. Dabei soll das Museum für Angewandte Kunst Gera komplett geschlossen werden. Frei werdende Personalstellen in den Museen werden schon lange nicht mehr wieder besetzt, sie werden kaputtgespart. Einen Plan hat die Otto-Dix-Stadt nicht, wie sie mit ihren Museen, Sammlungen und Häusern umgehen will.

Die Wismut GmbH wirbt mit „Neuen Perspektiven. Für Mensch und Umwelt“ und rekultiviert die geschundene Landschaft. Die Kunst- und Museumslandschaft in Gera muss auch rekultiviert werden. (mip)

Ausstellung in der Orangerie Gera, Orangerieplatz 1
Laufzeit bis 21. April 2014
Geöffnet Mi-So und feiertags 12-17 Uhr

Umfangreiches Begleitprogramm mit Führungen, Vorträgen, Filmen und Diskussionen:
Informationen über Dresdner Institut für Kulturstudien e. V.
Telefon: 0160-94804042 | E-Mail: claudia.petzold@tu-dresden.de

Empfehlenswerter Katalog zur Ausstellung:
224 Seiten; 241 Abbildungen; 19,90 Euro


Die Farben der Demokratie

Weimar_Tagungsraum

Weimar gehört zu den herausragenden deutschen Orten, wo politische Geschichte geschrieben wurde. Die Tradition der „Weimarer Republik“ soll künftig permanent präsentiert und vermittelt werden.

Vor 95 Jahren erwachte das kleine Weimar aus einem Dornröschenschlaf. Am 21. Januar 1919 verkündete die Reichsregierung, die verfassungsgebende Nationalversammlung nach Weimar einzuberufen. Bereits am 6. Februar konstituierte sich die Versammlung der 423 Abgeordneten im Deutschen Nationaltheater.

Eine neue Ausstellung im Stadtmuseum erzählt die Geschichte und Geschichten über die „Demokratie aus Weimar. Die Nationalversammlung 1919“, die den Ort für 197 Tage in einen Ausnahmezustand versetzte. Der Kurator und Direktor des Stadtmuseums, Alf Rößner, hat in dreijähriger Arbeit ungezählte zeitgeschichtliche Originale und Dokumente zusammengetragen, Modelle bauen und Medienpräsentationen erstellen lassen. Er hat mit einem vergleichsweise kleinen Budget eine sinnliche und informative Ausstellung gebaut.

Der erste Eindruck ist überwältigend, die Fülle der Objekte und Informationen muss der Besucher erst einmal aufnehmen, sortieren und einordnen. Auf der zentralen Sichtachse in der Ausstellung begegnen sich mit gehörigem Abstand Kaiser Wilhelm II. und Friedrich Ebert Auge in Auge, der letzte Monarch und der erste Präsident. Zwei Porträts, die das politische Spannungsfeld 1918/19 symbolisieren. Der Erste Weltkrieg bildet den Einstieg in die Präsentation mit Bildern wie „Erste Siegesnachricht“ und „Todesnachricht“, dem in Weimar bei Kiepenheuer verlegten Buch „Der Heilige Krieg“, mit Orden erst aus Gold und Silber, zum Kriegsende aus Blech.

Warum Weimar? Weil die „Kleinstadt ruhiges, konzentriertes Arbeiten ermöglichte“, weil nur „eine geringe Gefahr revolutionärer Unruhen bestand“, weil der „klassische humanistische Geist die Wandlung des politischen Geistes sichtbar machen sollte.“ Für die Bürger der Stadt bedeutete die Nationalversammlung einen Ausnahmezustand. Rigorose Sicherheits- und Ausweiskontrollen, über 4.000 Soldaten. Privathäuser wurden als Quartiere genutzt, weil Hotelbetten fehlten. Der Versammlungsort, das Deutsche Nationaltheater, wird im damaligen Bauzustand als Modell 1:100 rekonstruiert, der Tagungsraum virtuell reproduziert.

Die Nationalversammlung war ein Mega-Medienereignis. Über 1.000 Journalisten besuchten Weimar, der extra eingerichtete „Zeitungs-Flugdienst Berlin-Weimar“ sorgte täglich für neue Zeitungen. Ein provisorisches Telegraphenamt wurde errichtet. Am 31. Juli 1919 verabschiedete die Nationalversammlung die Verfassung des Deutschen Reiches. Erstmals wehten die Farben der Demokratie Schwarz-Rot-Gold vor dem Nationaltheater. „Der große Tag des deutschen Volkes“ wird in einem historischen Film aus dem Bundesfilmarchiv lebendig.

Fünf Jahre soll die Ausstellung stehen. Und dann, zum 100. Jubiläum? Museumsdirektor Alf Rößner gibt die Frage an Stadtkulturdirektorin Julia Miehe weiter. Das Projekt „Haus der Demokratie“ geistert seit Jahren durch die Stadt. Ein Museum und „Lernort der Demokratie“ gegenüber dem Nationaltheater, wo jetzt noch das alte Bauhaus-Museum steht? Oder in das Areal des ehemaligen Gauforums integriert? Als Dependance des Deutschen Historischen Museums? Land und Bund sind hier gefordert, Flagge zu zeigen, die Farben der Demokratie, die 1919 in Deutschland in Weimar erstmals zu sehen waren. (mip)

Stadtmuseum Weimar, Karl-Liebknecht-Straße 5-9 / geöffnet Di-So 10-17 Uhr. Im Laufe der Ausstellung erscheint ein Katalog.


Besuch bei Dürer

Draußen anstehen, drinnen dicke Luft bei Dürer.
Draußen anstehen, drinnen dicke Luft bei Dürer.

Anstehen vor dem Städel-Museum in Frankfurt/Main. Die Sonderausstellung „Dürer –Kunst, Künstler, Kontext“ lockt täglich Hunderte, an Wochenenden Tausende Besucher. Das Besuchermarketing ist richtig gut, die Ausstellung selbst und die Umstände des Besuchs sind weniger gut.

Wer vor 18 Monaten im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg die große Dürer-Ausstellung gesehen hat, entdeckt im Städel-Museum zwei herausragende Dürer-Werke, die das Anstehen lohnen. Der Heller-Altar ist komplett zu sehen, der Mittelteil ist eine gute Kopie, das Original ist verbrannt. Dürers „Betende Hände“ erscheinen gemalt, auf der linken Tafel, fast unauffällig. Die graphische Vorarbeit ist weltbekannt.

Die Ehrenpforte für Kaiser Maximilian I., auf 36 Bögen gedruckt, ist der größte, jemals angefertigte Holzschnitt mit über 200 Blättern, überwältigend in seiner räumlichen (fast drei mal vier Meter) und geistigen Dimension. Das ist für den Einzelnen nicht mehr im Ganzen überschaubar und in den Details nicht erfassbar. Hier hätte, neben dem Original, eine digitalisierte Präsentation der einzelnen Blätter und des Ganzen einen echten Mehrwert für den Besucher schaffen können.

Die zum großen Teil bekannten graphischen Folgen und Blätter Dürers sind oft irgendwie an die Wände drapiert. Das habe ich in Nürnberg und Meiningen 2012, in Weimar 1999 (mit einem wunderbaren Katalog „Meisterwerke der Druckgraphik“) viel besser präsentiert gesehen inklusive der beigefügten Informationen.

Bei dem Besucheransturm letztes Wochenende herrschte in den Ausstellungsräumen „dicke Luft“. Das Mikroklima war für Menschen wie für Kunstwerke richtig schlecht. Wird im Städel-Museum die Kunst dem Kommerz geopfert? Was sagen Leihgeber dazu? So eine gehypte Großausstellung mit ihren Begleiterscheinungen (anstehen an Kasse, Garderobe, für den Guide, im Café) hinterlässt bei mir ganz zwiespältige Eindrücke. (mip)


Kumpel. Künstler. Kunst. Geschichte.

Ärger, Kontroversen, Streit, Diskussionen. Die DDR ist untergegangen, die Kunst aus der DDR sorgt für Aufregung jeder Art.

Das ist seit den 1990er-Jahren so, besonders in Weimar 1999, als vor Gericht über die Hängung von Bildern erbittert gestritten wurde. Die Ausstellung „Schicht im Schacht. Die Kunstsammlung der Wismut – eine Bestandsaufnahme“ läuft in der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz länger als geplant bis zum 26. Januar. Ab 7. Februar wird sie in veränderter Form in Gera in der Orangerie gezeigt.

Das Besucherinteresse ist groß an der größten Sammlung eines DDR-Betriebes, die von 1959 bis 1989 zusammengetragen wurde. Großformatige Bilder mit Szenen aus dem Arbeitsleben und Porträts von Arbeitern, vor allem Bergleuten, dominieren auf den ersten Blick die Auswahl. Das erste Gefühl: Was sind das für Schinken? Kunst? Bebilderte Geschichte? Gelebtes Leben?

Der Wert der Ausstellung in Gera besteht im ästhetischen Wechselspiel der Werke, dem gesellschaftspolitischen Kontext, der in langen Texten in der Ausstellung nachzulesen ist (noch viel besser im Katalog). Er besteht in einzelnen Bildern und vor allem Grafiken, die für Qualität stehen. Mehr als 100 Arbeiten sind in der Geraer Ausstellung zu sehen von rund 4.200 Werken insgesamt, die zum Bestand der Wismut-Sammlung gehören.

Die Kuratoren um Paul Kaiser, Mathias Lindner und Holger Peter Saupe haben professionell gearbeitet und mit weiteren Experten einen ausgezeichneten Katalog vorgelegt. Sie verklären nichts, aber erklären, ordnen ein, vermitteln Fakten, interpretieren. Mit dem „Bitterfelder Weg“, dem ersten Bild „Der neue Anfang“ von Heinrich Witz und der ersten Kunstausstellung der Wismut im Jahr 1959 beginnt die Bestandsaufnahme. Die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft (SDAG) Wismut verfügte drei Jahrzehnte lang über ausreichend Geld und Strukturen, um Kunst und Künstler zu beauftragen, zu fördern, Kunst zu kaufen.

Regelmäßige Künstler-Pleinairs und eigene Kunstausstellungen, Kooperationen mit Kunsthochschulen in Leipzig, Dresden und Weimar, Aufträge zu „gesellschaftlichen Anlässen“ an Künstler, Ankäufe auf dem Kunstmarkt und Schenkungen ließen die Sammlung der Wismut enorm wachsen. Kunstvermittler und Funktionäre kümmerten sich darum, dass sich Kumpel und Künstler regelmäßig begegneten: unter Tage und in Ausstellungen.

Der künstlerische Ertrag ist unterschiedlich. Stolze, glückliche Bergarbeiter und Kollektive sind zu sehen, die Anstrengungen und Mühen des Arbeitsalltags ebenso, in den 1980er-Jahren auch die geschundene Umwelt und Mondlandschaften. Jenseits von Wismut und Bergbau entstanden Akt- und Alltagsmotive, abstrakte Kompositionen, ironische und Historien-Bilder, die ganze Vielfalt von Motiven und Formen.

458 Namen umfasst die Künstler-Liste der Wismut-Sammlung, darunter Protagonisten der Leipziger Schule und der Dresdner Kunstakademie, andere bedeutende, regionale und zu DDR-Zeiten nicht anerkannte Künstler. Eine Auswahl: Theo Balden, Bärbel Bohley, Kurt Hanf, Hans Hattop, Bernhard Heisig, Lutz R. Ketscher, Michael Morgner, Alexandra Müller-Jontschewa, Werner Petzold, Frank Ruddigkeit, Hans Ticha.

Die Autoren erzählen im Katalog spannende Geschichten wie etwa von Bernhard Heisig und seinem wiederholt übermalten Historiengemälde „Die Geraer Arbeiter am 15. März 1920“. Sie blicken in Depots, etwa in Meiningen, berichten über das Wandbild von Willi Neubert, das einst in Suhl hing, Anfang der 1990er-Jahre abgebaut wurde und seit 2011 in dessen Heimatstadt Thale im Harz im öffentlichen Raum wieder zu sehen ist.

In Gera ist jüngst die Absicht öffentlich geworden, die Kunstsammlung der Wismut in einer Stiftung aufzunehmen und ihr eine ständige Heimstatt zu geben. Nach den Turbulenzen um die Zukunft Geraer Museen ist das eine Nachricht, die kontrovers diskutiert werden dürfte. (mip)

Ausstellung in Gera, Orangerie:

07.02. bis 21.04.2014

geöffnet Di-So 11-18 Uhr

Katalog 224 Seiten, ca. 220 Abbildungen, Preis 19,90 €


Tageszeitungen in Thüringen: Weniger produzieren mehr

Sie sind genervt und reden sich ihre Welt schön. Drei Chefs von Thüringer Tageszeitungen sitzen diese Woche am Medienstammtisch des DJV Thüringen in Erfurt und reden übers Geschäft. Zuhörer und Zwischenrufer in der Runde kommen vom öffentlichen-rechtlichen und privaten Rundfunk, aus der Landesregierung, von Pressestellen, aus der Uni Erfurt, sind Journalisten aller Medien.

Die Zeitungschefs sind genervt über Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart und seine steilen Thesen, weil der und andere die Branche schlecht reden. Denn die Zeitungswelt, zumindest in Thüringen, ist schön, bunt, vielfältig. Ja, ganz richtig: hier herrschen Themen- und Meinungsvielfalt. Die Tageszeitungen „bemühen sich um eine eigene Handschrift“, sagt einer. Zeitungskrise? Aber nein. Na ja, die Journalisten müssen schon ein bisschen mehr arbeiten und sich umstellen.

Aus den Redaktionen raunt es: Weniger produzieren mehr. Weniger Journalisten recherchieren und schreiben mehr Beiträge, produzieren mehr Zeitungsseiten, arbeiten länger und intensiver. Denn die Rendite in den Zeitungshäusern stimmt nach wie vor. Also 25 Prozent, wie bei manchen Banken vor der Krise. Oder nur fünf, wie einer meint? Der Jenaer Medienökonom Wolfgang Seufert hat gerade festgestellt: Seit 2006 haben sich die Verlagsüberschüsse verdoppelt, weil die Lohnkosten unterdurchschnittlich gestiegen und die Produktivität pro Kopf (Journalist) gestiegen ist.

Egon Olsen selig hatte immer einen Plan, um seinen nächsten Coup zu starten. Und die Zeitungschefs? Die reden viel übers Geschäft und wenig übers Blattmachen. Wann ist ein Thema heute ein Thema für die Zeitung? Was ist eine gute Geschichte? Was macht heute eine Zeitung aus? Einer der Chefredakteure sagt: „Die Zeitung ist immer gleich groß“, und sie erscheint alle 24 Stunden. Der lebt noch in der analogen Welt und bleiernen Zeit. Nee, stimmt nicht. Minuten später schwafelt er vom Channel-Manager. Hat doch schon mal was von der digitalen Welt und vom Internet gehört.

Die Thüringer Tageszeitungen sind im Netz, na klar. Die drei aus dem Süden des Landes sind „insuedthueringen.de“ online, aber die Zeitungen tragen andere Namen. Die Bezahlschranke hat sich letzten Herbst gesenkt, bisher 650 Abonnenten ist das einige Euro im Monat zusätzlich wert. Die drei großen Zeitungen aus dem Essener Konzern sind mit ihren jeweiligen Namen und Farben online, auch wenn es auf den Seiten tüchtig durcheinander geht und vieles gleich ist. Macht in Zukunft eine Zeitung im Netz und auf Papier, handwerklich gut, aktuell, vielfältig bei Themen und Meinungen.

Die großen Chefs in Essen haben die Zukunft im Blick, kündigten sie gestern in ihrer „Freitags-Mail“ an. Sie wollen „ein Zeitungsboard etablieren, in dem die Weichen für die Zukunft des Zeitungsbereichs gestellt werden.“ Sie sollten mal die Journalisten fragen, die täglich Zeitung machen. Weniger produzieren mehr. Das ist die Gegenwart. War das nicht mal so ein Spruch aus der alten Kiste? Das Ergebnis ist bekannt. Das Land ging unter. (mip)

Medienvielfalt Oper EF Foyer


Das Spiel um Liebe und Tod

Picasso war ein genialer Schöpfer und Zerstörer im Leben und in der Kunst. Sein Mythos fasziniert in der berührend schönen, verstörenden Ausstellung im Kunsthaus Apolda.

Was für ein wunderbares Geschenk zum 20. Geburtstag des Kunsthauses Apolda für das Publikum. Die Lichtgestalt unter den Künstlern des 20. Jahrhunderts, Pablo Picasso (1881-1973), gratuliert mit 130 Grafiken in einer hoch emotionalen und ästhetischen Schau „Pablo Picasso – Bacchanal des Minotaurus“. Sie umkreist den Wahnsinn und die Wirklichkeit des Genies.

Die kleinen und großen Kunstwerke auf Papier erzählen Geschichten vom Spiel um Liebe und Tod, Leben und Sterben, dem Stierkampf in der Arena und dem Kampf zwischen den Geschlechtern. Der repräsentative Querschnitt durch die Druckgrafik Picassos spiegelt die Beziehungen zu drei Frauen: Marie-Thérèse Walther, Françoise Gilot und seine zweite Ehefrau Jacqueline Roque.

Sie und der Minotaurus, das mythische Mensch-Stier-Wesen, Picassos Alter Ego, prägen die Ausstellung. Picasso liebte Stierkämpfe, organisierte selbst welche. Zugleich war dieser Kampf auf Leben und Tod für ihn Symbol und Triebkraft für sein Schaffen. Erlösung konnte der Minotaurus, Picasso, durch die Liebe und den Eros finden. So ziehen sich Darstellungen von Stieren und Stierkampfszenen, Frauenporträts und Akte sowie mythologische Motive durch sein Werk. Die Kuratoren Andrea Fromm und Thomas Beege konnten aus dem reichen Sammlungsbestand des Picasso-Museum Münster auswählen, das großzügig die Leihgaben zur Verfügung stellten.

Drei große Faunsköpfe dominieren den ersten Ausstellungsraum im Erdgeschoss. Faunsköpfe? Ja, hinter dem gehörnten Waldgeist verbirgt sich Jaqueline, Picassos zweite Ehefrau, drei Linolschnitte und drei Fassungen von 1962, chronologisch der Abschluss der Schau, deren erste Arbeiten von 1927 datieren. Nebenan Frauenakte: schön, voyeuristisch, zum Hinschauen verführend.

Im Erdgeschoss geht es relativ „friedlich“ zu: Liebe, Leidenschaft, Spiel, Zärtlichkeit. Ganz anders im Obergeschoss, im großen Ausstellungsraum, überschrieben mit „Atelier und Minotaurus“. Hier kreist alles um Picassos junge Geliebte Marie-Thérèse, die er 1927 als 17-jährige kennenlernte. Wir entdecken ein zartes Gesicht, ganz realistisch, der Bildhauer im Atelier mit jungem Mädchen, weitere Atelierszenen.

Und dann explodieren die Gefühle. Blätter tragen Titel wie „Vergewaltigung“, ineinander verschlungene Menschenleiber. Die Serie „Suite Vollard“, benannt nach dem Pariser Kunsthändler, erzählt Geschichten vom Maler und Modell, von Gewalt und Zärtlichkeit, vom Kampf des Minotaurus in der Stierkampfarena und im Atelier.

Oben unterm Dach des Kunsthauses fliegen Tauben, ein sinnlicher und besinnlicher Abschluss. Zwischendurch brodeln Gefühle und kreisen Gedanken über einen Künstler von Welt, der mit sich und der Welt immer im Widerstreit lag, aus diesen existenziellen Konflikten seine Kraft schöpfe, um einmalige Kunstwerke zu schaffen: berührend, betörend, verstörend, abstoßend. Deshalb fasziniert diese Ausstellung in Apolda, wenn man sich auf sie einlässt.

Michael Plote

Im Fokus: Picassos Geliebte Françoise. Foto: mip
Im Fokus: Picassos Geliebte Françoise. Foto: mip

Ausstellung bis 23.03.2014 im Kunsthaus Apolda Avantgarde

geöffnet Di-So 10-18 Uhr

Katalog zur Ausstellung, reich bebildert, 176 Seiten

www.kunsthausapolda.de


Herzogliches Museum Gotha: Noch einrichten, Samstag feiern und anschauen

Im Skulpturensaal.
Im Skulpturensaal.
Der Gothaer Tafelaltar 1539/41
Der Gothaer Tafelaltar 1539/41

72 Stunden vor der Eröffnung ist das Herzogliche Museum in Gotha noch eine Baustelle. Handwerker aller Art, Restauratoren, Museumsmitarbeiter haben alle Hände voll zu tun. Das ehemalige Museum der Natur zu Füßen von Schloss Friedenstein ist ein Schmuckstück geworden: außen und innen.

Beim ersten Rundgang mit Journalisten fallen große Worte: „Das bedeutendste Museum in den neuen Ländern“, übertreibt Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch. „Das größte Museum in Thüringen“, heißt es gleich mehrfach. Was ist Größe? Von einer „spektakulären Sammlung“ spricht Thüringens Kulturminister Christoph Matschie. Recht hat er. Andere Museen in Thüringen verfügen ebenso über einzigartige und wertvolle Sammlungen. Der Minister sollte öfter Museen besuchen.

Noch wird eingerichtet. Am Samstag, 19. Oktober, ist feierliche Eröffnung. Die langjährige Chefin des Moskauer Puschkin-Museums, Irina Antonowa, 91, soll auch eine Rede halten. Ab 16 Uhr und Sonntag von 10 bis 20 Uhr stehen die Türen des Herzoglichen Museums Gotha bei freiem Eintritt allen Besuchern offen. Machen Sie sich ein Bild von den Bildern, Skulpturen, ägyptischen Mumien, antiken Vasen, Fächern, Keramiken, chinesischen Kuriositäten, japanischer Lackkunst.

http://www.stiftungfriedenstein.de/index.php?id=1359


Lust auf Theater

„Ihr naht euch wieder…“, ja, ja, die schwankenden Gestalten. Dem Weimarer Dichter-Gott Goethe gehört das erste Wort. Seine erste Spielzeit am Deutschen Nationaltheater Weimar eröffnet der neue Generalintendant Hasko Weber programmatisch und pointiert. Das ist ein Versprechen.

Von Michael Plote

Das Publikum ist berührt. Nach „Faust I“, nach „Lohengrin“ und nach „Weiskerns Nachlass“, nach acht Stunden Schauspiel und Oper an drei aufeinanderfolgenden Abenden. Das Publikum applaudiert. Nur wenige sind empört und enttäuscht. Wobei: Premierenzuschauer sind eine eigene Spezies. Inszenierungen müssen im Alltag des Repertoirebetriebs ankommen und berühren.

Im Anfang nun der „Faust“, erster Teil. In der alten Zeit Schulstoff, auch für den DDR-sozialisierten Hasko Weber. Der will wissen, woran er mit Weimar und den Weimarern ist, die ihren Goethe kennen und deklamieren können. Tragödie? Eher nicht. Das Komödiantische soll leben. Die Last der früheren Weimarer Aufführungen? Interessiert nicht. Die Lust zur eigenen, zeitgenössischen Interpretation für, vielleicht, ein jüngeres Publikum ist das Ziel. Vor allem: Die Schauspieler sollen spielen, sprechen, singen, schweigen, einfach gutes Schauspiel bieten. Das gelingt mal mehr oder weniger.

Der Auftakt mit „Faust“ ist eine Annäherung an das Publikum. Was ist zumutbar? Also werden Zeichen gesetzt. Die Abonnentin, eine erfundene Figur, kommt aus dem Parkett auf die Bühne, mit Hut und Handtasche. Sie will „Taten sehen“. Der Faust ist ein Jammerlappen, ein Kerlchen, das sich windet. Oh Gott, will der wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält? Mephisto ist ein Hüne von Gestalt, ein Cowboy und Playboy. Noch so eine Gestalt, die nicht ins klassische Weimar-Bild passen will.

Gut so. Ein bisschen Unruhe um den Klassiker tut Weimar gut. Die pointierte Lesart, die beiläufigen und manchmal rotzig gesprochenen Dialoge regen an und manche auf. Da ist ein neuer Geist und Gestus auf der Bühne. Frische Luft vertreibt alten Mief und tradierte Sehgewohnheiten.

Neue Medien erobern die Bühne. Videos, klug integriert in die Inszenierung, entführen uns, zum Beispiel, in die Walpurgisnacht, einen Technotempel mit schnellen, überblendeten Bildern und verhuschten Gestalten. Was für ein Wahnsinn, direkt aus der Gegenwart hereingeholt. Im „Lohengrin“ wächst ein kubistischer „virtueller“ Baum, vergleichbar einem Feininger-Gemälde. Die Projektionsfläche ist blankes Holz. Der Video-Künstler Bahadir Hamdemir, festes Ensemblemitglied, demonstriert hier, wie handwerklich gefertigte Kulissen künftig vielleicht überflüssig werden.

Noch so eine alte Geschichte. Der „Lohengrin“, in Weimar zu Goethes 101. Geburtstag 1850 uraufgeführt. Das ganze Rittergehabe interessiert den jungen Gastregisseur Tobias Kratzer nicht die Bohne. Er will die alte Geschichte nicht mit Bedeutung aufladen. Die Sehnsucht nach einem Führer und die „Heil“-Gesänge können auch so schon mächtig nerven. Die Musik Wagners und die glänzenden Solisten verführen und beglücken, die Weimarische Staatskapelle unter Stefan Solyom spielt in Hochform.

Davon hätte sich der Kollege aus der Nachbarschaft überzeugen können. Der Erfurter Generalintendant Guy Montavon lässt sich aber in Weimar nicht blicken. Dabei träumt er von einer Kooperation mit dem DNT, die so geht: Ich, Guy Montavon, inszeniere in der Neuen Oper Erfurt „Die Meistersinger von Nürnberg“ mit der Weimarischen Staatskapelle und dem großen Weimarer Opernchor. So in die Welt posaunt von Montavon in Erfurt zum Tag der offenen Tür seines Theaters am 1. September. Soll man solchen Größenwahn ignorieren oder kommentieren?

Hasko Weber will sich mit seinem Ensemble ganz direkt in die Gegenwart und das Leben der Menschen einmischen. Mit „Weiskerns Nachlass“ nach dem Roman von Christoph Hein ist der Anfang gemacht. Das ist eine problemgeladene Geschichte, die auf der Experimentalbühne nicht überzeugend umgesetzt wird. Das kann passieren. Der Autor und das Publikum applaudieren, Kritiker kritisieren. Trotzdem. Die Brücke in die Gegenwart, in die Lebenswelten von heute, muss immer wieder geschlagen werden. Mit neuen Texten und Stücken, die zuspitzen, polemisieren, provozieren.

Drei Premieren an einem Wochenende, ein gelungener künstlerischer Kraftakt. So eine Trilogie scheint an anderen Bühnen in Thüringen nicht möglich. Das Repertoire wird in Weimar wachsen. Das Ensemble wird zusammenwachsen. Die Richtung ist richtig. Goethe hat das erste Wort. Andere Theatergötter haben auch was zu sagen. Sie werden zu Wort kommen. Die Lust auf Theater ist in Weimar neu entfacht. Beim Publikum und im Ensemble. Das ist doch ein vielversprechender Auftakt.

Nachtrag: Geschrieben am 09.09.2013, bestellt von Freies Wort, Feuilleton, und nicht veröffentlicht.


Achterbahn des Lebens

Geschafft. Einzelne Buhs, brodelnder Applaus. Die Inszenierung berührt. So oder so.
Geschafft. Einzelne Buhs, brodelnder Applaus. Die Inszenierung berührt. So oder so.

Starker Start von Hasko Weber mit „Faust I“ am Deutschen Nationaltheater Weimar. Faust auf der Achterbahn des Lebens. Ein Mensch: grüblerisch, am Boden zerstört, Mephisto befehlend, Margarete verfallend. Barfuß durch die Welten. Lutz Salzmann, Faust, trifft die Töne und Zwischentöne. Er lebt die Sprache und das Sprechen.

Mephisto ist ein Cowboy und ein Hüne von Gestalt. Sebastian Kowski hat eine Stimme, die ist eine Wucht: tief, sonor, klar. Erst ein beiläufiger Typ von Teufel, dann ein Geschäftemacher, Diener Fausts wider Willen. Ein geiler Bock mit Knoten im Schwanz.

Solche Zeichen setzt Regisseur Hasko Weber immer wieder. Faust ein Drogenjunkie. Der erste Blick zwischen Faust und Margarete geht geradewegs durch ein Büschel Haare, Schamhaare einer nackten Schönen. Das Bild, in Ausschnitten, ist eine Ikone der Kunstgeschichte: Der Tod und das Mädchen.

Hasko Weber lässt es krachen. In den Videos von Bahadir Hamdemir. Verhuschte Bilder, schnelle Schnitte, Technomusik in einem Tanztempel – so geht’s atemlos durch die Walpurgisnacht. Die Bilder und Geräusche machen wahnsinnig.

Das Ende, sie ist gerettet, das Licht geht aus. Eine magische Sekunde. Im Dunkeln herzt Faust, Lutz Salzmann, die junge Margarete, Nora Quest. Eine wunderbare Geste. Ein paar Buhs, brodelnder Beifall. Die Inszenierung berührt, so oder so.

© Michael Plote


Die Spannung steigt

Im Anfang ist der „Faust“ und vorher ein medialer Interview-Marathon. Unbedingt hörenswert, was und wie Hasko Weber auf „Figaros Fragen“ heute antwortet. Der neue Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar lässt neue Seiten an sich entdecken.

Sein Vorbild: Frank Castorf.

Ein Buch, dass Weber nicht rausrückt: „Der stille Don“. Als Pflichtlektüre in Klasse 8 in der DDR weggelegt, später den „harten Realismus“ darin entdeckt.

Was Schönes gekauft? Ein Grundstück in Weimar. Der Mann und seine Familie sind in Weimar angekommen und wollen bleiben.

Hasko Webers Stimme: unaufgeregt, uneitel, unprätentiös – energiegeladen, willensstark, zielstrebig.

Die Spannung steigt vor dem Premierendreiklang in Weimar an diesem Wochenende: Goethes „Faust I“, inszeniert von Weber, Wagners „Lohengrin“, uraufgeführt in Weimar am Goethe-Geburtstag 1850, „Weiskerns Nachlass“ nach Christoph Heins Roman, angekündigt als „die ernüchternde, aktuelle Antwort auf Faust.“

Das Interview zum Nachhören auf MDR Figaro: http://www.mdr.de/mdr-figaro/podcast/fragen/audiogalerie190.html


Wünsche oder Wahn-Vorstellung?

Wagners "Meistersinger" in Erfurt mit Weimarischer Staatskapelle, inszeniert von Erfurts Intendant Guy Montavon (2. v. l.)
Wagners „Meistersinger“ in Erfurt mit Weimarischer Staatskapelle, inszeniert von Erfurts Intendant Guy Montavon (2. v. l.)

Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ an der neuen Oper Erfurt mit der Weimarischen Staatskapelle und dem großen Opernchor von nebenan. Inszeniert von Guy Montavon.

Der Erfurter Generalintendant wünscht sich das zum zehnten Geburtstag seines neuen Opernhauses, heute verkündet vor Publikum auf der Bühne seines Hauses. Der Weimarer Kollege Hasko Weber ist gerade seit einem Monat frisch im Amt. Ob der für solche Vorstellungen, jetzt schon, offen ist? Oder ist das eine Wahn-Vorstellung von Montavon?

Der Erfurter Theaterchef wünscht sich auch Schauspiel-Gastspiele der Weimarer in Erfurt, das scheint realistischer, wenn auch nicht in dieser gerade eröffneten Spielzeit. Ach ja, träumt Herr Montavon weiter,„da wäre noch Platz für ein Ballett“ in Erfurt. Das gibt es dort nicht mehr. Auch nicht beim Nachbarn in Weimar. Das Erfurter Ballett könnte dann die Weimarer Bühne gleich mit betanzen.

Das ist doch hohe Theaterkunst und ein gutes Geschäft zwischen Nachbarn, die sich bisher nicht mochten. Das Publikum ist gespannt, was die Wirklichkeit bringt. (mip)


Dreigestirn der modernen Kunst

Die Kunstsammlungen Chemnitz feiern die beiden 150. Geburtstage von Henry van de Velde und Edvard Munch mit einer gemeinsamen Ausstellung. Zu verdanken ist das dem Unternehmer Herbert Esche.

Von Michael Plote

Die beiden Jubiläen sind ein kalendarischer Zufall. Die Begegnung der beiden Künstler mit dem Unternehmer zeugen von einem europäischen Geist. Der Fabrikant Herbert Esche (1874-1962) entdeckt Ende des 19. Jahrhunderts in Paris den aufstrebenden Stern der europäischen modernen Kunst Henry van de Velde (1863-1957). Ihm überträgt er 1899 die komplette Inneneinrichtung seiner Wohnung in Chemnitz. Van de Velde etabliert sich in Berlin, wird 1902 künstlerischer Berater des Großherzogs von Sachsen-Weimar-Eisenach und kommt nach Weimar.

Der Maler Edvard Munch (1863-1944) beginnt in den 1890er Jahren die europäischen Salons und Galerien zu erobern. Die beiden Künstler der Moderne begegnen sich erstmals 1903. Und 1905/06 in Chemnitz. Van de Velde empfiehlt Munch als Porträtisten der Unternehmerfamilie. 1902 entwirft Henry van de Velde die Villa Esche in Chemnitz im modernen Stil als Gesamkunstwerk, der erste realisierte Architekturauftrag des Alleskünstlers in Deutschland.

Die Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz versucht, genau diese Geschichte des Dreigestirns der modernen Kunst zu erzählen. Das gelingt mit herausragenden einzelnen Objekten und Bildern, wobei der Kontext der Kunstgeschichte nicht immer deutlich wird. Die Kunstsammlungen konnten einen privaten, anonymen Leihgeber überzeugen, seine Van-de-Velde-Sammlung zur Verfügung zu stellen.

Herausragend ist das Meißener Service in mattem Gold mit dem Peitschenhieb-Dekor von 1903/04. Das als festliche Tafel mit diversen Bestecken von van de Velde präsentierte Ensemble ist leider an einer langen, abgedunkelten Fensterfront mit gehörigem Abstand zum Betrachter aufgebaut. Das schmälert den Blick für Details wie auch den Gesamteindruck. In der opulenten Weimarer Schau ist die andere Variante des Meißener Services in Kobaldblau in der Preller-Galerie zu sehen.

Staunenswert sind in Chemnitz drei Polsterbänke und weitere einzelne Möbel van de Veldes aus dem Bestand der Kunstsammlungen. Hinzu kommen Silberbestecke in einer seltenen Vielfalt, wobei der Fertigungsprozeß von der Entwurfszeichnung van de Veldes über die Arbeitsmittel der ausführenden Silberschmiede bis zum fertigen Teil dokumentiert wird. Neun historische Fotos des Weimarer Hoffotografen Louis Held zeigen das von Henry van de Velde entworfene extravagante Tennisclubhaus in Chemnitz von 1908.

Und Munch? Zum Glück konnten die Kunstsammlungen die beiden von van de Velde inspirierten Munch-Porträts von Herbert und Hanni Esche ausleihen. Selbst verfügen sie über einen Bestand von 53 Werken Munchs, vor allem Papierarbeiten, hinzu kommen Leihgaben. In der Ausstellung sind frühe Radierungen aus den 1890er Jahren zu sehen, die einsame, liebende und leidende Menschen zeigen.

Die Chemnitzer Ausstellung ist ein wichtiger Mosaikstein im Jubiläumsjahr von Henry van de Velde und Edvard Munch. Sie öffnet den Blick auf die europäische Moderne um 1900 und die Verdienste des Fabrikanten Herbert Esche, diese Künstler zu fördern. Unbedingt empfehlenswert ist der Besuch des Henry-van-de-Velde-Museums in der sanierten Villa Esche, etwas abseits gelegen in der Parkstraße 58.

Ausstellung „Henry van de Velde und Edvard Munch in Chemnitz“

Laufzeit bis 8. September 2013

Geöffnet Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr

www.kunstsammlungen-chemnitz.de


Ein Pfund Fleisch als Pfand

Das Schauspiel-Ensemble des Deutschen Nationaltheaters Weimar verabschiedet sich mit Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“. Regisseurin Claudia Meyer kann sich nicht entscheiden, was sie inszenieren will.

Die ersten Bilder lassen hoffen, das könnte ein aufregender Theaterabend werden. Die Manager stecken im Fahrstuhl, im geschlossenen Raum. Geht es nach oben oder unten? Das Bild flimmert als Video über der Bühne, eine Parallelwelt.

Fahrstuhltür auf, hinein ins Leben, Licht flackert, Gestalten hetzten über die Bühne. Licht an. Börsenticker und Nachrichten laufen permanent auf Bildschirmen. Ein vielversprechender Auftakt. Danach geht es gemütlich und belanglos weiter. Und verwirrend, irritierend. Leider.

Regisseurin Claudia Meyer verläuft sich mit ihrer eigenen Spielfassung in Shakespeares unübersichtlichem Plot. Fast alles will sie inszenieren, statt zu fokussieren. Sie inszeniert: den entfesselten Finanzkapitalismus und die smarten Typen in Nadelstreifen, den reichen Juden als Geldverleiher und Geldeintreiber, Geld und Liebe, Musik als moralische Qualität betrachtet. Sie inszeniert weder Komödie noch Tragödie.

Die prägenden Gestalten bei Shakespeare gewinnen auf der Bühne des DNT keine Konturen. Der reiche Kaufmann Antonio (This Maag): ein Geschäftsmann, Freund, Antisemit? Von jedem ein bisschen und nichts richtig. Bassanio (Bastian Heidenreich), Antonios Freund, auf der Suche nach Geld und Liebe, soll die 3.000 Dukaten von Shylock, dem Juden, bekommen. Antonio bürgt mit einem Pfund Fleisch als Pfand – von seinem Körper.

Shylock, Nico Delpy, ist fehlbesetzt. Ihm fehlen Ausstrahlung, Charakter und Alter. Ein gerissener Geschäftsmann? Ein Christenhasser? Ein besorgter Vater? Nichts von alledem überzeugt. Den stärksten Eindruck hinterläßt Julia Gräfner. Sie ist Lanzelot Gobbo, Shylocks Diener, und der Doge von Venedig, der das Urteil nach Recht und Gesetz spricht.

Geld, Liebe, eine starke Frau. Das soll Portia sein, eine reiche Erbin. Kurzfristig übernahm Claudia Splitt die Rolle. Sie spielt das brav. Eine wirklich starke Frau spielt sie nicht. Die anderen Frauen bleiben konturlos. Ach ja, sie singen und sprechen, zuweilen, in Englisch. Das ist ganz nett und wirkt doch aufgesetzt.

Die Drehbühne rotiert und rotiert und rotiert. So nervös, wie die Typen über die Bühne hetzen und mit ihren Bürostühlen herumrollen, so zerfahren wirkt die Inszenierung, die letzte Premiere des alten Schauspiel-Ensembles, das fast komplett ausgewechselt wird.

Der neue Intendant Hasko Weber stellt ein neues Ensemble zusammen und eröffnet mit „Faust“ I am 6. September. Das ist doch eine Ansage in Weimar, die Erwartungen weckt.

© Michael Plote

Erweiterte Fassung veröffentlicht in Freies Wort Suhl