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Ein Pfund Fleisch als Pfand

Das Schauspiel-Ensemble des Deutschen Nationaltheaters Weimar verabschiedet sich mit Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“. Regisseurin Claudia Meyer kann sich nicht entscheiden, was sie inszenieren will.

Die ersten Bilder lassen hoffen, das könnte ein aufregender Theaterabend werden. Die Manager stecken im Fahrstuhl, im geschlossenen Raum. Geht es nach oben oder unten? Das Bild flimmert als Video über der Bühne, eine Parallelwelt.

Fahrstuhltür auf, hinein ins Leben, Licht flackert, Gestalten hetzten über die Bühne. Licht an. Börsenticker und Nachrichten laufen permanent auf Bildschirmen. Ein vielversprechender Auftakt. Danach geht es gemütlich und belanglos weiter. Und verwirrend, irritierend. Leider.

Regisseurin Claudia Meyer verläuft sich mit ihrer eigenen Spielfassung in Shakespeares unübersichtlichem Plot. Fast alles will sie inszenieren, statt zu fokussieren. Sie inszeniert: den entfesselten Finanzkapitalismus und die smarten Typen in Nadelstreifen, den reichen Juden als Geldverleiher und Geldeintreiber, Geld und Liebe, Musik als moralische Qualität betrachtet. Sie inszeniert weder Komödie noch Tragödie.

Die prägenden Gestalten bei Shakespeare gewinnen auf der Bühne des DNT keine Konturen. Der reiche Kaufmann Antonio (This Maag): ein Geschäftsmann, Freund, Antisemit? Von jedem ein bisschen und nichts richtig. Bassanio (Bastian Heidenreich), Antonios Freund, auf der Suche nach Geld und Liebe, soll die 3.000 Dukaten von Shylock, dem Juden, bekommen. Antonio bürgt mit einem Pfund Fleisch als Pfand – von seinem Körper.

Shylock, Nico Delpy, ist fehlbesetzt. Ihm fehlen Ausstrahlung, Charakter und Alter. Ein gerissener Geschäftsmann? Ein Christenhasser? Ein besorgter Vater? Nichts von alledem überzeugt. Den stärksten Eindruck hinterläßt Julia Gräfner. Sie ist Lanzelot Gobbo, Shylocks Diener, und der Doge von Venedig, der das Urteil nach Recht und Gesetz spricht.

Geld, Liebe, eine starke Frau. Das soll Portia sein, eine reiche Erbin. Kurzfristig übernahm Claudia Splitt die Rolle. Sie spielt das brav. Eine wirklich starke Frau spielt sie nicht. Die anderen Frauen bleiben konturlos. Ach ja, sie singen und sprechen, zuweilen, in Englisch. Das ist ganz nett und wirkt doch aufgesetzt.

Die Drehbühne rotiert und rotiert und rotiert. So nervös, wie die Typen über die Bühne hetzen und mit ihren Bürostühlen herumrollen, so zerfahren wirkt die Inszenierung, die letzte Premiere des alten Schauspiel-Ensembles, das fast komplett ausgewechselt wird.

Der neue Intendant Hasko Weber stellt ein neues Ensemble zusammen und eröffnet mit „Faust“ I am 6. September. Das ist doch eine Ansage in Weimar, die Erwartungen weckt.

© Michael Plote

Erweiterte Fassung veröffentlicht in Freies Wort Suhl