Die Zukunft der Zeitung ist ungewiß

Was wird in fünf Jahren sein? Zeitungen werden immer weniger abonniert, gekauft und gelesen. Leser und Nutzer verändern dramatisch ihre Gewohnheiten. Wie gehen Redaktionen und Verlage damit um?

Die Zukunft von Regionalzeitungen in fünf Jahren kann keiner voraussagen. Auch nicht Michael Tallai, Geschäftsführer der Mediengruppe Thüringen MGT, nach eigener Aussage die größte ostdeutsche Verlagsgruppe. Er und Chefredakteur Jan Hollitzer redeten gestern Abend (20. März 2019) in der Volkshochschule Erfurt über den aktuellen Zustand der drei Funke-Zeitungen in Thüringen: Thüringer Allgemeine, Thüringische Landeszeitung und Ostthüringer Zeitung.

Sie redeten lange monologisch und ausführlich über das Geschäft und den Markt von Regionalzeitungen und kürzer über die Inhalte und die Macher, die Redakteure der Zeitungen. Die werden bekanntlich immer weniger. Zum Markt: Jährlich beträgt der Verlust an Abonnenten drei bis vier Prozent per Saldo bei den drei Zeitungen. Es gibt auch Zuwächse, nicht nur Abbestellungen. Die aktuelle, verkaufte Auflage beträgt laut Geschäftsführer Tallai, auch im Netz nachzulesen, ca. 220.000 Exemplare, zu über 95 Prozent gedruckte Zeitung. Durch den für Zeitungszusteller verbindlich zu zahlenden Mindestlohn entfallen 40 Prozent der Herstellungskosten der Zeitung auf die Zustellung. Die drei Zeitungen, sagte Tallai ganz unmißverständlich, machen Verluste mit der Zeitungsherstellung.

„Ich habe keine Pläne, eine Zeitung einzustellen.“ Michael Tallai, MGT.

Wie lange kann so etwas noch gehen? Ein Bekenntnis von Tallai gestern Abend: „Ich habe keine Pläne, eine Zeitung einzustellen.“ Aber was ist in fünf Jahren? „Garantieren kann ich nichts.“ Entschieden wird sowieso in Essen in der Konzernzentrale der Funke-Gruppe.

Am 7. Februar 2019 veröffentlichte die Funke-Gruppe, früher WAZ-Gruppe Essen, eine zumindest mißverständliche Pressemitteilung, die für viel Aufsehen in Thüringen sorgte. Darin heißt es unter anderem: „Für die Thüringer Titel werden Szenarien erarbeitet, wie eine Versorgung der Leserinnen und Leser in ländlichen Gebieten mit digitalen Angeboten gewährleistet werden kann.“ Also keine gedruckte Zeitung mehr auf dem Lande? Quatsch, sagen die Funke-Leute. Stimmt nicht.

Was haben Verlag und Redaktion also vor? Wieder gab es vor allem Antworten aus der Perspektive von Markt und Geschäft. Das kann ich schon ein bisschen nachvollziehen. Die MGT macht vor allem „Drumherumgeschäfte“, wie das Michael Tallai nennt. Eine Aufzählung erspare ich mir hier. Wie reagieren aber die Redaktion und der neue Chefredakteur? Eine eher allgemeine Antwort überzeugte mich schon ein bisschen. „Wir müssen von den Themen ausgehen“ und entscheiden, auf welchen Ausspielkanälen und wann welche Geschichte publiziert, gepostet und gedruckt wird, warf Hollitzer ein. Aber da sehe ich als aufmerksamer Leser der gedruckten Zeitung, als aktiver Internetnutzer der verschiedenen Portale der Zeitungen (Web, Facebook, Twitter etc.) keine Strategie, keinen Plan, keine gedruckten und geposteten Geschichten der Zeitungen.

„Wir müssen von Themen ausgehen“, sagt Chefredakteur Hollitzer. Fotos: mip

Was ich gestern Abend bei den Fragen des Publikums gemerkt habe: Da gibt es bei Lesern viel Nichtwissen, wie eine Zeitung gemacht wird, welcher Aufwand für einen gut recherchierten Beitrag getrieben werden muss. Themen setzen, „Agendasetting“, nannte Hollitzer eine Idee. Dann macht doch mal! Redaktionen (zentral, lokal) sind aber personell unterbesetzt. Interessiert aber den Zeitungsleser nicht die Bohne. Der regt sich höchstens über formale Fehler, Druckfehler etc., auf. Die sind aber die Folge der permanenten Überlastung der Redakteure, weil es zu wenige gibt. Chefredakteur Hollitzer sprach von „gegebenen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen“. Nun ja, was soll er auch sagen?

Was in manchen Zeitungsredaktionen und in den Köpfen mancher Redakteure nach meiner Beobachtung noch nicht angekommen ist: Zeitungmachen ist ein „Rund-um-die-Uhr“-Job geworden, eine 24-Stunden-Aufgabe. Zeitung ist die gedruckte und die elektronische Version, die zu festen und flexiblen Zeiten auf unterschiedlichen „Ausspielwegen“ und Plattformen auf den Markt kommt. Bei Hollitzer klang das an, aber die Konsequenzen daraus, verträglich für die Kolleginnen und Kollegen in den Redaktionen organisiert, die wurden bei dem Monolog-Dialog-Abend nicht deutlich.

Ich schreibe mir hier die Finger platt für nichts. Dieser Blog bringt mir monetär nichts ein. Aber ich bin leidenschaftlicher Zeitungsleser, ob Papier oder auf dem Tablet, lese zwei gedruckte und drei elektronische Zeitungen mehr oder weniger regelmäßig, für die ich eine Menge Geld hinblättere, pro Jahr eine hohe dreistellige Summe.

Die Zukunft der Zeitung? Die ist ungewiß. Wenn es nach Journalistik-Professor Klaus Meier geht, gibt es in 15 Jahren keine gedruckten Zeitungen mehr. Alles nur noch elektronisch und im Netz? Will ich mir nicht vorstellen. Aber auch beim Abo-Preis mit Zustellung in den Briefkasten am Haus gibt es vermutlich Schmerzgrenzen für Leser.

Mit scheint eine unvoreingenomme, nicht ideologisch geführte Diskussion nötig, was Regionalzeitungen im 21. Jahrhundert noch leisten müssen und können. Redaktionelle Ideen und Experimente, Leser und Nutzer einbeziehen, Geschäftsmodelle testen, das ganze Programm. Mehr Ideen und Experimente wagen, um das Kulturgut Zeitung und die Kulturtechnik Lesen zu erhalten und zu entwickeln.

Mehr Mut wünsche ich mir. Einfach so. So einfach.

Das ist ein Originalbeitrag, der hier erstmals veröffentlicht wird.

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