Die bunten Vögel fliegen

Das 100. Bauhaus-Jubiläum stiftet den Anlass für die sehenswerte Ausstellung. Im Museum für Angewandte Kunst MAK in Gera werden modernes Produkt-Design und Design-Klassiker aus Thüringen präsentiert.

Das Museum für Angewandte Kunst in Gera wagt eine Design-Ausstellung.

So eine Design-Ausstellung, die einen Überblick wagt und die lange Design-Tradition dabei aufblitzen lässt, gab es schon lange nicht mehr in Thüringen. Ab 1998/99 organisierte das Design Zentrum Thüringen in Weimar regelmäßig hochkarätige Ausstellungen, gab hochwertige Publikationen heraus, wurde alljährlich ein Thüringer Design-Preis verliehen. Es existierte ein sichtbares und öffentlich wahrgenommenes Netzwerk in Thüringen mit Designern, Design-Büros und -Ateliers, mit Unternehmen, mit der Bauhaus Universität Weimar und Design-Studiengängen, mit Professoren und Studenten. Im Jahr 2005 ging das Design Zentrum Thüringen, ein eingetragener Verein, in Insolvenz. Das Netzwerk zerfiel.

Seitdem gibt es in Thüringen keine Plattformen, Podien, Ausstellungen und Debatten mehr, die kontinuierlich und vernetzt modernes, zeitgenössisches Design in all seinen Spielarten öffentlich bekannt und bewußt machen. Gutes, formschönes, funktionales, auch experimentelles Design aus Thüringen begegnet uns alltäglich: als Geschirr, Möbel, Mode, technische Geräte, Spielzeug aller Art, grafische Gestaltungen und noch vieles mehr. Designer und Design aus Thüringen stehen für gute,  zum Teil herausragende Qualitäten, sind preisgekrönt, einige weltweit bekannt und anerkannt. Nur im eigenen Lande ist das viel zu wenig öffentlich bekannt und anerkannt.

Tischnähmaschine: Design-Klassiker FREIA von Ernst Fischer 1948.

Die Ausstellung im MAK Gera „Aktuelles Design aus Thüringen im Bauhausjahr“ konzentriert sich auf Produkt-Design, schlägt den historischen Bogen vom Weimarer Bauhaus über die DDR-Zeit bis in die Gegenwart. Der Kuratorin Angelika Steinmetz- Oppelland sowie den Gestaltern Stephan Bohn und Mirko Albrecht gelingt eine Präsentation mit Schau- und Informationswert, die ein großes, neugieriges Publikum verdient hat. Denn jeder Besucher wird garantiert mit einzelnen historischen und / oder zeitgenössischen Objekten eine persönliche Beziehung verbinden.

Die Bauhausleuchte von Jucker und Wagenfeld gehört unvermeidlich in die Ausstellung. Sie ist eine Bauhaus-Ikone, die den Anlass der Ausstellung markiert. In jedem Saal steht eine aufgeschnittene Wassersammeltonne im Zentrum, ein Hingucker. Darauf sind frei zugänglich oder in Vitrinen die historischen Objekte platziert, fast alle aus der eigenen Sammlung des Museums. Ringsherum stehen und liegen die modernen Designprodukte, oft ergänzt mit historischen Entwicklungen. Jeder Saal ist auf eine Besonderheit der Dinge fokussiert: Sehen, Greifen, Formgebung in Raum und Zeit, Bewegung.

Im Thüringer Wald sind erfolgreiche Designer zu Hause. Ulrich Precht aus Lauscha arrangiert optisches Glas, Farbfiltergläser, Blattgold und holografische Folie, testet so Grenzen von Design und Kunstobjekt aus. Das ist eine Entwicklung für den Leiterplattenhersteller EPN Electroprint in Neustadt/Orla, ausgezeichnet mit dem Thüringer Staatspreis für Qualität 2011. Der Betrachter steht in der Ausstellung davor. Und grübelt über die Funktionalität. Bei den Glasobjekten aus der ELIAS Glashütte, Farbglashütte Lauscha, überzeugen Eleganz, Transparenz, Material und Funktionalität. Der Kohlefilter im Glaskrug „Alinde“ verbessert die Qualität des Trinkwassers. Das Design stammt von Luise Münzner und Barbara Fischer. Ein Digitalpassameter ermöglicht hochpräzise Messungen. Es wird produziert in der Feinmess Suhl GmbH. Stefan Büttner vom Designbüro formenwerk aus Suhl schuf das preisgekrönte Design, dessen Qualität beschrieben wird als „die Integration des Senders und der Anzeige in das Gerät einerseits und die räumliche Trennung der beiden Funktionen andererseits.“

Geschirr-Kollektion für KAHLA Porzellan, designt von Barbara Schmidt.
Im Hintergrund der moderne Teppich mit den fliegenden Fischen von Renate Müller.

Das Atelier Papenfuss aus Weimar gehört zu den Design-Entwicklern in Thüringen, die in den 1990er-Jahren starteten und sehr erfolgreich für nationale und internationale Unternehmen arbeiten. In der Ausstellung sind Schulfüller mit weichen und rutschfesten Griffbereichen zu sehen, optimal für den Dreifingergriff beim Schreiben. Der Deckfarbkasten kann individuell zusammengesteckt, nebenbei die Farbenlehre vermittelt werden, beides entwickelt für Faber Castell Nürnberg. Die Firma ART-KON-TOR aus Jena, ebenfalls seit fast 30 Jahren sehr erfolgreich auf dem internationalen und nationalen Markt, designte für Carl Zeiss verschiedene Mikroskope, die in der Ausstellung mit historischen Fotokameras aus Jena gezeigt werden. Die Designerin Barbara Schmidt, Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, entwickelt seit mehr als 20 Jahren sehr innovative Kollektionen für KAHLA Porzellan, räumt mit ihren Kreationen weltweit Design-Preise ab. Die neue Geschirrserie „O – The better place“ überrascht durch den präzisen Knick auf der Auflagefläche der Teller etc., unterteilt sie in zwei Funktionsbereiche.

Klassisch und modern: Holzsteckfiguren der Firma Kellner aus Bad Tabarz.

Spielzeug und -geräte aus Thüringen genießen einen ausgezeichneten Ruf. Bunte Steckfiguren aus Holz der Firma Kellner aus Bad Tabarz gehören seit Jahrzehnten in die Kinderzimmer der Region und der Welt. Georg und Hans-Georg Kellner gestalten tolle Spielplätze. Wenige Farbfotos lassen ahnen, wie viel Spielfreude sie damit freisetzen. Renate Müller aus Sonneberg ist die Grande Dame der Designer, die aus Thüringen in die Welt ausstrahlt. Ihre Rupfentiere und therapeutischen Spielzeuge sind legendär, eine Serie in Gera ausgestellt. Sie überrascht dort mit einem wunderbaren Vogelteppich „Colorbirds“ für Ferid Amini in Mailand, geknüpft 2016 in Kathmandu in Nepal. Die bunten Vögel fliegen, wie die grenzenlose Kreativität von Renate Müller.

Vielleicht kann die Ausstellung den Anstoß geben, über ein neu zu gründendes Design Zentrum Thüringen nachzudenken. So ein Netzwerk könnte an ein Museum wie das MAK in Gera mit eigener Design-Sammlung andocken. Design und Designer aus Thüringen müssen im eigenen Land wieder sichtbarer werden.

Der Beitrag erschien gedruckt in der Tageszeitung Freies Wort und online.
Das hier abgebildete Archivfoto zeigt Renate Müller inmitten ihrer Spielfiguren.
Alle Fotos / Screenshot: miplotex

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