Chefdesignerin im Ruppelwerk Gotha

Sie ist „meine beste und genialste Schülerin“, urteilt der Bauhausmeister László Moholy-Nagy über Marianne Brandt. Das KunstForum Gotha zeigt in einer Sonderausstellung herausragende Designobjekte, die sie als Chefdesignerin des Ruppelwerkes in Gotha entwarf.

Design für den Alltag, entworfen von Marianne Brandt.

Am 10. Dezember 1929 tritt Marianne Brandt (1893-1983) ihre Stelle als Leiterin der Entwurfsabteilung für „kunstgewerblichen Hausrat“ in der Metallwarenfabrik Ruppelwerk GmbH Gotha an. Der geschätzte Bauhaus-Experte Michael Siebenbrodt, ehemaliger Leiter des Bauhaus-Museums Weimar, bezeichnet schon diese Tatsache allein als etwas Besonderes, ist sie doch „eine der ersten Chefdesignerinnen in einem deutschen Industriebetrieb überhaupt.“ Ihr geht ein hervorragender Ruf voraus. Bauhaus-Direktor Walter Gropius und ihr alter Chef László Moholy-Nagy bescheinigen Marianne Brandt eine ausgezeichnete Arbeit, ihre „entwürfe können zu den besten bauhausarbeiten gerechnet werden.“ Die Kleinschreibung gehört unverwechselbar zum Bauhaus.

Ausgezeichnete Referenzen von Gropius und Moholy-Nagy.

Die Sonderausstellung im KunstForum „Inspiriert vom Bauhaus. Gotha erlebt Moderne“ widmet sich genau jener Arbeits- und Lebensphase der berühmten Bauhäuslerin von 1929 bis 1932, die bisher ein wenig unterbelichtet scheint. Kurator Klaus Blechschmidt, selbst ein bekannter Designer und Sammler aus Gotha, hat unzählige Objekte, historische Dokumente, Fotos und Entwürfe von und über Marianne Brandt recherchiert, zusammengetragen und ausgeliehen. Aus diesem Konvolut hat er eine vorzügliche Ausstellung gestaltet, die ein wichtiges Kapitel Kunst- und Designgeschichte in Gotha erzählt, das weit über die Stadt ausstrahlt, sie als Teil eines Bauhaus-Netzwerkes verortet.

Marianne Brandt ist eine anerkannte Künstlerin und Gestalterin, als sie in Gotha ihre Arbeit aufnimmt. Sie studiert in Weimar und München von 1911 bis 1917 an der Freien Zeichenschule und Großherzoglichen Kunstschule, etabliert sich als Freie Künstlerin, studiert noch einmal Bildhauerei. Von 1923 bis 1929 Studium und Mitarbeit am Bauhaus in Weimar und Dessau: Sie erhält eine umfassende künstlerische und handwerkliche Ausbildung bei Wassily Kandinsky, Paul Klee, Josef Albers und László Moholy-Nagy. In Weimar entwirft sie 1924 das berühmte Tee-Extraktkännchen, ein Bauhaus-Klassiker, vergleichbar mit der berühmten Bauhaus-Leuchte von Jucker und Wagenfeld oder den weltbekannten Stahlrohrmöbeln von Breuer. Das Tee-Extraktkännchen gibt es in nur acht Exemplaren, die zu den herausragenden Sammlungsobjekten in Museen weltweit gehören. Sieben der acht Kännchen sind bis Ende Januar 2020 in der Sonderausstellung „original bauhaus“ in der Berlinischen Galerie in Berlin wieder zusammen zu sehen.

Am Bauhaus Dessau leitet Marianne Brandt de facto die Metallwerkstatt, entwirft und experimentiert, produziert in kleinen Stückzahlen. In Gotha erhält sie die Chance, das gesamte und veraltete Sortiment der Abteilung Kunstgewerbe neu zu entwerfen und in großen Stückzahlen zu produzieren. Das ist eine Herausforderung, die sie glänzend meistert, wo sie ihre am Bauhaus entwickelten Ideen und Gestaltungsentwürfe für den Massenbedarf umsetzen kann. Die Ausstellung in Gotha gibt einen Einblick in Vielfalt und Qualität der Design-Objekte von Marianne Brandt, der in anderer Form im Frühjahr 2019 in der Ausstellung „Bauhaus-Mädels“ im Angermuseum Erfurt zu sehen war.

Kaffeemaschine u. a. Haushaltsprodukte. Alle Fotos & Screenshot: miplotex

Die Entwürfe von Marianne Brandt zeichnen sich aus durch eine schlichte Eleganz, eine klare Formensprache, einen klassisch-sachlichen Stil, wie er am Bauhaus entwickelt worden ist. Die Palette der Ruppel-Serienprodukte reicht von diversen Haushaltsgeräten, Leuchten und Kerzenständern, Dosen und Schalen, Serviettenständern und Tischuhren bis zu witzig anmutenden Buchstützen in Form einer auf einem Buchdeckel thronenden Eule. Fachleute sind sich heute einig, dass Marianne Brandt als herausragende Gestalterin im Ruppelwerk in Gotha Design-Geschichte geschrieben hat. Das vermittelt die Ausstellung im KunstForum sehr eindrücklich und anschaulich. Originaldokumente wie Briefe und Messekataloge, zeitgenössische Fotos und Abbildungen sowie wenige Aktzeichnungen ergänzen die Design-Objekte.

Im Kontext der Ausstellung über Marianne Brandt wird das einst in Gotha existierende Bauhaus-Netzwerk transparent gemacht, recherchiert und aufbereitet durch den Architekturhistoriker Mark Escherich. Das betrifft Architekten und Baumeister, einen Museumsdirektor und weitere am Bauhaus ausgebildete Künstler und Gestalter. In Gotha selbst gibt es eine Siedlung, die beispielhaft für das neue Bauen im Geiste des Bauhauses steht. Eine Foto-Ausstellung von Jean Molitor rückt einige lokale Bauten in den Blick, vor allem aber international bekannte Beispiele moderner Architektur wie die Weißenhof-Siedlung in Stuttgart, die Dessauer Meisterhäuser und andere, weltweit verstreute Bauten der Moderne. Ein kleiner Ausstellungsteil im KunstForum präsentiert Baukästen aus DDR-Produktion, mit denen Hochhäuser und andere seriell gefertigte Wohnhäuser „nachgebaut“ werden können. Eine Einladung zum selber Bauen und Spielen.

Dieses Umfeld ihrer Ausstellung mit Design-Objekten hätte Marianne Brandt bestimmt gefallen.

Der Text erschien zuerst online insuedthueringen.de (Paywall)
und gedruckt in der Tageszeitung Freies Wort.

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