Trunkene Freude über Rückkehr der Bilder

Große Bühne am 20. Januar 2020 in Gotha für fünf Gemälde, die 40 Jahre nach dem spektakulären Diebstahl wieder an ihrem Herkunftsort zu sehen sind.

Eingangstür zum Museum mit Kamerasymbol: Das Haus wird videoüberwacht.

Bis zum 27. Januar werden die zum Teil beschädigten Bilder in einem Oberlichtsaal des gut gesicherten Herzoglichen Museums ausgestellt. Wer das Haus durch die Eingangstür betritt, wird das Symbol für Videoüberwachung registrieren. Das gesamte Gebäude wird rund um die Uhr mit Kameras beobachtet. Ausstellungsbereiche und Bilder sind elektronisch gesichert. Bei einem möglichen Einbruch oder Alarm laufen die Signale direkt bei der Polizei ein, bestätigt Gothas Stiftungsdirektor Tobias Pfeifer-Helke. „Die Bilder sind sicher, wir haben noch einmal das Sicherheitskonzept überprüft“, sagte er auf Nachfrage.

Das Thema Sicherheit in Museen bzw. die sichere Präsentation und Verwahrung von Kunstschätzen in Gotha oder in anderen Thüringer Sammlungen und Museen spielte in der offiziellen Präsentation der fünf Bilder keine Rolle. Über diese brisante Problematik wird dennoch geredet. Eine Kleine Anfrage des Landtagsabgeordneten Thomas Kemmerich (FDP) zur „Aktuellen Sicherheitslage für Thüringer Kunst- und Kulturschätze“ beantwortetete Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff vor ein paar Tagen abstrakt und allgemein, es „liegen aktuell keine Hinweise auf eine besondere Gefährdung durch Beschädigung oder Entwenden vor.“

Nach dem spektakulären Juwelen-Diebstahl im Grünen Gewölbe in Dresden Ende November 2019 hat die für Kultur zuständige Thüringer Staatskanzlei dennoch begonnen, mit dem Museumsverband und der Thüringer Polizei die Sicherheitssituation in den Museen und Sammlungen neu zu bewerten. Über eventuell notwendige Konsequenzen soll nach dieser Bestandsaufnahme geredet werden. Prinzipiell sind die Institutionen, in deren Eigentum bzw. Besitz oder zeitweiliger Obhut (als Leihgabe) die Objekte sich befinden, für deren sichere Verwahrung zuständig. Das sind in Thüringen vor allem Städte, Landkreise, Stiftungen, aber auch eingetragene Vereine.

Pressekonferenz in Gotha zur Rückkehr der Bilder mit großer Medienresonanz.

Die trunkene Freude über die Rückkehr der Bilder nach Gotha teilten am 20. Januar alle Beteiligten und Verantwortlichen, die im Geheimen verhandelten. Der große Dank und Anerkennung galt vor allem und zuerst dem Gothaer Oberbürgermeister Knut Kreuch, der sich wie kein anderer Thüringer Kommunalpolitiker für die Kultur in seiner Stadt einsetzt und sie nach außen vertritt. Die Ernst-von-Siemens Kunststiftung und ihr Generalsekretär Martin Hoernes agierten kompetent, unbürokratisch und schnell, wie wohl keine öffentliche Verwaltung oder eine Landesregierung handeln könnten. Rechtsanwältin Friederike von Brühl gab diskreten, wichtigen juristischen Rat in einer sehr unübersichtlichen, heiklen Situation. Das so nicht absehbare gute Ergebnis gibt den drei „Geheimverhandlern“ recht, so gehandelt zu haben.

Die Bilder sind echt und sie weisen zum Teil erhebliche Schäden an der Oberfläche und in der Struktur auf. Das hat das renommierte Ratghen-Forschungslabor in Berlin mit seiner kunst- und naturwissenschaftlichen Expertise in nur kurzer Zeit festgestellt. Drei der fünf Bilder müssen neu bewertet werden, weil sie von anderen als den ursprünglich angenommen Künstlern geschaffen worden sind. Darunter sind Kopien nach Meisterwerken und Werkstattarbeiten, die den Meistern nicht zugeschrieben werden können. Deshalb ist der (fiktive) materielle Wert aller fünf Bilder auch erheblich niedriger als ursprünglich spekuliert anzusetzen.

Stiftungsdirektor Tobias Pfeifer-Helke mit beschädigter Rembrandt-Kopie.

Nach der kurzen öffentlichen Präsentation bis zum 27. Januar müssen alle fünf Gemälde restauriert werden. Wie lange das dauert? Wie hoch die Kosten sein werden? Wer dafür aufkommt? Diese Fragen konnten bislang nicht beantwortet werden. Das ist nachvollziehbar. Für Mai 2021 ist eine große Sonderausstellung der restaurierten und kunstwissenschaftlich weiter erforschten Bilder in Gotha geplant. Welche Geschichte dazu erzählt wird, bleibt unklar. Der Verbleib in den letzten 40 Jahren? Oder auch Geschichten weiterer verlorener, zum Teil wieder aufgefundener Objekte? Seit 1990 sind etwa 40 Gemälde, Druckgrafiken, kunsthandwerkliche, numismatische und andere Objekte nach Gotha zurückgekehrt.

Die Geschichten der Bilder und überhaupt der Kunstschätze zu recherchieren und zu erzählen, in Gotha und in anderen Museen in Thüringen, bleibt eine immer wieder herausfordernde und ständige Aufgabe.

Der Text erschien zuerst gedruckt und als E-Paper in der Tageszeitung Freies Wort
und wird hier erstmals online veröffentlicht. Alle Fotos/Screenshot: miplotex

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