100 Jahre und 100 Tage

Vorbemerkung: Vor einem Jahr, zum 100. Geburtstag des Staatlichen Bauhauses, öffnete das neue Bauhaus-Museum in Weimar. 100 Tage danach besuchte ich mit Gästen die drei Weimarer Bauhaus-Museen. Der Text aus dem Archiv wird hier erstmals online veröffentlicht.
Das neue Bauhaus-Museum in Weimar ist ein Besuchermagnet. Mit auswärtigen Gästen flaniert der Autor durch das Haus und erlebt es aus einem anderen Blickwinkel.

Das Bauhaus-Museum in Weimar kurz vor der Eröffnung Ende März 2019.

Am 2. Juli begrüßte der Präsident der Klassik Stiftung, Hellmut Seemann, bereits die hunderttausendsten Besucher, ein Ehepaar aus Ilmenau. Bis heute, genau 100 Tage nach der Eröffnung, zählte die Klassik-Stiftung rund 115.000 Besuche im Bauhaus-Museum und 38.000 Besuche im Neuen Museum. Das Haus Am Horn, seit 18. Mai wieder geöffnet, registrierte bisher rund 14.000 Besuche. Mit diesem großen Besucheransturm rechnete niemand in Weimar.

Die Klassik Stiftung vergibt online und vor Ort Zeitfenster-Karten für das Bauhaus-Museum und das Haus Am Horn. So können Besucher sicher sein, dass ihnen garantiert Eintritt gewährt wird. Meine Gäste haben Gutscheine ihres Weimarer Hotels für BauhausCards, die sich nur im Bauhaus-Museum oder Neuen Museum einlösen lassen. Sie wollen aber zuerst in die Bauhaus-Ikone, in das Haus Am Horn. Also ab ins Bauhaus-Museum, Gutscheine umtauschen in BauhausCards, Zeitfenster-Karten buchen. Das klappt problemlos.

Die Buchung einer BauhausCard inklusive Zeitfenster-Karte für die Museumsbesuche ist im Internet leider nicht möglich. Es gibt online nur Eintrittskarten für einzelne Museen, die in der Summe wesentlich teurer sind als eine BauhausCard für 11 Euro. Sie gilt zwei Tage in Weimar und Thüringen in 76 Freizeiteinrichtungen, darunter in Suhl im Tierpark und Ottilienbad. Das ist kurios.

Die Bauhaus-Ikone Haus Am Horn 61 in Weimar, die erste realisierte Bauhaus-Architektur.

Das Haus Am Horn ist am besten zu Fuß durch den Ilm-Park erreichbar, vorbei an Goethes Gartenhaus.  Der Weg dahin könnte besser markiert sein. Die erste realisierte Bauhaus-Architektur, von der UNESCO als Weltkulturerbe geadelt, ist aufwändig saniert und in ihren ursprünglichen Zustand von 1923 versetzt worden. Mit den BauhausCards und Zeitfenster-Karten müssen wir uns trotzdem an der Kasse anstellen. Das dauert. Wir würden gern einen Hauskatalog kaufen, den gibt’s aber nur in englischer Sprache und den freundlichen Hinweis, „den können sie auch  im Bauhaus-Museum kaufen.“ Nur gut, dort wollen wir noch hin.

Das „Zimmer der Frau“ im Haus Am Horn.

Das Haus Am Horn, der Bau, soll wirken. Die einstige Inneneinrichtung wird angedeutet mit „Umrissmöbeln“ und Repliken, wenige originale Teile ergänzen das Interieur. Sparsam erzählen Bilder und Texe die Hausgeschichte. Weitergehende Informationen könnten über die kostenlose Smartphone-App „Bauhaus+“ abgerufen werden. Leider gibt’s im Haus keinen Hinweis darauf, freies WLAN wie in den beiden anderen Museen ist nicht verfügbar. Der wiederhergestellte Erwerbsgarten um das Haus steht für ein Lebensreformmodell am Bauhaus. Das wird dem Besucher nicht vermittelt. Auf den raffiniert gespannten und gedrehten Maschendrahtzaum um das Grundstück herum und die Idee dahinter macht nichts aufmerksam. Meine Gäste, ein Bauingenieur und eine Kunstlehrerin, sind sehr sensibel für solche Details und Informationen.

Über dem Eingangsfoyer des Bauhaus-Museums die Installation von Tomás Saraceno.

Am nächsten Morgen kurz nach 9 Uhr steht keine Besucherschlange vor dem neuen Bauhaus-Museum. Der erste Blick nach oben gilt im Eingangsfoyer der vernetzten und verspiegelten Rauminstallation von Tomás Saraceno. Das Herz der Kunstlehrerin schlägt höher, so begeistert sie sich für dieses Spinnennetz und die kubischen Formen. Da stecken Ideen des Bauhauses dahinter, wie geschaffen für Aufgaben im gymnasialen Leistungskurs Kunst. Der erste Eindruck im ersten Museumssaal: Wow! Das leuchtet und flackert multimedial. Die Bauhaus-Wiege von Peter Keler von 1922 übersehen meine Gäste zunächst. Kein Wunder, wie das Bauhaus-Original präsentiert wird: die schmale Seite vorn in Blickrichtung der Besucher und eingesperrt in eine große Vitrine. Die große Bilderwand finden meine Gäste überfrachtet, ein Gemälde wie Lyonel Feiningers „Kirche von Gelmeroda“ wirkt so nicht.

Die in der Dauerausstellung erzählten Geschichten, die Objekte und Präsentationen erschließen sich Besuchern manchmal nur mühsam. Hier könnte die bereits erwähnte App „Bauhaus+“ informieren. Nur ganz wenige Besucher nutzen sie in der Ausstellung tatsächlich. Die Smartphone-App ist in Verbindung mit dem frei zugänglichen WLAN ein sehr gutes, zeitgemäßes Vermittlungsangebot, wie es für moderne Museen zur Regel werden sollte.

Erste Bauhaus-Sammlung von 1925, zusammengestellt von Gropius und Wilhelm Köhler.

Wir flanieren mehr als drei Stunden durch die Ausstellung, schauen da, lesen dort, testen moderne Markenstühle. Die historischen Sitzmöbel des Bauhauses sind ja nicht zum Hinsetzen da. Unterm Museumsdach entdecken meine Gäste die Fotowand mit historischen Aufnahmen. Walter Gropius ließ Leben und Arbeiten am Bauhaus umfassend fotografieren und dokumentieren. Das Terminal mit den digitalisierten historischen Bauhausalben ist eine Wucht. Da könnte man als Besucher stundenlang blättern und schauen. Das historische Haus Am Horn ist in einem Album dokumentiert, leider nicht in der aktuellen Präsentation im Haus Am Horn verfügbar. Die große Vitrine mit Schaustücken der ersten, historischen Bauhaussammlung von 1925 ist ein Hingucker. Die Geschichte darüber hört der Gast am besten über die App „Bauhaus+“ auf seinem Smartphone, wenn er sie hört.

Eine schmale Kaskadentreppe führt 90 Stufen abwärts aus dem Museum. Für die einen Besucher ist das ein Kick, für andere nur gruselig. Auf Treppenabsätzen ermöglichen Fenster den Blick auf den Ettersberg. Das Bauhaus wird 1925 aus Weimar vertrieben, die geistige Saat für das Konzentrationslager Buchenwald wird in der Stadt gelegt.

Das Neue Museum erzählt die Vorgeschichte des Bauhauses von 1860 bis 1919. Die Ausstellung loben meine Gäste in den höchsten Tönen. Im Besucherbuch vergleichen andere Gäste beide Museen: „Enttäuscht von der Präsentation im Bauhaus-Museum. Positiv berührt im Neuen Museum“, schreiben „5 Mädels“ aus Göttingen. Oder: „Tolle Ausstellung! Nimmt den Besucher mit. Da kann sich die Bauhaus-Ausstellung ein Stück abschneiden“, notiert Diana ins Besucherbuch. Schließlich: „Wunderbare Präsentation. Spektakulärer Bestand. Ein Museumsbesuch ohne Qual – Mit Leichtigkeit getragen“, schreibt ein Museumsfachmann aus München.

Im Neuen Museum wird die Vorgeschichte des Bauhauses erzählt.

Besucher können sich im Neuen Museum nicht verlaufen. Sie werden multimedial verführt, aber nicht geblendet, in Text und Bild umfassend informiert, aber nicht überfordert. Tolle originale Sammlungsstücke werden singulär und sehr angemessen präsentiert. Dieses Museum bietet alles, was ein eiliger oder verweilender Besucher erwartet.

Das vor 100 Jahren in Weimar gegründete Bauhaus war ein großes Experiment, das scheiterte und weiter lebte, zur Weltmarke wurde. Seit 100 Tagen strömen tausende Besucher aus aller Welt in Weimar in das Bauhaus-Museum und die anderen Bauhaus-Stätten. Bei allen kritischen Einwänden – endlich ist das Bauhaus in Weimar bei Bürgern und Besuchern angekommen.

Nachbemerkung: Wie gegenwärtig alle öffentlichen Einrichtungen sind die Bauhaus-Stätten in Weimar leider für Besucher geschlossen.

Der Text erschien am 13. Juli 2019 in der Tageszeitung Freies Wort gedruckt und als E-Paper. Er wird hier erstmals online veröffentlicht. Alle Archiv-Fotos/Screenshot: miplotex

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