Der Lappen muss hochgehen

Mitte März fiel der letzte Vorhang in den Theatern in Thüringen. Seitdem gab´s kein öffentliches Konzert, keine Vorstellung, keine Veranstaltung mehr. Jetzt ist klar, die Spielzeit ist zu Ende.

Existentielle Frage in Zeiten einer Pandemie.

„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Theaterfreunde kennen das bekannte Zitat aus Bertolt Brechts Drama „Der gute Mensch von Sezuan“, zuletzt zu erleben vor einem Jahr in Meiningen in einem großartigen Gastspiel des Theaters Heidelberg. Ihr Theatergötter, was ist nur los in Zeiten eines unsichtbaren Virus?

Die aktuelle Spielzeit
Spätestens seit Ende letzter Woche ist klar, die aktuelle Spielzeit ist vorbei. Künstler und Mitarbeiter der Theater, das Stammpublikum und Kulturtouristen sind enttäuscht und betroffen, der Vorhang bleibt zu und jede Menge Fragen sind offen. Manche Antworten können gerade nicht befriedigend oder nicht gegeben werden.

Geflaggt mit Macbeth am Staatstheater Meiningen.

Für schon gekaufte Eintrittskarten gibt’s das Geld zurück oder einen Gutschein oder das Geld verbleibt als Spende im Theater. Lange terminierte Vorstellungen fallen aus, auch Premieren, die bis zum Sommer angekündigt waren. Wo möglich, werden sie in die neue Spielzeit verschoben. Das betrifft alle professionellen Theater und Orchester in Thüringen.

Sommertheater ist abgesagt in Weimar und Rudolstadt. Über die ab 10. Juli geplanten Domstufen-Festspiele in Erfurt soll spätestens am 30. Mai entschieden werden. Das Kunstfestfest Weimar kämpft entschieden dafür, dass es ab Ende August stattfinden kann, Ausgang offen.

Die kommende Saison
Sie beginnt im September 2020, wenn sie beginnen sollte. Das ist aus jetziger Perspektive ungewiss. Die Theaterleiter planen jedenfalls, dass ab September der Lappen wieder hochgeht, hochgehen muss. Denn Schauspieler, Sänger, Musiker, Tänzer, alle Künstler wollen vor Publikum zeigen, was sie können. Sie wollen Menschen zum Lachen und Weinen bringen, ihnen ein künstlerisches Erlebnis in Echtzeit in einem Theater- oder Konzertsaal bieten, vergnüglich und nachdenklich. Das ist ihr Beruf und ihr Leben

Die bereits für die neue Saison veröffentlichten Spielpläne werden jetzt an allen Theatern und Orchestern überarbeitet und angepasst. Das ist herausfordernd, weil in Zeiten der Pandemie neue Bedingungen für Theater, Oper, Konzert, Tanz und alle anderen Veranstaltungen zu berücksichtigen sind.

Mit Maske ins Theater
Im Theater- und Konzertsaal sitzten Menschen eng beieinander. Das geht in Zeiten einer Pandemie gar nicht. Also nur jeden dritten oder vierten Platz besetzen? Ist das sinnvoll und machbar? Theater, Oper, Tanz und Konzert sind Gemeinschaftserlebnisse in einer besonderen Umgebung und Atmosphäre, mit Ritualen und Begegnungen mit anderen, gleichgestimmten Menschen.

Wie sollen Besucher da einen Mindestabstand zu anderen einhalten? Vielleicht sogar verbindlich mit Maske, mit einem Mund-Nasen-Schutz, eine Vorstellung verfolgen? Die strengen hygienischen Bedingungen könnten Theater mit einem zusätzlichen Aufwand bestimmt gewährleisten.

Und die Besucher selbst? Viele gehören zu den von Wissenschaftlern und Politikern genannten Risikogruppen. Ältere über 60 Jahre, Menschen mit Vorerkrankungen, mit Anzeichen von Husten und Schnupfen soll der Theater- und Konzertbesuch von vornherein versagt bleiben? Aber wer hat nicht schon offenes Husten und Niesen im Parkett erlebt und erlitten?

Mal wieder auf einer Theaterbühne?

Pandemie-Theater
Das ist kein Witz. In Zeiten der Pandemie diskutieren Künstler und Regisseure neue Konzepte und Formen von Theater, Oper und Konzert. Gibt es dann keine Liebesszenen mehr? Keine körperbetonten Aktionen? Nur noch kontaktloses Theater, um Distanz zu halten? Keine Pausen mehr für´s Publikum, um sich zu begegnen? Pandemie-Theater?

Wie ist das bei einem großen Orchester, wo 70 und mehr Musiker im engen Orchestergraben oder auf einer Bühne miteinander spielen? Auseinanderrücken? Mindestabstand einnehmen? Geht das überhaupt? Auch Musiker haben mal Schnupfen und Husten, versprühen Viren. Trotzdem proben und spielen manche im Orchester.

Nicht zu vergessen die vielen guten Geister hinter den Kulissen, die Künstler schminken, ankleiden, vorbereiten für die Aufführung. Da ist Körperkontakt und menschliche Nähe ganz normal. Oder jene Mitarbeiter, die Garderobe entgegennehmen und verwahren, die Plätze anweisen, Programme verkaufen, die unmittelbar mit dem Publikum Kontakt haben.

Schönste Nebensache
Theater muss sein, sagt der Deutsche Bühnenverein. Das gilt auch für Millionen von Besuchern in Deutschland, die Theater, Oper, Tanz und Konzert lieben. In Thüringen kommen jährlich über 800.000 Menschen in die professionellen Theater und zu Konzerten. Sie lassen sich das Erlebnis etwas kosten, genießen einen einmaligen Abend in Familie, mit Freunden oder Bekannten. Eine Vorstellung ist immer live und immer anders, jedes Mal.

Theater ist die schönste Nebensache der Welt. Deshalb muss der Lappen hochgehen. Auch wenn gerade viele Fragen offen sind.

Der Text erschien zuerst in der Tageszeitung Freies Wort (gedruckt, E-Paper)
und wird hier erstmals online veröffentlicht. Archivfotos/Screenshot: miplotex

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