Bilder von Menschen so fremd und so nah

Volker Stelzmann wird 80 Jahre alt. Er zählt zu den wichtigsten figürlich arbeitenden Malern und Grafikern im deutschsprachigen Raum. Das Angermuseum Erfurt gratuliert mit einer großartigen Personalausstellung. Fast wäre das Vorhaben gescheitert.

Künstlerfreunde und Freunde seiner Kunst sind zur Ausstellungseröffnung für geladene Gäste ins Erfurter Angermuseum gekommen. Das ist wie bei einem „Klassentreffen“ der Leipziger Schule und Kunstszene der 1970er- und 80er-Jahre, zu deren Protagonisten sie zählen. Volker Stelzmann mag Menschenansammlungen mit ihm mittendrin eher nicht. Er beobachtet, malt und zeichnet viel lieber Alltagsszenen, wo sich Menschen begegnen und berühren, verbandeln und verkeilen, obwohl sie sich im Grunde genommen ganz fremd sind und nichts zu sagen haben.

In der Ausstellung im Angermuseum Erfurt.

Die Ausstellung „Volker Stelzmann. Stadt – Werkstatt“ ermöglicht einen Überblick über das Lebenswerk eines Künstlers, der im Osten sozialisiert wurde, in Leipzig studierte und sich etablierte, der Liebe wegen 1986 in Westberlin blieb, als figürlich arbeitender Künstler sich dort durchsetzen musste. Geboren am 5. November 1940 in Dresden, gehört Stelzmann zur zweiten Generation der Leipziger Schule wie etwa Sighard Gille, Ulrich Hachulla, Wolfgang Peuker und Arno Rink. Er eckt in der DDR früh an, weil der Realismus in seinem künstlerischen Schaffen eher einem „sozialistischen Idealismus“ als der verordneten Einheitskunst gleicht. Ein frühes „Porträt Dagmar Schinke“ von 1967 zeigt den Weg Stelzmanns zu seinen geistigen und künstlerischen Anregern, zu denen die Neue Sachlichkeit und Otto Dix gehören. Wer durch die Erfurter Ausstellung flaniert, sich auf die opulenten und hintergründigen Bildfindungen einlässt, macht jede Menge Entdeckungen.

„Da tobt scheinbar das pralle Menschenleben. Ja und nein.“
Bilder von großen Menschengruppen, die Straßen, Plätze und U-Bahnhöfe fluten. Da tobt scheinbar das pralle Menschenleben. Ja und nein. Bei Stelzmanns vielköpfigem Personal herrscht eine merkwürdige distanzierte Nähe. Menschen begegnen sich auf engstem Raum, ohne sich zu berühren, anzuecken oder zu verkeilen, obwohl das, oberflächlich betrachtet, der Fall sein müsste. Hinzu kommt eine kühle, manchmal düstere Atmosphäre, hervorgerufen durch „kalte“ Farben und Schatten. Kaum ein Lichtstrahl erhellt die Szenen. Die urbane Gesellschaft reduziert auf Einzelne, Einsame und Ausgestoßene. Solche Konstellationen gestaltet Stelzmann immer wieder in neuen Zusammenhängen. Berlin, sein Wohn- und Arbeitsort, regt ihn da offenbar stark an.

Bilder von ganz besonderen Menschen, vom „Freunden wider deren Willen“, wie Volker Stelzmann hintergründig formuliert. Da gestaltet der Künstler „Konspirationen“ in ihrer ganzen Vieldeutigkeit. In seinem Atelier, das er Werkstatt nennt, versammelt Stelzmann um sich herum verehrte Maler wie Dix, Grünewald, de Chirico, El Greco und italienische Meister. In „Konspiration II“ von 1991 scheint er einen stummen Dialog mit ihnen zu führen. Ihren Geistes- und Bildwelten fühlt sich Stelzmann verwandt. Mit ihnen beschäftigt er sich intensiv, lässt sich inspirieren. Eine Reihe von „Widmungsbildern“ in der Erfurter Ausstellung drücken Stelzmanns Verehrung aus.

„Stadtzelt“ eines Heimatlosen (Bildausschnitt).
Der Beitrag erschien zuerst in der Tageszeitung Freies Wort (Print, E-Paper) und online.

Bilder von ausgestoßenen Menschen in einer reichen, hoch entwickelten Gesellschaft. Da blicken uns Augen aus einem schwarzen Nichts an. Das „Stadtzelt“ des Heimatlosen könnte überall stehen. Der heiter klingende Bildtitel „Vorfrühling“ konfrontiert den Betrachter mit einem anderen Obdachlosen auf einer Parkbank. Darunter ist sein Schlafsack eingerollt. Wärmen jetzt Sonnenstrahlen in dieser kahlen Welt? Volker Stelzmann pflegt eine hintergründige Sprache und Bildsprache.

Bilder mit Motiven aus der christlichen Ikonografie gehören seit Jahrzehnten zu seinem Œuvre. Ganz zentral hängt in der Ausstellung eine Kreuzabnahme, wieder vor einem schwarzen Nichts. Stelzmann gestaltet Themen wie Abendmahl, Totenklage (Pietá) und Auferstehung. In der DDR entspricht er damit nicht den Erwartungen an ein sozialistisch-realistisches Menschenbild.

Kai Uwe Schierz (links) und Thomas von Taschitzki stellen die Ausstellung vor.

Die Ausstellung in Erfurt hat der Direktor des Angermuseums Kai Uwe Schierz dem Künstler angeboten, der sehr gern darauf eingegangen ist. Sie hätte vermutlich auch in Dresden, Leipzig oder Berlin eine öffentliche Bühne haben können. Gemeinsam haben Kurator Thomas von Taschitzki und der Künstler die Zeichnungen, Grafiken und Bilder ausgewählt und gehängt, insgesamt etwa 120 Werke aus mehr als 50 Jahren künstlerischen Schaffens. Die Bilder, wie sie hängen, erzählen Geschichten, die sich über die Bildmotive und -sprache gut erschließen. Erklärende Texte zu Leben und Werk des Künstlers, zu ausgewählten Bildern und Papierarbeiten, könnten Erkenntnisgewinn und Schaulust noch steigern. Sie fehlen leider.

Die lange geplante Ausstellung hätte fast nicht stattgefunden.
Die Stadtverwaltung Erfurt als Museumsträger verfügte zwei Monate vor der Eröffnung, sie solle aus Mangel an Geld abgesagt werden. Der Künstler sowie die Kunsthalle Schweinfurt und „Die Galerie“ in Frankfurt/Main als folgende Ausstellungsstationen kompensierten kurzfristig die 30 Prozent Eigenmittel der Stadt Erfurt, insgesamt 10.000 Euro. Die Ausstellung veranstaltet jetzt offiziell der Förderverein des Museums, der so auch Fördermittel des Freistaats Thüringen und von Stiftungen sichern konnte. Für die Stadtverwaltung Erfurt findet die Ausstellung nicht statt. Sie wird von ihr nicht beworben. Vier andere Projekte hat die Stadt ebenfalls gestrichen, wo Fördervereine und private Förderer jetzt mühsam an Ersatzlösungen arbeiten.

Museumsdirektor Kai Uwe Schierz hat Volker Stelzmann eingeladen, am 5. November in Erfurt seinen 80. Geburtstag zu feiern. Das könnte ein wunderbares Fest mit Künstlerfreunden und Freunden seiner Kunst werden. Das wäre eine sehr schöne Geste der Thüringer Landeshauptstadt gegenüber diesem bedeutenden Maler und Grafiker.

Angermuseum Erfurt
bis 15.11.2020
geöffnet Di–So 10–18 Uhr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

35 + = 42

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.