Ein Leben für die Kunst

Was für eine ästhetisch opulente Ausstellung in Weimar*. Sie erzählt vom Sammeln und Schenken. Sie ist ein Dank an Wilhelm Winterstein und andere Mäzene. Sie ist ein großartiges Geschenk des Kunstkenners und Geschichtenerzählers Hermann Mildenberger.

Hermann Mildenberger stellt im Juli 2020 seine Ausstellung „Von Delacroix bis Warhol“ vor, gewidmet dem Mäzen Wilhelm Winterstein.

Kaum zu glauben, aber das ist die erste Sonderausstellung der Klassik Stiftung in diesem Jahr der Pandemie (gemeint ist das Jahr 2020 – der Autor). Im Schiller-Museum sind Meisterzeichnungen „Von Delacroix bis Warhol“ von deutschen und französischen, englischen und italienischen Künstlern des späten 18. und 19. Jahrhunderts zu sehen. Hinzu kommen einige hochkarätige Arbeiten moderner Künstler des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung würdigt den Mäzen Wilhelm Winterstein und weitere großzügige Stifter, ein Kunstdialog über 87 Werke. Der Leiter der Graphischen Sammlungen in der Klassik Stiftung, Hermann Mildenberger, zieht ein überaus sehenswertes Resümee seiner beruflichen Karriere.

Den Ausstellungsrundgang eröffnen vier farbige Gemmenabdrücke des historischen Maecenas, zugleich eine Laudatio auf den Mäzen Wilhelm Winterstein, der seit 1997 den Graphischen Sammlungen insgesamt 40 hochkarätige Zeichnungen geschenkt und damit das Sammlungsprofil maßgeblich gestärkt hat. Vier farbige Köpfe von Goethe vollenden in der Ausstellung symbolisch den Rundgang. Die berühmten Pop-Art-Porträts von Andy Warhol, nach der klassischen Vorlage von Tischbein, hätte die Klassik Stiftung niemals aus dem eigenen Budget ankaufen können. Der Münchner Sammler Wilhelm Winterstein hat sie großzügig finanziert und geschenkt.

Der Kunstwissenschaftler und Kurator Hermann Mildenberger ist ein wunderbarer Vermittler und Geschichtenerzähler über Kunst, Künstler und den kunsthistorischen Kontext.

Hermann Mildenberger geht 2021 in den beruflichen Ruhestand. Er hat die Graphischen Sammlungen in Weimar über 25 Jahre lang geprägt, weiter entwickelt, Netzwerke zu Sammlungen und Sammlern geknüpft, Mäzene von Weimar überzeugt, ungezählt viele Ausstellungen kuratiert und publiziert. Er ist ein formvollendeter, kenntnisreicher und unterhaltsamer Geschichtenerzähler über Künstler und die Kunst, die jetzt in einer großartigen Zusammenschau zu sehen sind.

Vor allem italienische Landschaften und einige Porträts gehören zum Kernbestand der Sammlung Winterstein in der Weimarer Ausstellung. Goethe als Kunstkenner und Sammler, Goethe-Zeit und Goethe-Rezeption sind wiederkehrende Themen und Sujets. Dazu zählt die im lichten Grün und Gelb gehaltene„Campagna-Landschaft“ des bedeutenden schlesischen Künstlers Florian Großpietsch. Und die atmosphärisch so eindrückliche „Campagna-Landschaft“ des in Gera geborenen Heinrich Reinhold. Eine großformatige Zeichnung „In der römischen Campagna“ konnte erst jüngst eindeutig Goethe selbst zugeschrieben werden.

Von Eugène Delacroix ist die wohl früheste Skizze zum „Faust“ zu sehen, ein ausschweifendes „Trinkgelage in Auerbachs Keller“. „Goethe deklamiert Faust“ von Jean Claude Manigaud ist eine pointierte Darstellung zur Goethe-Rezeption in Frankreich Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Katalog beschreibt Mildenberger ausführlich die ästhetische Qualität, den kunsthistorischen und den Erwerbungskontext jeder Zeichnung aus der Sammlung Winterstein.

Beim Ausstellungsrundgang verweist Mildenberger auf den „Großvater“ der Weimarer Malerschule Théodore Rousseau und das vorzügliche Aquarell „Aussicht auf Rouen“. Oder das „Bildnis Dominique Vivant Denon“ eines unbekannten Künstlers. Goethe pflegte gute Kontakte zum Direktor des Pariser „Musée Napoléon“, dem heutigen Louvre.

Im Dialog mit der Sammlung Winterstein in der Ausstellung: Von T. Lux Feininger, dem Sohn des Bauhausmeisters Lyonel Feininger, sind drei 1927/28 entstandene Karikaturen mit skurrilen Szenen über das Leben am Dessauer Bauhaus zu sehen, eine Schenkung des Hamburger Sammlers und Kurators Ulrich Luckhardt. Aus dem Nachlass Georg Tappert stammen zwei Zeichnungen (von insgesamt 50) mit Szenen aus der Berliner Halbwelt der 1920er-Jahre. Überraschend auch die beiden Blätter von Michael Morgner und Gerda Lepke aus den 1980er-Jahren. Sie gehören zur Sammlung von Gertraud Pilgrim aus Ascheberg mit insgesamt 220 graphischen Werken von DDR-Künstlern, die bisher noch nicht zu sehen waren.

Mildenberger prägte und profilierte fast 30 Jahre die Kunstsammlungen Weimar.

Das alles sind Schenkungen an die Weimarer Sammlungen aus den letzten 25 Jahren, an die mit ihr verbunden Freundeskreise und Förderer, wo Hermann Mildenberger im Hintergrund Kontakte knüpft und pflegt. Dazu gehört vor allem die „Società dei Dilettanti“, eine seit 2013 lose zusammengeschlossene Vereinigung von Sammlern, Mäzenen und Freunden der Weimarer Graphischen Sammlungen aus der Schweiz und Deutschland, aus London und Paris und …, die Adressliste umfasst ca. 80 Namen, verrät Mildenberger. Das nächste Treffen findet im Oktober wieder in Weimar statt.

Ein „Leben für die Kunst“ könnten die sehr sehenswerte Ausstellung und der vorzügliche Katalog auch überschrieben sein. Sie ist möglich geworden durch Sammler und Mäzene, Kunstkenner und Kuratoren. Besucher und Liebhaber von Kunst können das alles genießen, die Originale im Schiller-Museum in Weimar.

Der Beitrag erschien am 13. 08.2020 in der Tageszeitung Freies Wort (Printausgabe, E-Paper). * Die hier veröffentlichte Fassung aus dem Archiv des Autors ist eine nachträgliche Würdigung für Prof. Dr. Hermann Mildenberger, der im Februar 2021 in den Ruhestand geht.
Archivfotos/Screenshot: miplotex

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