Es ist 5 nach 12. Vor dem Theater Erfurt warten hunderte Menschen. Das kostenfreie Mittagskonzert ist ein Hit. Alle 800 Zählkarten sind längst ausgegeben.

Ab 12:30 Uhr gibt’s an einem Donnerstag einmal monatlich 30 Minuten Musik live mit dem Philharmonischen Orchester Erfurt. Dazu einführende Worte des Dirigenten. Ein buntes, diverses Publikum lauscht. Ein Baby kreischt schon mal. Smartphones klingeln immer. Niesen und husten gehört zum Konzert dazu. Viel offener und öffentlicher kann ein Theater nicht sein.
Jetzt ist eine „Theatertransformation“ in Erfurt angesagt. Eine neue Sparte Schauspiel? Vielleicht auch Tanztheater? Die Stadtverwaltung Erfurt legt ein Positionspapier Teil 1 dem Kulturausschuss vor, das es in sich hat.
Darin werden „Eigentümerziele“ und „messbare Indikatoren zur Zielerreichung“ formuliert. Zum Beispiel die Anzahl spartenübergreifender Produktionen, die Zahl der Kooperationsprojekte mit externen Partnern, Genre-Diversität mit prozentualem Anteil. Geht es hier um Kunst? Um die Qualität von Kunst?
Das Theater Erfurt ist als Musiktheater profiliert, verfügt über ein mittelgroßes Orchester, Studio.Box und Junges Theater. Oper, Musical, Operette, Sinfoniekonzerte, Festspiele und Festivals, experimentelle Kunst, Angebote für junge Menschen und Familien, spartenübergreifende Produktionen stehen auf dem Spielplan. Tanz und Schauspiel als Gastspiele kommen hinzu. Besonders beliebt bei Besuchern sind die eintrittsfreien Mittagskonzerte und ähnliche Formate, die Lust auf Theater und Konzert machen sollen. Mehr geht eigentlich nicht. Oder?
Doch! Stadtverwaltung, Stadtrat und Stadtgesellschaft (Wer ist das?) wollen mehr, wollen andere, neue Kunstformate und Kooperationen, wollen abrechenbare Zahlen und Ergebnisse. Theater ist ein Geschäftsmodell für den Theaterdezernenten der Stadtverwaltung. Angekündigte (angedrohte?) Änderungen kommen im Theater, bei Mitarbeitern und Künstlern, nicht überall gut an. Könnte sein, das die eine oder andere Stelle künftig wegfällt, gegen andere Stellen ausgetauscht wird.
Das ist ein großes Rad, das die Erfurter Stadträte drehen wollen. Sie wollen den Tanker Theater auf einen neuen Kurs bringen. Vielleicht haben Stadtverwaltung (vermutlich eher weniger) und Stadtrat (vielleicht mehr) so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Sie haben den Tanker Theater mit seinem allein den Kurs bestimmenden Kapitän Jahre lang fahren lassen. Ging ja alles gut.
Blöd nur, schlechte Nachrichten bestimmen die öffentlichen Schlagzeilen der letzten 2 Jahre. Ein (vermutlich) übergriffiger Generalintendant, der (vermutlich) mit der Verwaltungsdirektorin das üppige Theaterbudget überzog, ein kräftiges Minus machte. Theaterskandal, Finanzdefizit, ein abgewählter Oberbürgermeister, ein Kultur- und Theaterdezernent, der sich rechtzeitig vom Acker machte.

Der Kulturausschuss „diskutiert wild“ in seiner jüngsten Sitzung über den Tanker Theater. Das Theater Erfurt mit ca. 330 Mitarbeitern, mit Menschen aus 22 Ländern, die 18 Sprachen sprechen, soll auf wenigen Seiten in einem Positionspapier neu aufgestellt werden und sich verändern. Und das im laufenden Betrieb. Wie ist das zu schaffen?
Das zweite Eigentümerziel (nach Schauspiel und Tanz) liest sich im Positionspapier so: „Das Theater Erfurt positioniert sich als offener Kulturort und trägt aktiv zum sozialen Zusammenhalt und zur kulturellen Teilhabe und Bildung der Stadtgesellschaft bei.“ Alles klar? Klingelt es jetzt? Vielleicht erklingen bald nur noch Mittagskonzerte. Die erfüllen alle denkbaren Kriterien und erreichen alle Menschen, die Musik und Theater ein bisschen mögen.
„Messbare Indikatoren“, um das Ziel zu erreichen? 7 Spiegelstriche folgen, darunter „Anzahl durchgeführter Stadtteilprojekte und Kooperationen mit sozialen Einrichtungen“ und, natürlich, „Gesamtbesucherzahlen und Abonnements“. Da wird mir schwindlig, wie das alles erreicht und gemessen werden soll.
Ein Positionspapier Teil 2 soll folgen. Mehrere Sitzungen des Ausschusses für Kultur und Theatertransformation und des Werkausschusses Theater (in Erfurt gibt’s doppelte städtische Zuständigkeiten) sind terminiert. Ein Beschlussentwurf über den neuen Kurs des Theaters soll bereits im September vom Stadtrat verabschiedet werden. Anschließend soll eine neue Theaterleitung (2 oder 3 oder 4 oder mehr Menschen) gesucht und gefunden werden, die ab der Spielzeit 2027/2028 das Steuer übernimmt.

Da gibt’s noch ganz viel zu besprechen und zu beschließen. Und real umzusetzen. Ich bleibe dran.