Das Meininger Theater

Im Irrgarten verlaufen

Die Zeit vergeht. Langsam. Am Ende quälend langsam. Regisseur Patric Seibert will auf der Meininger Bühne den ganzen „Kirschgarten“ erblühen und abholzen lassen. Er scheitert, weil Tschechow Regie führt.

Das erste Bild, die erste Szene, stimmt hoffnungsvoll. Die „Prawda“, die „Wahrheit“, schwarz auf weiß gedruckt, ist zum Einschlafen. Hinter dem durchsichtigen Vorhang läuft eine lärmende Party. Russische Lieder dröhnen. Traumtänzer toben übers Parkett. Wir sind mitten in Tschechows Zeitenwende. Gleich öffnet sich „Der Kirschgarten“, das Gut der Ranjewskaja. Sie kehrt aus der brodelnden Weltstadt Paris zurück ins weltabgewandte russische Landgut.

Gedruckt auf Papier. Screenshot: mip
Gedruckt auf Papier. Screenshot: mip

Die kyrillischen Buchstaben „Wischnjowy Sad“ irritieren meine Nachbarin im Parkett. Sie ist wohl westsozialisiert. Der Ostzsozialisierte musste sich einst mit russischen Vokabeln und Wendungen quälen. Egal. „Der Kirschgarten“ von Anton Tschechow, eine Komödie in vier Akten, sein letzter Theatertext, will die ganze Zeitenwende und die Menschen packen. Zeit und Menschen, die stehenbleiben und solche, die Geschäfte machen. Der Lärm der neuen Zeit, der die Alten nervt und die Jungen puscht. Die Lust auf das neue Leben und der verklärte Blick zurück, das Alte bewahren und festhalten zu wollen.

Die ganze Gedanken- und Gefühlswelt Tschechows und dazu Textbrocken aus dem zeitgenössischen Roman „Exodus“ von  Pjotr Silaew packt Regisseur Patric Seibert in seine Inszenierung. Er folgt Tschechows Text im Prinzip so, wie er ist, bis in die Regieanweisungen. Er seziert und fokussiert nicht. Er verfolgt keine eigene Idee, die eine andere, neue Sicht auf die alten Fragen wirft. Die Inszenierung entwickelt keinen eigenen Sound, keine Atmosphäre. Leider.

Der Zug kommt auf dem russischen Landgut an. Der Zug der neuen Zeit hat Verspätung. Wie spät ist es? So viele Metaphern. So viele Spielanlässe. Ljubow Andrejewna Ranjewskaja kommt mit ihrer 17-jährigen Tochter Anja aus Paris zurück, weil das Landgut verschuldet ist, wie sie selbst. Sie ist trotzdem ausgesprochen fröhlich, träumt der alten Zeit nach, lebt und langweilt sich. Der Kaufmann Lopachin, „die Zeit vergeht“, will das Gut retten und verkaufen, den Kirschgarten abholzen, Sommerhäuser bauen und Sommerfrischler anlocken. Die alte Zeit vergeht, die neue bricht an. Die gar nicht so alte Gutsbesitzerin und ihr Bruder verklären die gute, alte Zeit.

Die Widersprüche und Konflikte werden nicht zugespitzt. Die Gutsbesitzerin, Ulrike Walther, macht eine gute Figur im roten Kleid. Aber ein Charakter mit Ecken und Kanten? Eine Gegenspielerin von Lopachin? Verteidigt sie das Alte? Oder findet sie sich ab mit den neuen Verhältnissen? Grübelt sie oder kämpft sie für ihre Überzeugungen? Lopachin, Vivian Frey, hat sich hochgearbeitet aus unfreien Verhältnissen. Er gibt mal eine Witzfigur ab, dann einen cleveren Geschäftemacher, der durch die Zeit torkelt.

Premierenkarte. Anja und Petja mit Charakter. Collage: mip
Premierenkarte. Anja und Petja mit Charakter. Collage: mip

Charakter entwickeln Anna Krestel, die 17-jährige Anja, und der ewige Student Petja, Björn Boresch, der den Intellektuellen und Welterklärer spielt: „Ganz Rußland ist unser Garten.“ Wie das junge Mädchen den älteren Jüngling umschwärmt, umgarnt, umtanzt, das ist große Klasse. Das berührt, da vibriert etwas.

Wer fühlt sich von wem angezogen und ausgezogen? Dieses Spiel zwischen den Geschlechtern ist in Tschechows „Kirschgarten“ in den Nebenrollen angelegt. Dunjascha, Carla Witte, und Jascha, Hagen Bähr, sind so ein Pärchen. Sie will und schmeißt sich an ihn ran. Er will eigentlich nicht, aber Busengrabschen schon. Da werden billige Klischees vorgeführt, schade.

Eine markante Nebenfigur bei Tschechow ist der 87-jährige Firs. Er steht für die alten, geordneten Verhältnisse mit Regeln und Hierarchien, ein Oberlehrer von gestern. Peter Bernhardt muss die Rolle spielen. Er strotzt vor lebenspraller, physischer Präsenz. Und ist so fehlbesetzt vom Regisseur.

Alle bei Tschechow vorgesehen 13 Rollen und Schauspieler werden besetzt. Hinzu kommen die Textfragmente aus „Exodus“. Hier gibt es eine schöne Szene, als die Zeit eingefroren wird, die Figuren erstarren und Anna Krestel mit Maschinenpistole im  Anschlag  den Zeitensprung wagt. Der Monolog, der folgt, ist so bruchstückhaft wie abstrus, „gesellschaftlich nützliches Blutbad, der Krieg“ und ähnliches, wirres Zeug. Der Einfall ist ein Störfall. Überflüssig.

Über drei Stunden Zeit sind schon vergangen. Der letzt Akt wird bis zum letzten Wort, zur letzten Regieanweisung Tschechows ausgespielt. „Der Kirschgarten“ auf der Meininger Bühne, so wie ihn Patric Seibert blühen und abholzen lässt, ist ein Irrgarten einer Zeitenwende, in dem er sich verlaufen hat.

„Bringen wir es zu Ende. Basta.“ Der Satz am Schluss steht irgendwie für den ganzen Abend.

Die Kritik erschien zuerst im Feuilleton der Tageszeitung Freies Wort, hinter der Bezahlschranke.

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