Streitbare Thesen

Glauben. Macht. Identität.

Erst jetzt bekomme Thüringen seine oft verleugnete Identität und Geschichte zurück. Eine streitbare These, am Samstag ausgesprochen zur Eröffnung der Thüringer Landesausstellung in Weimar.

„Die Ernestiner. Eine Dynastie prägt Europa“, lautet der Titel der opulenten Schau an vier Orten in Weimar und Gotha, den einstigen Hauptresidenzen der Ernestiner. Sie regierten über ein halbes Jahrtausend in Deutschland und Europa, vor allem im heutigen Sachsen und Thüringen. Sie waren mächtig und ohnmächtig. Sie förderten Bildung und Wissenschaft, Kultur und Kunst, schufen eine moderne Verwaltung, führten Kriege und heirateten in ganz Europa. Vor allem aber sind „die Ernestiner die Verfechter und Verteidiger des protestantischen Glaubens.“ Diese These stammt von Joachim Whaley, dem Festredner zur Eröffnung der Landesausstellung, Professor für Deutsche Geschichte und Denken an der Universität Cambridge.

Die Thüringer Landesausstellung "Die Ernestiner. Eine Dynastie prägt Europa", - eröffnet in der Weimarer Herderkirche.
Die Thüringer Landesausstellung „Die Ernestiner. Eine Dynastie prägt Europa“ – eröffnet in der Weimarer Herderkirche.

Die eingangs zitierte streitbare These stammt von S. K. H. (Seiner Königlichen Hoheit) Michael Prinz von Sachsen-Weimar-Eisenach, wie sein korrekter Titel in Kurzform lautet. Das Oberhaupt des Hauses Wettin, aus dem die Ernestiner 1485 hervorgingen, hat Sitz und Stimme im Stiftungsrat der Klassik Stiftung Weimar (und in der Wartburg-Stiftung), sein öffentliches Wort wird gehört. Ob Widerspruch oder Zuspruch aus Wissenschaft oder Politik auf seine steile These kommen wird? Spontan zur Eröffnung der Landesausstellung jedenfalls nicht.

Der Festredner Joachim Whaley ist ein international hoch angesehener englischer Wissenschaftler, der in zwei Akten, in Weimar und Gotha, über „Die Ernestiner im Alten Reich: Dynastie, Glaube und Politik“ und „Die Ernestiner als Förderer von Religion, Kultur und Wissenschaft“ sprach. Leider kam seine Rede in Weimar in den letzten Reihen akustisch unzureichend an, der Ton- und Sprechtechnik des Festredners geschuldet. Deshalb hier der Versuch, Gedanken zum Gedenken an die Ernestiner unvollständig und vielleicht mißverständlich widerzugeben.

In der DDR habe es kein Interesse an diesem Teil der Geschichte gegeben, so  Whaley. Er zitiert einen anderen Historiker (?), der Thüringen als „gelobtes Land des Kleinlebens“ charakterisierte, dabei habe das Territorium des heutigen Thüringen „eine faszinierende Entwicklung“ genommen, meinte der englische Historiker mit Verweis auf den Ausstellungskatalog. In beiden Festvorträgen rekapitulierte Whaley die weitgehend bekannte, jetzt in der Thüringer Landesausstellung erstmals zusammengeführte sowie in ihrem gesellschaftlichen und europäischen Kontext präsentierte Entwicklung der Ernestiner von 1485 bis 1918.

Mit der Niederlage bei Mühlberg an der Elbe am 24. April 1547 verloren die Ernestiner die Kurwürde an den anderen Zweig des Hauses Wettin, die Albertiner. Diesen politischen Macht- und Ansehensverlust sollten sie nie wieder kompensieren können. Unter Herzog Johann Friedrich I. (1503-1554) mussten sich die Ernestiner neu erfinden. Sie profilierten sich als die Ermöglicher und Verteidiger des protestantischen Glaubens, die zentrale Aussage des Festredners Joachim Whaley.

Der protestantische Glauben ist der Ausgans- und Fixpunkt der Ernestiner, der ihr Denken und Handeln in den kommenden Jahrhunderten bestimmen sollte. Joachim Whaley nannte in seinem Vortrag Namen und Ereignisse, die dafür stehen. Zum Beispiel Ernst I., der Fromme (1601-1675), der herausragende Ernestiner-Herzog im 17. Jahrhundert. Er beauftragte 1635 Theologen der Jenaer Universität, die 1548 gemeinsam von allen ernestinischen Häusern gegründet und betrieben wurde, die Kurfürstenbibel zu kommentieren. Die erste Forschungsstätte für die Geschichte der Reformation ist Gotha, so die These von Joachim Whaley. Ernst der Fromme eröffnete und ermöglichte Bildung für alle, gründete und profilierte die Gothaer Kunstkammer und das Hoftheater.

Leuchtendes Bekenntnis zu Europa auf der Fassade von Schloss Friedenstein in Gotha. Fotos: mip
Leuchtendes Bekenntnis auf der Fassade von Schloss Friedenstein in Gotha. Fotos: mip

Die Heiratspolitik der Ernestiner im 19. Jahrhundert, vor allem die Verbindung zum englischen Königshaus, „sollte den Durchbruch“  bringen. „Fürsten nach Europa exportieren“, das „Gestüt Europas“ etablieren, formulierte Whaley ironisch und zugespitzt das Ziel, das als „enttäuschte Hoffnung“ endete. Dennoch, ein Familienfoto von 1894, aufgenommen in Coburg und in der Landesausstellung in Gotha großformatig zu sehen, zeigt die Verbindungen in europäische Herrschaftshäuser von Spanien bis Rußland. In der Mitte des Fotos thront Victoria, Königin von Großbritannien und Irland, Kaiserin von Indien (1819-1901), Ehefrau von Albert, Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha.

So gibt es viele Geschichten zu erzählen, die mehr als 500 Jahre Geschichte der Ernestiner in Deutschland und Europa spiegeln und bewerten. Ob dadurch die Thüringerinnen und Thüringer erst heute ihre Identität und Wurzeln entdecken? Auf jeden Fall lohnt sich ein mehrfacher und aufmerksamer Besuch der Landesausstellung in Weimar und Gotha, wo über die analogen und virtuellen Bilder hinaus die eine oder andere Erkenntnis aus heutiger Sicht mitgenommen werden kann.

Der Beitrag erschien zuerst im Feuilleton der Tageszeitung Freies Wort und auf thueringen.de

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