Landschaften SO WEIT und so nah*

Der Fotograf Hans-Christian Schink gehört zu den wenigen international etablierten und preisgekrönten Künstlern mit Thüringer Wurzeln. In den beiden Erfurter Ausstellungen „SO WEIT Fotografien seit 1990“ zieht er eine sehr beeindruckende künstlerische Zwischenbilanz.

Anfang November 2020 gerade aufgebaut. Jetzt im Mai 2021 abgehängt.
Kein Besucher hat die Ausstellung von Hans-Christian Schink sehen können.

(November 2020) Die Ausstellung bleibt leer, ist menschenleer, wie die Autobahnen und Landschaften auf den großformatigen und großartigen Fotografien des Künstlers, der 1961 in Erfurt geboren wurde. Eröffnet werden sollte sie Anfang November, kein Besucher und Kunstfreund hat sie bisher offiziell gesehen. Hans-Christian Schink kehrt zurück in seine Heimatstadt, in die Kunsthalle Erfurt. Er macht mit der retrospektiven Überblicksschau der Stadt und den Menschen, den Besuchern, ein wunderbares Geschenk. Das schlug die Kulturverwaltung der Landeshauptstadt Erfurt im Frühsommer 2020 aus, sagte die Ausstellung ab, weil wegen Corona kein Geld in der Kasse sei. Was für ein Armutszeugnis.

Nur gut, dass der private Erfurter Galerist Jörk Rothamel seine Räume öffnete, um einen kleinen Ausschnitt aus Schinks Œuvre mit auszustellen. Die Galerie darf als Verkaufsladen in Pandemie-Zeiten offenbleiben. Später mehr zur Kunst an diesem Ort.

Erfurter Kunstverein rettet Ausstellung
Der Erfurter Kunstverein sprang in der städtischen Kunsthalle kurzfristig als Veranstalter ein, sammelte Spenden von seinen Mitgliedern. Schink und sein Galerist Jörk Rothamel beteiligten sich ebenfalls, Förderer standen zu ihrer Zusage. So konnte die Ausstellung doch noch ermöglicht werden. Die fotografische Zeitreise führt durch drei Jahrzehnte von 1990 bis in die Gegenwart. Sie führt durch die „kleine und die große Welt“, um einen großen Weimarer Klassiker zu zitieren. Sie führt uns in bekannte und unbekannte Landschaften. Das sind Schinks Folien, in denen er im Sichtbaren das bis dahin nicht Gesehene entdeckt.

In der Ausstellung der Vorstand des Erfurter Kunstvereins. Auf dem Boden Plakate
aus 30 Jahren mit Ausstellungen, die der Kunstverein organisierte.

Die erste Reise führt 1990, noch als Student der Fotografie an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, nach Arles in Frankreich. Als Meisterschüler fotografiert Schink 1993, auf Anregung seines Kommilitonen Bernd Streiter, Backsteinkirchen in der Prignitz. Das sind Dorfkirchen mit einer besonderen formalen Struktur und Anmutung. Die Foto-Serie ist ein bisschen versteckt im „langen Gang“ und macht die Arbeitsweise des Künstlers deutlich. Ihn interessieren die Fassaden und die Geschichten dahinter. Er will hinter die Oberflächen schauen. Erste Fotobände entstehen.

Das Besondere festhalten
Die Karriere als Künstler nimmt Fahrt auf. Hans-Christian Schink arbeitet oft im Auftrag, ist als Stipendiat und auf Einladung unterwegs, recherchiert historische Kontexte der Orte, entwirft und verwirft Ideen, lässt sich vor Ort inspirieren und irritieren. Immer mit dem Ziel und Blick, das Besondere, Einzigartige und Unverwechselbare des Augenblicks mit seiner Kamera festzuhalten. Daraus entstehen regelmäßig Foto-Serien, die Geschichten über Länder, Städte und Landschaften erzählen, wo Menschen bleibende Spuren hinterlassen haben, ohne selbst im Bild zu erscheinen.

Das sind beispielsweise die Autobahnen A 4, A9 und A 71 in der Region. Seit Mitte der 1990er-Jahre pflügen neue, breite Straßen und trutzige Brücken ganze Landstriche um, ermöglichen scheinbar grenzenlose Mobilität auf vier und mehr Rädern. Schink ist mit seiner Kamera ganz nah dran und doch distanziert weit weg. Er fotografiert und inszeniert Betonbänder und Brückenpfeiler als banale und monumentale Flächen und Skulpturen, mit Strukturen und Anmutungen, die den Betrachter staunen und gruseln lassen.

Das nächtliche Lichtermeer„LA.Night“ in Los Angeles, der Blick vom Dunklen ins Helle, fasziniert durch die pointilistische Pixel-Struktur der Oberflächen. Die großen Bildformate und sich auflösenden Strukturen lassen den Betrachter rätseln und fantasieren, was er da sieht. Natürliches und künstliches Licht bei Tag und bei Nacht beeinflusst Schinks Foto-Kunst. Er experimentiert und probiert, entwickelt und verwirft Konzepte. Im Südwesten Indiens, in der Provinz, entstehen 2016 durch einen Zufall atmosphärisch unwirkliche, suggestive Fotografien.

Blick in die fast menschenleere Kunsthalle nach der Pressekonferenz im November 2020.

Schink bereist mehrfach Japan. Er fotografiert 2012 die zerstörerischen Folgen eines Erdbebens und dadurch ausgelösten Tsunamis. Eine Spielzeugwelt scheint hier aufgetürmt und durcheinander gewirbelt. Die menschenleere Antarktis ist von Tausenden Pinguinen besetzt. Galerist Jörk Rothamel kennt Schinks Erlebnisse, der auf seiner Reise 2010 immer vor den Hunderten Kreuzfahrttouristen als Erster an Land gehen kann, um die scheinbare Idylle und Leere zu fotografieren. In der Galerie Rothamel in der Erfurter Altstadt hängen einige Werke aus den Serien „Antarctica“ und „Vietnam“, die nach telefonischer Anmeldung unter Corona-Regeln besichtigt werden können.

Fläming, Niigata und Hinterland
Die Ausstellung hat Hans-Christian Schink konzipiert und mit Kunsthallen-Direktor Kai Uwe Schierz und der Kunstvereinsvorsitzenden Susanne Knorr, im Hauptberuf Kuratorin in den Kunstmuseen, gemeinsam gestaltet und gehängt. Da werden zwischen den verschiedenen Foto-Serien, Reise-Orten und Bild-Motiven spannende Dialoge inszeniert. Auf einer Ebene in der Kunsthalle begegnen sich der „Fläming“, eine Region im Süden Berlins, die japanische Präfektur „Niigata“ und das „Hinterland“, abgelegene Regionen in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Eine Zeitreise von 1997 über 2009 bis in die Gegenwart. Menschenleere Dörfer und Straßen mit bröckelnden und geputzten Fassaden. Eine japanische Winterlandschaft, die Schink an den Thüringer Wald in Kinder- und Jugendjahren erinnert. „Hinterland“ ist die neue Heimat, in der Schink seit 2015 lebt und ganz nah dran atmosphärische Momente einfängt.

Landschaften, Stimmungen, Atmosphäre SO WEIT und so nah. Die künstlerische Zwischenbilanz von Schink, der nächstes Jahr 60 wird, beeindruckt außerordentlich. Da bleibt eigentlich nur eine Frage offen. Wann wird er seine Geburtsstadt Erfurt, sein Heimatland Thüringen mit der Kamera erkunden, wie wir es noch nie gesehen haben?

Zweimal verlängert, bleibt die Ausstellung für Besucher geschlossen. Fotos: miplotex

Aber jetzt muss die Ausstellung in der Kunsthalle Erfurt endlich für Besucher offiziell öffnen. Das wäre ein großes Trauerspiel, wenn die großartigen Fotos ungesehen abgehängt werden müssten.

*So kommt es, leider!

(10. Mai 2021) Corona-Pandemie und staatlich verordnete Verbote verhindern, dass die großartige Ausstellung von Hans-Christian Schink in der Kunsthalle Erfurt von Besuchern gesehen werden kann. Sie hängt seit über einem halben Jahr. Sie ist verlängert worden. Sie muss jetzt abgehängt werden. Das ist tragisch für das kunsthungrige Publikum, den Künstler und die Kuratoren.

Der leicht überarbeitete Text entstand im November 2020 und wird hier erstmals veröffentlicht. Er sollte ursprünglich in der Tageszeitung Freies Wort Suhl (und angeschlossenen Zeitungen und Internetportalen) erscheinen.

Mein herzlicher Dank gilt der Vorsitzenden des Erfurter Kunstvereins, Susanne Knorr, und den Vorstandsmitgliedern, dem Direktor der Erfurter Kunstmuseen und Kunsthalle Erfurt, Kai Uwe Schierz sowie dem Erfurter Galeristen Jörk Rothamel.

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