„Vater“ Rosenthal und eine Jahrhundertfeier

Vorbemerkung:
Der Text ist vom 6. März 2020, bestellt von einer Tageszeitung, die ihn bisher nicht publiziert hat. Er wird hier in überarbeiteter Form (im Text gekennzeichnet) erstmals veröffentlicht.


Der Thüringer Landtag wird angebohrt. Eduard Rosenthal ist der Verursacher. Der Freistaat Thüringen feiert sich. Was verbindet alle Drei?

Präsidentin Birgit Keller eröffnet im Thüringer Landtag in Erfurt die Ausstellung mit künstlerischen Entwürfen für ein dezentrales Denkmal für Eduard Rosenthal.

Die erste Frau im Freistaat spricht den Satz gelassen aus: „Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Thüringen wird 100.“ Landtagspräsidentin Birgit Keller eröffnete am 5. März 2020 im Parlamentsgebäude eine Ausstellung mit künstlerischen Entwürfen für ein dezentrales Denkmal für Eduard Rosenthal. Rosenthal? Thüringen wird 100? Eine Bohrung?

In der breiten Öffentlichkeit bisher kaum wahrgenommen und angekommen ist die bevorstehende Jahrhundertfeier am 1. Mai 2020 im Weimarer Fürstenhaus sowie auf Straßen und Plätzen der ersten Thüringer Landeshauptstadt (mittlerweile abgesagt). Der Freistaat Thüringen wird 100 Jahre alt. Das von der Nationalversammlung am 23. April 1920 einstimmig beschlossene Reichsgesetz führte mit Wirkung vom 1. Mai 1920 sieben Kleinstaaten zum Land Thüringen zusammen: Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Meiningen, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Gotha, Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen und Reuß. Die vorläufige Landesverfassung vom 12. Mai 1920 entwarf der Jenaer Staats- und Verfassungsrechtler Eduard Rosenthal (1853-1926): selbst  Abgeordneter des Thüringer Landtages , Förderer von Kunst und Kultur, ein Freigeist und Feingeist. Er wird in der Landes- und Kulturgeschichte Thüringens übereinstimmend hoch anerkannt als „Vater der Thüringer Verfassung“. Nur kennt diesen „Vater“ außerhalb von Jena und von Expertenkreisen kaum ein Thüringer Bürger. Das soll sich ändern.

Ausstellung zur Geschichte der Weimarer Republik im Haus am Weimarer Theaterplatz.

Deshalb lobten die Stadt Jena und die Friedrich-Schiller-Universität den Botho-Graef-Kunstpreis 2018 mit der Maßgabe aus, dem Vater der Thüringer Verfassung zu gedenken und ihn zu ehren, künstlerische Ideen für ein dezentrales Denkmal einzureichen. Eingeladen wurden zu einem Wettbewerb sechs renommierte Künstlerinnern und Künstler, die sich mit Rosenthals Wirken und deren Orten sowie einem „verschwundenen Bild“ auseinandersetzen sollten. 1929 entstand ein Porträt Rosenthals vom renommierten Berliner Maler Raffael Schuster-Woldan. Die Nationalsozialisten hängten mit ihrer Machtübernahme das Bild des ehemaligen Rektors der Universität, des Juden und Demokraten Rosenthal ab. Es ist bis heute verschwunden.

In diesem biografisch-zeitgeschichtlichen Kontext sollten künstlerische Ideen und Entwürfe eingereicht werden. Eine Jury entschied sich für „Einblicke. Erkundungsbohrungen nach einem verschwundenen Bildnis“ von Horst Hoheisel und Andreas Knitz. Dabei handelt es sich um künstlerische Interventionen an fünf Wirkungsorten Rosenthals in Jena, Weimar und Erfurt. Das Landtagsgebäude in Erfurt soll voraussichtlich im Juni 2020 angebohrt (der Termin ist mittlerweile ungewiss) und damit verletzt werden. Das ca. 20 Zentimeter messende Bohrloch neben dem bekannten Schriftzug „Thüringer Landtag“ schafft einen Durchblick in den Landtagsgarten. In das Loch wird eine optische Hülse mit Linsen eingesetzt, komplettiert mit kurzen Texten bzw. Fragen zu Rosenthal und seinem Wirken. Die Künstler erklären in einem Video in der Erfurter Ausstellung, sie wollen die einzelnen Betrachter zum Nachdenken animieren.

Nachdenklich stimmt, dass dieses hochkarätige Projekt mit performativen Formaten in Jena am 24. April (da wird gebohrt und zu drei Orten flaniert), (findet nicht statt) mit Begleitprogramm, Video und Katalog offenbar die herausragende künstlerische Würdigung von Rosenthal und dem Jahrhundertjubiläum Thüringens sein wird. Am Gründungsort des Freistaats Thüringen in Weimar ist am 1. Mai 2020 eine offizielle Festveranstaltung im Fürstenhaus, dem Hauptstandort der heutigen Musikhochschule, und danach ein öffentliches Bürgerfest geplant. (mittlerweile abgesagt) Was da genau stattfindet, ist der offiziellen Website thueringen100.de aktuell nicht zu entlocken. Bisher sind gerade einmal fünf Veranstaltungen zum Thüringen-Jubiläum angekündigt. Unter der Rubrik Ausstellungen und Projekte werden das dezentrale Denkmal für Eduard Rosenthal und eine nicht näher beschriebene „multimediale Wanderausstellung durch die Einkaufszentren der Region“ ab Ende April 2020 genannt. (wird wohl so nicht stattfinden)

Eine „Virtuelle Thüringer Landesausstellung“ zum Jubiläum kündigte Ende Februar der Museumsverband Thüringen an. 100 Objekte aus 100 Museen Thüringens sollen auf einer Internetplattform im Spätsommer oder Herbst 2020, also lange nach dem 100. Geburtstag, präsentiert werden. Ein inhaltliches Konzept, eine mit Thüringen verbundene Geschichte, die erzählt werden könnte, ist damit offenbar nicht verbunden. Im Otto-Mueller-Museum Schmalkalden wird ab 5. September 2020 die Ausstellung „100 Jahre Kunst in Thüringen“ zu sehen sein. Angekündigt werden die „interessantesten künstlerischen Positionen dieser Zeit“ in Zusammenarbeit „mit den wichtigsten Thüringer Kunstmuseen“, heißt es auf der Website des Museums.

Der Thüringer Landtag, Zentrum der Demokratie in Thüringen. Alle Fotos: miplotex

Und sonst? Einige Bücher erscheinen, unter anderem eine kurze, nach zehn Jahren wieder aktualisierte Geschichte Thüringens sowie Publikationen der Landeszentrale für politische Bildung Thüringens, darunter über die erste Verfassung des Freistaats Thüringen. Eine repräsentative, vielleicht auch dezentrale Thüringer Landesausstellung zum 100. Jubiläum 2020 war wohl nie geplant und gewollt. Sie hätte Thüringen in ganz vielen Facetten (politisch, kulturell, wirtschaftlich etc.) leuchten lassen können. Und vielleicht beigetragen zu einer gesellschaftlichen Debatte über Identität und Fremdheit, was Thüringen einst und heute für Bürgerinnen und Bürger bedeutet.

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