Geschlossen, aber virtuell geöffnet

Eine Drohne fliegt vom Gothaer Hauptmarkt kommend über Schloss Friedenstein bis zum Herzoglichen Museum. Was für außergewöhnliche Luftbilder, die kein Museumsbesucher im Schloss oder in einer Ausstellung sehen kann.

Das 32-Sekunden-Video läuft als Endlosschleife zur Begrüßung auf dem Facebook-Account der Stiftung Friedenstein. Museen und Ausstellungen sind in Deutschland und Thüringen seit Mitte März wegen der Corona-Pandemie für Besucher geschlossen. Das gilt auch für das Barocke Universum Gotha der Stiftung Friedenstein. Das verspricht auf seiner Internetseite: „Unsere Museen sind geschlossen … aber für Sie virtuell geöffnet.“ Starten wir den Test, die Museen und ihre virtuellen Angebote vom Schreibtisch, dem Sofa oder der Sonnenterrasse aus zu erkunden.

Das geht, aus der Sicht des virtuellen Besuchers, nur mit einer stabilen, schnellen Internetverbindung, mit einem modernen Smartphone oder einem anderen Endgerät, die mit entsprechender Software ausgerüstet sind. Was sich hier so selbstverständlich vielleicht liest, ist längst nicht Normalität. Ein virtueller Museumsbesuch, scheinbar kostenlos, verursacht Kosten. Und er fordert den Nutzer heraus, mit dem virtuellen Angebot auch umgehen zu können.

Die Internetseite ist das digitale Herz jeder analogen Institution: ob in Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport oder einem anderen Bereich. Dieses Herz schlägt in Echtzeit, jede Sekunde, agiert und reagiert auf seine analoge und digitale „Umwelt“, will permanent gepflegt und versorgt werden. Die Internetseite „stiftungfriedenstein.de“ ist ein bisschen in die Jahre gekommen, gibt Stiftungssprecher Marco Karthe zu. Bis zum Jahresende 2020 soll sie modernisiert und aufgehübscht werden, ein Relaunch steht an. Dazu später mehr.

Einladung zum virtuellen Rundgang.

Das Barocke Universum Gotha lädt zum virtuellen Rundgang an sechs reale Orte ein: in die historischen Räume von Schloss Friedenstein mit der Kunstkammer bis zum Schlosspark. Ein Klick auf das erste Symbolfoto. Ein Einführungstext folgt und ein Video, wie bei fast allen folgenden Stationen. Der seit Ende 2018 wegen der Generalsanierung geschlossene Westflügel des Schlosses kann mit einem 360-Grad-Rundgang virtuell erkundet werden. Das macht Spass, weil der Besucher selbst bestimmen kann, was er sehen und lesen will. Mit ein bisschen Experimentierfreude erschließen sich die virtuellen Steuerungselemente. Dort ein prächtiges Porträt anschauen und im Kontextmenü Informationen über Kurfürst Friedrich I. aufrufen, anschließend durch die Tür ins nächste Gemach flanieren, das nächste Schauobjekt anklicken und weiterscrollen. So kann man sich im Westflügel virtuell verlaufen wie bei einem „richtigen“ Besuch vor Ort.

Neben dem 3D-Rundgang gibt’s noch eine Bildergalerie mit herausragenden Museumsräumen und -objekten sowie kurzen Informationen dazu. Die Fotos könnten brillanter sein, vielleicht eine kurze, zusammenhängende Geschichte erzählen. Das ist nicht der Fall.

Im Herzoglichen Museum taucht im Video der ehemalige Stiftungsdirektor Martin Eberle als Museumsführer auf. Das irritiert schon, obwohl das Eberle richtig gut macht. Auch der ehemalige Direktor Bernd Schäfer gibt seinen Expertenkommentar ab. Das Video stammt von der Museumseröffnung 2013. Im Internetzeitalter ganz schön alt. Gehört eigentlich ins Archiv und nicht auf die aktuelle Internetpräsentation.

Bemerkens-, hörens- und sehenswert in der „Baustelle Geschichte“ der „Jugend-Audioguide“ zum Herunterladen aufs eigene Smartphone und eine „Audio-Slideshow“, eine bebilderte Geschichte vom Neandertaler bis zum Mauerfall. Jugendliche vermitteln Jugendlichen ihre Geschichtsbilder. Die Slideshow auf YouTube haben seit Oktober 2019 bisher keine 50 Leute angeklickt, schade.

Alle Screenshots: miplotex

Die Stiftung Friedenstein, die Pressestelle, bespielt die gängigen Social-Media-Plattformen Facebook, Instagram, Twitter und einen YouTube-Kanal. Der hat gerade mal 32 Abonnenten, das ist recht bescheiden. Aber das Angebot dort ist auch sehr, sehr bescheiden. Bei Facebook und Instagram ist da schon mehr los, vor allem, seitdem die „physischen“ Museen und Ausstellungsräume geschlossen sind. In den Osterferien lief eine Aktion „Mach mit“, in der Museumsobjekte oft mit witzigen, überraschenden Fotos vorgestellt wurden, dazu eine kurze Geschichte, ergänzt um Bastelanleitungen zum Herunterladen auf der verlinkten Internetseite. Wie ist das angenommen worden? Pressesprecher Marco Karthe ist auf so ´ne Frage nach Resonanzen auf Angebote im Internet, auf Zugriffszahlen, Verweildauer und Seitenansichten von virtuellen Besuchern nicht vorbereitet, antwortet allgemein.

Ein paar Zahlen gibt es doch: 241.492 Zugriffe im vergangenen Jahr auf die Homepage der Stiftung erscheint sehr bescheiden. Im Vergleich: Die Klassik Stiftung Weimar zählte mehr als das Zehnfache, das ist gut, aber nicht überragend. Bei den Followern, Fans und Likes auf den Social-Media-Kanälen der Stiftung Friedenstein ist noch eine Menge „Luft nach oben“ zu vergleichbaren Museen in Deutschland und Europa. Denn nur das kann der Maßstab sein.

Ein gut aufbereites und strukturiertes, modernes und aktuelles Online-Angebot hat die Stiftung Schloss Friedenstein für ihre physischen und virtuellen Besucher nur begrenzt. Die Website soll laut Pressesprecher Karthe bis Ende 2020 mehr und bessere digitale Angebote für unterschiedliche Zielgruppen (Museumsbesucher, Schulen, Medien, Forschung) bekommen. Ein eigener Blog ist geplant, der mit unterschiedlichen Medien (Text, Foto, Audio, Video) bespielt werden soll. „Wir wollen, dass die Menschen zu uns in die historischen Räume und Ausstellungen kommen. Die virtuellen Angebote sind eine Brücke dafür“, sagt Marco Karthe. Dem kann man nur zustimmen.

Nach Redaktionsschluss:
Ab 27. April 2020 können Museen und Ausstellungshallen in Thüringen wieder öffnen, wenn Hygienebedingungen, Abstandsgebot und weitere Regeln eingehalten werde.

Der Beitrag soll in der Zeitung Oscar am Freitag erscheinen und wird hier erstmals online veröffentlicht.

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