Vorwürfe: Sexuelle Gewalt und mehr | Theater Erfurt 1_4

Die trauen sich was. Stellen den „Gott“, pardon, den Generalintendanten, einfach so zur Rede. Herr M. sei ein Sexist? Der „General“ explodiert wie ein Vulkan, er müsse sich das nicht bieten lassen. Am liebsten hätte er den beiden jungen Menschen eine „gewatscht“.

Ist das Drama? Oder Lustspiel? Oder eine Soap? Ernsthaft: Im Theater Erfurt sorgen harte Vorwürfe vor allem von Künstlerinnen und Künstlern wegen sexueller Übergriffe und Machtmissbrauch für große öffentliche und mediale Aufmerksamkeit weit über die Stadt hinaus. In vier Teilen berichte ich anhand von Fakten und eigenen Recherchen über Hintergründe und Abgründe eines Theater- und Verwaltungsskandals.

Als „Götterturm“ wird im Theater Erfurt das Büro des Generalintendanten bezeichnet. Guy Montavon hat den gläsernen Bau hoch oben hinter dem Bühnenturm nicht geplant und gebaut: Ein Büro so groß wie eine Vier-Raum-Wohnung. Dazu eine ausladende Terrasse mit Blick zum Petersberg.

Da oben, im „Götterturm“, empfängt der „Gott“ letzten Oktober zwei „Kirschen“ (oder „zwei Schnecken“) zum Gespräch. Die damalige Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Erfurt und ihre Mitarbeiterin sind, nun ja, irritiert über den Sound.

Der „Negligé“-Eklat auf der Bühne des Theaters Erfurt ist Geschichte. Darf Herr Montavon der Künstlerin so nahetreten und nachschauen, ob sie mit oder ohne BH über die Bühne läuft? Die „Episoden“ sind im Untersuchungsbericht der Kanzlei SSP-Berlin dokumentiert. Einige Menschen konnten den Bericht lesen. Mit einigen habe ich gesprochen.

In dem 124-Seiten-Bericht plus Anhang werden 20 Fälle von Betroffenen aufgeführt, oft aus der Perspektive von Dritten. Es geht um mutmaßliche sexuelle Übergriffe, offen demonstrierte Machtausübung von Montavon, die von Betroffenen als bedrohlich empfunden wird. Weitere Vorwürfe sind dokumentiert. Der ganze Bericht wird nicht veröffentlicht, Stichworte Datenschutz und Persönlichkeitsrechte.

Vorwürfe: sexuelle Gewalt, Machtmissbrauch, Misswirtschaft. Schnee von gestern? Fotos: miplotex

Ist das alles Pillepalle? Oder Anmache? Oder was ist das? In einer Information der Stadtverwaltung Erfurt vom 30. Januar ist die Rede über „Vorkommnisse im Bereich sexueller Gewalt und des Machtmissbrauchs“. Hoppla! Sexuelle Gewalt? In der öffentlichen Stadtratssitzung am 7. Februar formuliert der Kulturbeigeordnete: „Wir haben nicht damit gerechnet, dass das Thema der sexuellen Gewalt und des Machtmissbrauchs so eine Dimension hat.“

„Gewalt“? „So eine Dimension“? Da müssen wohl noch ein paar Dinge mehr im Theater passiert sein. Dann relativiert die Stadtverwaltung wieder. In ihrer Info und Diktion liest sich das so: „Festgestellt wurden im Ergebnis Rechts- und Regelverstöße im Theater Erfurt, aber keine verfolgbaren Straftaten.“ Und weiter: „Gegen den Generalintendanten bestehen Verdachtsfälle“, aber „kein hinreichender Tatverdacht im engeren strafprozessualen Sinne“. Das muss ich hier so stehen lassen.

Wie klärt die Spitze der Stadtverwaltung den Skandal auf? Sie will auf einmal alles schnell vom Tisch haben. Am 26. Januar, nach 14 Tagen „Nichtstun“ und 8 Tagen hektischer Betriebsamkeit, unterschreiben der Erfurter Oberbürgermeister und der Generalintendant des Theaters Erfurt eine „Aufhebungsvereinbarung“. Darin steht unter anderem: Der Rechtsträger (die Stadt Erfurt) entbindet Herrn Montavon ab 1. Februar 2024 von seinen Pflichten als 1. Werkleiter und erteilt dem Generalintendanten Entlastung. Ups! Die vertraglich vereinbarte Vergütung wird weiter gezahlt bis zum 31.12.2025 plus eine Abfindung von sechs Bruttomonatsgehältern.

Der Stadtrat stimmt in einer nicht öffentlichen Sondersitzung am 31. Januar dem Aufhebungsvertrag mehrheitlich nicht zu, vor allem wegen der „Entlastungsklausel“. (ausführlich im 2. Teil).

Am Rande: Die Presseerklärung mit der Überschrift „Guy Montavon bleibt Generalintendant“ (stimmt ja auch) diktieren Montavons Anwälte der Stadtverwaltung in die „Aufhebungsvereinbarung“. Die Pressemitteilung wird zeitgleich am 26. Januar durch die Stadtverwaltung Erfurt an die Medien versendet und auf der Website des Theaters Erfurt veröffentlicht.

Generalintendant Guy Montavon. Website des Theaters Erfurt. Screenshot: miplotex

Am 27. Januar ist im Theater Erfurt Premiere der Oper „Rusalka“, Regie Guy Montavon. Der Generalintendant tritt nach der Premiere nicht vor den Vorhang. Der Beifall gehört allein den Künstlern und dem Inszenierungsteam – ohne ihn.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

− 1 = 8

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.