Druck und Misstrauen | Theater Erfurt 2_4

„Jetzt reicht´s!“, ruft erregt der langjährige Erfurter Stadtrat dem Oberbürgermeister auf offener Bühne ins Gesicht. Am Verwaltungschef scheint der emotionale Ausbruch abzuperlen. Später wird der OB selbstbewusst (oder selbstherrlich?) reagieren: „Ich habe in der Causa keine Fehler gemacht und mich korrekt verhalten.“

Ist das Drama? Oder Lustspiel? Oder eine Soap? Im Theater Erfurt sorgen Vorwürfe sexueller Übergriffe und Machtmissbrauch für große öffentliche und mediale Aufmerksamkeit weit über die Stadt hinaus. Ehrenamtliche Stadträte machen Druck auf die Spitze der Stadtverwaltung. Die Aufklärung gehe zu langsam, sei intransparent und erfolge „in Hinterzimmern“. Teil 2 eines Theater- und Verwaltungsskandals.

Die aktuelle Stunde in der öffentlichen Stadtratssitzung am 7. Februar zur „Schieflage am Theater Erfurt“ fällt aus. Das sei alles schon eine Woche zuvor in Sondersitzungen des Werkausschusses Theater und im Stadtrat besprochen worden. Nur blöd für die Öffentlichkeit. Das fand alles ohne sie, die Öffentlichkeit, statt. Nicht öffentlich, wie fast immer, wenn es um das Theater Erfurt geht.

Über die „Dringliche Sondersitzung des Stadtrates“ am 31. Januar, die sich mit dem Theater- und Verwaltungsskandal befasst, gibt es noch nicht einmal eine veröffentlichte Tagesordnung. Alles nicht öffentlich, nur die Sitzungsdauer ist auf der Website der Stadt  im „Bürgerinformationssystem“ dokumentiert: von 19:22 Uhr bis 23:28 Uhr. Neben Stadträten, Verwaltungsmitarbeitern, berufenen Bürgern nehmen als Gäste Vertreter der Kanzlei  SSP-Berlin als Autoren des Untersuchungsberichts sowie Vertreter des Personalrats des Erfurter Theaters teil. Es ist eine sehr emotionale und ermüdende, mehr als 4 Stunden dauernde Sitzung, ist danach zu hören.

Emotional, ermüdend, nicht öffentlich: Nachtsitzung im Erfurter Rathaus.

Ergebnisse? Die bisherige Werkleitung des Theaters, Generalintendant Montavon und Verwaltungsdirektorin Klepp-Pallas, wird vom Stadtrat abberufen. Die von OB Bausewein schon unterschriebene „Aufhebungsvereinbarung“ mit Montavon winkt der Stadtrat nicht durch (Link 1). Als neue Werkleiter werden übergangsweise der bisherige Stellvertreter des Generalintendanten, Malte Wasem, und die Diplom-Kauffrau Christine Exel, „ausgeliehen“ von den Stadtwerken Erfurt, vom Stadtrat berufen (mehr im 4. Teil).

Der Stadtrat beauftragt die Stadtverwaltung, eine neue „Aufhebungsvereinbarung“ mit den Anwälten von Montavon auszuhandeln. Hinzu kommen Aufträge an die Stadtverwaltung für weitere Untersuchungen: zum Handeln der Stadtverwaltung selbst in der Affäre sowie Sonderprüfungen zur wirtschaftlichen (Schief)Lage des Theaters. Die ehrenamtlichen Stadträte machen mehrheitlich so einen Druck, wie ihn die amtierende Spitze der hauptamtlichen Stadtverwaltung, Oberbürgermeister und Kulturdezernent, bisher noch nicht spürten.

„Drucksache“: Stadtverwaltung soll Untersuchungsbericht veröffentlichen. Fotos: miplotex

In der regulären Stadtratssitzung am 7. Februar flammt die Debatte um das Theater öffentlich auf. Eine Stunde lang kritisiert die Mehrheit der Stadträte die Spitze der Stadtverwaltung zum Teil sehr heftig. Wenige Worte und Zitate (hier ohne Kontext): „Misstrauensgefühl“, „Hinterzimmergespräche“, „nichts passiert“, „das ist ein Skandal“. Mehr Worte: „Ein mit Händen greifendes Misstrauen gegenüber der Stadtverwaltung“, „Es kann nicht sein, dass die Mitarbeiter am Theater und die ehrenamtlichen Stadträte mehr tun als der Dienstherr, die Stadtverwaltung.“

Der Oberbürgermeister, direkt angesprochen, reagiert endlich und wiederholt: Die externen Untersuchungen hätten „keine strafrechtliche und arbeitsrechtliche Relevanz“ ergeben. Mit Bezug auf das fehlende Vertrauen der Mehrheit des Stadtrates in seine Person und sein Handeln, kündigt der OB an: „Ich nehme mich da jetzt selber gern raus.“ Ups!

Ach ja, zuvor fällt der eingangs zitierte Satz: „Ich habe in der Causa keine Fehler gemacht und mich korrekt verhalten.“

Der selbst ernannte Aufklärer zieht sich zurück. Sollen doch andere aufklären. Der OB fügt hinzu: Der Untersuchungsauftrag und die Prüfungen sollen sich „ausdrücklich auch auf den Werkausschuss Theater ausdehnen“. Das zielt gegen die 13 ehrenamtlichen Stadträte in diesem Gremium.

Das alles heizt die Emotionen im großen Ratssitzungssaal an. Zwei langjährige Stadträte widersprechen und kritisieren Bausewein auf offener Bühne. „Jetzt reicht´s!“ Der Theater- und Verwaltungsskandal in Erfurt ist noch lange nicht ausgestanden, ob in „Hinterzimmern“ oder auf „offener Bühne“.

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