Bauhaus-Museum mit Abstand neu entdeckt

Besucher flanieren wieder durch das weitläufige Bauhaus-Museum in Weimar. Kein Gedränge und Geschiebe, kein Grundrauschen wie im Eröffnungsjahr 2019. Da bleiben Zeit und Muße für einen entspannten Rundgang und neue Entdeckungen.

Der Museumsvorplatz gehört drei Skatern, die ihre Runden drehen.

Keine meterlange Besucherschlange drängelt sich, wie so oft im letzten Jahr, über den weiten Vorplatz zum Eingang des Bauhaus-Museums. Der Platz gehört an diesem Mittwochvormittag drei einsamen Skateboardern, die sich hier austoben. Am Museumseingang sind die Corona-Regeln für den Besuch plakatiert: die bekannten Hygiene- und Abstandsregeln, Mund-Nase-Bedeckung inklusive. Also den Schutz ins Gesicht geschoben und hinein ins Foyer.

Die Klassik Stiftung lässt in ihr erstes Haus in Weimar jetzt jede Viertelstunde 15 Besucher herein. Dieses Limit wird an dem Vormittag nicht ausgeschöpft, das Haus ist aber gut besucht, wie mir eine Aufsicht mit Abstand durch ihren Mundschutz flüstert. Im Eröffnungsjahr 2019 kamen im Durchschnitt täglich rund 1.000 Menschen in das neue Museum, in neun Monaten exakt 268.305 Besucher. Die Eintrittskarte kostet 10 Euro, die Kombikarte für fünf Weimarer Museen der Moderne 15 Euro, gültig bis zum Jahresende. Besucher sollen ja wiederkommen.

Der papierne Faltplan für den Rundgang durchs Museum ist eine gute Orientierung. Er wirbt auch für die App Bauhaus+. Sie kann kostenfrei über die bekannten App-Stores und mit dem freien W-LAN im Museum auf das eigene Smartphone oder Tablet heruntergeladen werden. Die App bietet, gut sortiert und einfach zu handhaben, Audios, Videos, Fotos und Texte mit vielen Basis- und Hinterrgrundinformationen für den Ausstellungsrundgang an. Das ist besonders jetzt nützlich, weil es keine Führungen oder andere, über den individuellen Rundgang hinaus begleitende Museumsangebote gibt.

Die neu installierte Medienwand, ein bisschen versteckt hinter dem Kassenbereich.

Als wissender Museumsbesucher frage ich nach der neuen Medienwand im Foyer, denn darauf wird leider nicht aufmerksam gemacht. Sie befindet sich an der rückwärtigen, nicht einsehbaren Seite des Kassenbereichs und ist während der Schließzeit des Museums installiert worden. Wow! Beeindruckend auf den ersten Blick. Leuchtbilder und Screens, Texte und ein Zeitstrahl von 1914 bis in die Gegenwart geben einen guten Überblick über die Geschichte des Bauhauses, seiner Protagonisten, Produkte und Produktionen im Kontext der Zeitgeschichte. Für die geschätzt 30 bis 40 Meter lange Medienwand sollte sich der Besucher Zeit nehmen, es lohnt sich.

Im ersten Obergeschoss scheint Alles beim Alten, wie vor der Corona bedingten Schließung. Die berühmte Bauhaus-Wiege von Peter Keler steht an ihrem angestammten Platz. Die dicht gehängte Wand mit den Feininger-Gemälden und anderen Bauhaus-Bildern ist bei der überschaubaren Besucherzahl jetzt als Ganzes erkennbar. Ein Handzettel (neu?) listet die Namen der Meister, Schüler und der Bilder auf, alles gut lesbar, weil die Schriftgröße stimmt. Das ist ein immer wieder kontrovers diskutiertes Thema in Museen: wie groß, wie viel und wo die Texte besucherfreundlich platziert werden sollen. Oder ausgedruckt zum Mitnehmen, wie in diesem Fall.

Mit Mund-Nase-Bedeckung und Smartphone durch die Ausstellung.

In Weimar gehen die Museumsmacher beide Wege in der individuellen Vermittlung ihrer Bilder und Botschaften. Einzelbesucher, und nur die kommen jetzt, können im Museum Texte lesen und visuelle Eindrücke aufnehmen. Sie können parallel mit ihrem Smartphone und der erwähnten App Bauhaus+ zusätzliche multimedial aufbereitete Informationen abrufen. Bei unserem rund zweistündigen Rundgang haben wir nur zwei weitere Besucher getroffen, die das multimediale Angebot nutzten.

In der Fülle der Objekte gehen vielleicht die beiden neu in die Ausstellung gehängten Glasfenster von Peter Keler unter. Sie kreuzen den Blick auf die erwähnte Bilderwand, wie überhaupt der Bereich „Experiment am Bauhaus“ im ersten Obergeschoss ein „Experiment in der Ausstellung“ für die Aufnahmefähigkeit der Besucher ist. Die Fülle an den Wänden und in den Vitrinen braucht Zeit und Muße, die der Besucher gerade jetzt hat.

Einige Tänzer tragen eine Maske im legendären „Triadischen Ballett“ von Bauhaus-Meister Oskar Schlemmer. Das Video auf der großen Projektionsfläche, schon mehrfach gesehen, wirkt jetzt ganz anders und überraschend in dieser Theater freien Zeit. Eine praktikable Alternative in Corona-Zeiten? Immer weiter und höher geht’s bis unters Dach  zur großen Schau-Vitrine, die wie ein langes, hohes Regal eingerichtet ist: mein Lieblingsort und -Objekt im neuen Bauhaus-Museum. Walter Gropius, der Gründer und Übervater des Bauhauses, stellte mit dem damaligen Weimarer Museumsdirektor Wilhelm Köhler 1925 die erste Bauhaus-Sammlung mit 168 Objekten von Lehrern und Schülern zusammen. Die Kisten lagerten unbeachtet bis 1955 im Weimarer Stadtschloss. Die „Ursammlung“ des Bauhauses ist weitgehend vollständig erstmals im Museum zu sehen.

90 Stufen abwärts führt die Kaskadentreppe zum Ausgang.

Immer wieder ein Erlebnis: die abwärts über 90 Stufen führende Kaskadentreppe zum Ausgang. Für die einen Besucher ist das ein Kick, für andere nur gruselig. Noch schnell in den gut bestückten Museumsshop: Merchandising-Produkte en masse und jede Menge Bauhaus-Bücher. Der handliche, preiswerte Hauskatalog ist ein Bestseller geworden.

Für reichlich zwei Stunden Rundgang mit der lästigen Maske werde ich entschädigt. Das Museumscafé „Kunstpause“ hat geöffnet: mit Selbstbedienung, Tische und Stühle auf Distanz, Kaffee und Kuchen auf der Terrasse. Die Sonne lacht vom Mittagshimmel. Bei allen Einschränkungen, die der Pandemie geschuldet sind: Ich habe das Bauhaus-Museum mit Abstand, Hygieneregeln und Mundschutz ganz entspannt neu entdeckt.

Der Text erschien zuerst in der Tageszeitung Freies Wort, Printausgabe und E-Paper.
Er wird hier erstmals online veröffentlicht. Fotos/Screenshot: miplotex

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